Wir haben einen guten Ruf in schlechten Kreisen

Als sie mich gestern Abend anlachte und vorschlug, wir könnten doch um sechs Uhr aufstehen und gemeinsam Radfahren vor dem erwarteten Regen, drehte ich mich auf die andere Seite und schlief aus Protest ein. Als ich um acht Uhr aufwachte und zu den Rädern torkelte, benommen von einem wirklich seltsamen Traum, der um diese Uhrzeit im Blog nicht beschrieben werden darf, fiel mir diese lächerliche Kleinigkeit auf: Dieses Fahrrad trug noch keine Kette.

Wartehaus vor Nichts

Es war unklar, wann ich zurückkommen würde. Die Erfahrung hat gelehrt, mich nicht nach den ersten Ausfahrten auf neuen Rädern zu verabreden. Als ich letztes Jahr mit dem anderen Colnago aus Italien zurückkehrte, lernte ich in den darauffolgenden Wochen südländische Gelassenheit: Ich bin kilometerweit in Radschuhen gelaufen, Strecken, die sämtliche Verabredungen an diesen Tagen ruiniert haben; wegen des Pedals, das sich am Nordfriedhof aus der Kurbel drehte und das Gewinde mit ihm, auch wegen der Speiche, die in einem kleinen Dorf im Süden brach fernab jeder Bahn. Es ist wie mit einem alten italienischen Auto, sagt D., man muss solche Situationen als Gelegenheit sehen, in der sich das Leben ändern kann. Man darf nur eben nicht ankommen müssen.

Colnago C50

Ich habe in den letzten Tagen oft über den Rahmen gestrichen, ich habe ihn geputzt und gepflegt, ich habe neue Schläuche und alte Mäntel auf die Felgen gezogen, ich habe heute morgen eine fabrikneue Kette montiert. Und schließlich bin ich aufgebrochen zur einer kleinen und langsamen Runde, um ein Gefühl zu bekommen für den Rahmen, für die Geräusche, die dieses Rad macht. Die erste Fahrt ist immer etwas Besonderes, man fährt sie ohne Musik und vergleichsweise langsam, damit man das Surren des Rahmens gut hört und Geräusche, die einem zeigen, wenn etwas nicht stimmt. Mit jedem Kilometer wird die Liste der Dinge länger, um die man sich in den darauffolgenden Tagen dann kümmert. An diesem Rad gibt es verschiedene Teile, die ich im Winter ersetze: Der Lenker und der Vorbau sind schrecklich (doch die neuen Teile liegen schon hier), die Schaltbremshebel aus Aluminium sind nett, aber andere aus Carbon passen nun einmal besser. Der Umwerfer und das Schaltwerk, und schließlich diese Dreifachkurbel. Ich bitte sie: Dreifachkurbeln sind für alte Männer, die den Jaufenpass hinaufkeuchen wollen. 

FSA K-Wing

Ich habe erwartet, dass ich heute wieder schiebe. Natürlich gab es ein, zwei Details, die nicht optimal liefen, wir lernen uns schließlich gerade erst kennen. Aber ich kam an, wir kamen durch. Allein eines macht mir noch Sorgen: Die Farbgebung des Rahmens, diese orangenen Streifen. Ich besitze keine Schuhe, ich besitze keine passenden Handschuhe, die mit diesem Detail harmonieren.

– t: Thees Uhlmann – Kaffee & Wein

15 Gedanken zu „Wir haben einen guten Ruf in schlechten Kreisen

  1. Man darf nur eben nicht ankommen müssen.

    Mit einem Kind, das aus dem Kindergarten abgeholt werden muss oder aus der Schule nach Hause kommt und keinen Schlüssel hat, sieht man das notwendigerweise ein bisschen unlockerer. Aber schlimmeres als Platten, die ich unterwegs flicken konnte, hat mich auch nie aufgehalten bisher an Tagen, an denen ich zum Zeitpunkt X am Ort Y zu sein hatte. Das Steuerrohr meines alten Stahlrenners hat sich denn auch prompt an einem Samstag verabschiedet, als Frau und Kind weit weg weilten.

    Viel Freude mit dem neuen Gerät, irgendein Kleidungsstück mit Orange wird sich noch finden – und wenn es nur das Innenpolster der Radhose ist. ;-)

  2. Der Vorteil von Alleinfahrten ist natürlich, dass man niemanden aufhält, wenn es soweit ist…

    Ich habe gestern Abend, als Bayern vor den Wahlanalysen saß, ebay leergekauft und nun fehlt mir eigentlich bloß noch eine passende Kurbel, dann wäre das Rad fertig für den nächsten Sommer. (Soviel zur Winterbeschäftigung.)

  3. Der Don hat seine Schraub-Projekte für den Winter nach eigenem Bekunden auch schon weitgehend abgeschlossen, der wird in der Ebucht dann wahrscheinlich auch noch groß auf Fischzug gehen. ;-)

    Und ich schiebe immer noch die STI-Umrüstung von Monsieur Mercier vor mir her. Im Moment kann man ja noch fahren…

  4. Ich befürchte beinahe, dass mir langweilig werden wird. Ich habe sogar ernsthaft über einen Rollentrainer nachgedacht: Bei dem momentanen Wetter wird man ja depressiv.

    Aber wahrscheinlich steckt der Teufel in den Details und der Um- und Aufbau zieht sich eine Weile hin. Einerseits hoffe ich das, andererseits nicht.

  5. Für einen Rollentrainer hätte ich nur im schmuddeligen Keller Platz, aber selbst unter anderen Wohnverhältnissen wüßte ich nicht, ob das für mich funktioniert. Irgendwie brauche ich den Fahrtwind, auch wenn ich dann fluche, wenns aus West wieder so herbstlich pfeift. Aber so lange es nicht dauerschüttet, tut sich ja doch das eine oder andere Zeitfenster auf, um ein paar Kilometer runterzuspulen. Aber ich kann als Hausmann/Homeofficer freilich auch etwas spontaner agieren. Anderfalls würde ich dem Rollentrainer sicher eine Chance geben.

    Ich habe in den letzten drei Wintern tatsächlich geschafft, eine gewisse Fahrleistung aufrecht zu erhalten, so dass ich im Frühjahr nicht wieder komplett bei Null anfangen musste. Es erfordert allerdings eine gewisse Umstellung, man muss vielleicht rumprobieren, um Klamotten-Setup, Tempo und Fahrdauer so abzustimmen, dass man nicht von außen her friert, dann von innen her die Kluft durchsaftet und dann erst so richtig fies friert. Es ist auch darauf zu achten, in der Kälte die Anstrengung so zu limitieren, dass man noch überwiegend durch die Nase atmen kann und nicht knackekalte Luft direkt in die Bronchien hechelt. Wenn man da mal Erfahrungswerte hat und drauf eingestellt ist, dass es nicht die gleiche Fahrerei ist wie im Sommer, dann ist der innere Schweinehund kein ernstzunehmender Gegner, der einen komplett davon abhalten könnte, auch in der kalten Jahreszeit eine gewisse Freude am Fahren zu haben.

  6. Es ist ja nicht so, dass ich im Winter nicht Rad fahre. Immerhin habe ich Ende 2012 meine Monatskarte zurückgegeben und mache seitdem eigentlich fast alles zu Fuß oder auf dem Rad (auch wenn ich ab und zu im langen Winter einen Freund überredet habe, mich mitzunehmen). Aber all das mache ich eben nicht mit den Rennrädern, sondern mit dem … Standardrad hört sich zu negativ an:
    http://instagram.com/p/TFsUsnt7rV/

    Die Rennräder im Winter rauszuzerren bringe ich eher nicht über Herz. Da lag der Gedanke an eine Rolle nahe. Andererseits kenne ich mich und auch wenn das Fahren auf einer Rolle doppelt so viel Spaß macht wie das Laufen auf einem Band, dann ist das immer noch ziemlich nah an Normalnull und ich würde es genau zweimal machen.

  7. OK, dann muss ich ja keine Vorlesungen über winterliches Radfahren halten. Dir ist dann sicher auch das Konzept der sogenannten “Winterschlampe” bekannt, mit der sich viele Rennradler behelfen, die ihre bizyklischen Preziosen der winterlichen Witterung nicht aussetzen mögen und trotzdem das Fahrgefühl auf schmalen Reifen nicht völlig missen wollen. Oder wenn Dich das “och, noch eins wär nicht schlecht” umtreibt, vielleicht doch einen Crosser in die engere Wahl ziehen? ;-)

  8. Problem: Angestrebte Marken- und Gruppenreinheit.
    Einen Italiener für den Winter zu verdonnern… dafür habe ich ja das ,,Standardrad” mit chinesischem Rahmen und japanischen Plastikkomponenten. :-P

    ||: Nein, nein, ich bleibe standhaft! :||

  9. Aber nochmal ernsthaft zu Winter und Italiener: Diesbezüglich müsse ich mir beim Olmo keinen Kopf machen, meinte der Rahmenspender. Der Hersteller residiere in unmittelbarer Meeresnähe, da nehme man das Thema Korrisionsschutz etwas ernster. Hoffen wir, dass das stimmt.

    Ansonsten bin ich überzeugt davon, dass auch die Kilometer mit dem Standardrad auf dem Erhalt der Form einzahlen. Ob die Beine dabei exakt so kurbeln wie auf der Asphaltsäge, ist gar nicht so entscheidend. Vorigen Winter habe ich öfters das Flatbar-Damenrad hergenommen – auch um bewusst mal anders zu kurbeln als sonst, nämlich mit Biopace-Kurbel und Pedalen ohne Klick und Käfig. Zufall, Einbildung oder was auch immer, irgendwie hatte ich im Frühjahr den Eindruck, ich würde mit etwas mehr Druck auf dem Pedal in die Saison starten – obschon das Treten mit richtig runden Kettenblättern und fixiertem Fuß im ersten Moment ein klein wenig Umstellung erforderte.

    1. Insofern sehe ich das mal positiv: Ich fahre ja eigentlich die ganze Zeit ohne Klickpedale, weil ich auf dem Arbeitsweg, der mich auf Isarwege führt, nicht mit meinen guten Radschuhen und den hochwertigen Pedalen fahren will. Und im Stadtverkehr halte ich Klickpedale für sehr nervig; auch deswegen hat die (ich muss mir mal einen fancy Namen ausdenken) ,,Standardkiste” normale Pedale.

      Ich überlege allerdings sehr stark, ob ich nicht den geraden Lenker durch einen Rennlenker ersetze. Voraussetzung dafür wäre nur, dass sich die Shimano XT-Komponenten (Umwerfer, Schaltwerk) mit (zufälligerweise gerade frei gewordenen) Campagnolo Ergopower-Hebeln schalten lassen. Und dann müsste ich noch die hydraulische Magura-Bremse vom Rad werfen und durch eine XT-Bremse ersetzen… die Magura wiegt schon eine ganze Menge…

      1. Ich kenn mich damit nicht aus, aber jemand hat mir mal erklärt, dass die Campa-Ergos pro Schaltvorgang mehr Zug bewegen als Rapid Fires oder STIs von Shimano (oder umgekehrt) und deswegen eher nicht unbedingt mit Schaltungen der Konkurrenz harmonieren.

        Für ein Stadtrad würde ich wie gesagt ohnehin eher einen Bullhorn-Lenker empfehlen (oder einen alten Zeitfahrlenker, wie an meinem Mercier verbaut ist). Wenn Du damit aus irgendwelchen protoreligiösen Koscherheitsgründen keine Shimano-Brifter spazierenfahren willst, dann nimm doch Lenkerendschalthebel. Das wäre damals auch mein Plan B für die Umrüstung von Sir Walter gewesen.

        1. Entwarnung: Es funktioniert. Ich habe den Samstag im Radkeller verbracht, die hydraulische Bremse gegen eine deutlich leichtere Seilzugbremse getauscht und alles mit Campa-Zügen an die ErgoPower-Hebel gebracht. Sowohl Bremse als auch Schaltung sind gar kein Problem und funktionieren super.

          Jetzt hat das Rad einen Rennlenker – über einen Bullhorn habe ich auch nachgedacht, aber dafür habe ich erstmal wieder keine Schaltbremshebel. Ich lass es jetzt erst einmal so, bin damit eigentlich glücklich. Wie sich der Lenker dann an der Isar auf dem Arbeitsweg schlagen wird, werden wir über die Zeit sehen.

          1. Und wieder was gelernt, es schaltet also doch mit dem Hersteller- und Komponenten-Mix! Und wenn es in der Konfiguration tut wie es soll, warum weiter rumbasteln?

            Ach ja, dass die Ergos mit dem Daumenhebel am Bullhorn nicht so superergonomisch sind, hatte ich nicht bedacht. Dabei hatte ich aus exakt dem Grund damals auch keine Sora-Flightdeck-Hebel von Shimano verbaut (die ebenfalls einen Daumenhebel haben)…

Schreibe einen Kommentar zu mark793 Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.