Ein Bruchteil

Und der eine verliert sein Augenlicht, langsam schleichend kommt die ewige Nacht. »Noch geht’s« sagt er lachend, »ich verkaufe den Camper und schlaf im Hotel.« Er kommt, um Bilder zu speichern, um zu seh’n; manchmal habe ich den Eindruck, er möchte nie wieder geh’n. Wenn wir reden geht sein Blick an mir vorbei in den Ferne, woandershin.

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Als meine Mutter im Sterben lag, bewunderte ich sie für ihre Kraft. »Hätte ich« sagte ich ihr »nur einen Bruchteil davon« und sie schaute mich an und sagte: »Den hast Du, mein Sohn.«

2020

»Lass uns beginnen« raunt mir das Jahr ins Ohr, das angefangen hat mit Getöse und Dreck, wie Jahre eben beginnen, dort wo die wahnsinnige Tierart Mensch noch nicht ausgestorben ist.

»Alles Gute« plärren die Mobiltelefone dem Knallen und Pfeifen entgegen, der Turm gegenüber verschwindet langsam in schmutzigen Dunst. Irgendwo blinkt eine Drohne – ein Weihnachtsgeschenk vielleicht.

»Können wir jetzt ins Bett gehen?« fragst Du von der Seite und »Liest Du mir noch etwas vor?« Es wird angenehm schnell angenehm dunkel, als wir uns die Bettdecke über die Köpfe ziehen und die Taschenlampe anknipsen.

Und währenddessen hat sich unten im Keller ein Nachbar erhängt.

Flucht

Nach dem letzten Jahr hat es etliche Wochen gedauert, mich aufzurappeln, Kraft zu sammeln. Jetzt sitze ich in Ligurien, nahe den Cinque Terre, und finde im Schatten Zeit, Gedanken zu sammeln und zu beschreiben. Wir haben München verlassen – temporär, aber immerhin.

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Wir sind vorbeigekommen an verfallenen Steinhäusern, an frischen Blumen auf einem Stück neu reparierter Leitplanke und müssen einen zwei Kilometer langen Weg an einem Berghang zurücklegen, der nur wenig breiter ist als unser Auto.

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Wir sind hergekommen, die Langweile zu finden. Es ist die zweite Station einer längeren Reise in diesem Sommer, die irgendwann in drei Wochen in Südfrankreich zu Ende geht. Sitzen, nachsinnen, träumen, fühlen. Es gibt einige Hoffnungen, die damit verknüpft sind.

Verfall einer Familie

Ich habe diesen Anruf erwartet.
Ohne die Nummer zu kennen, verriet mir die Vorwahl, dass der Zeitpunkt gekommen war.

Vor einigen Tagen erreichte mich die Nachricht, ein entfernter Bekannter sei in der Vornacht verstorben. Sich totsaufen dauert lange »Jahrzehnte« wenn man es falsch anstellt und unterbricht mit Versuchen, es sein zu lassen. Ich erinnerte mich an einige Treffen vor Jahren, las alte Texte und dachte, auch ich könne wieder schreiben über den Tod.

Der Himmel über Schwabing

Ich habe die letzten Tage auf den Tod gewartet; besser: wir haben gewartet. Seit meiner Entscheidung am Montag morgen, die Therapie abzubrechen, wartete ich auf den Anruf. Die Zerrissenheit in meiner Brust spürend erinnere ich mich an seinem Bett sitzend, in dem er mit knöchrigen Fingern in krakliger Schrift sein Testament auf altes Papier schreibt. Das ist erst drei Wochen her.

Er wollte, wenn er könnte, schon gehen vor einiger Zeit. Vor dreieinhalb Jahren verlor er seine Frau, vor etwas mehr als einem halben seine einzige Tochter. Irgendwann in dieser Zeit verlor er sich selbst.
Und ich in den letzten Jahren fast meine gesamte Familie.

Dieser Stuhl bleibt leer

Heute kam dieser Anruf. Wir warten nicht mehr.
Höchstens noch ich, auf Silvester.

Unsterblich

Es ist ja nicht so, dass es mich nicht mehr gibt. Es ist nur so, dass sehr viel zu tun ist die Tage. Das Jahr war fordernd an vielen Fronten, der Gipfel der Verzweiflung – wie ich meine Todoliste liebevoll nenne – sinkt immer weiter gen null. Und es ist leider so, dass ich dort noch lange nicht bin.

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Ein Zeichen der kontinuierlichen Hast ist das Stechen im Rücken vier Wochen zuvor. Die Ratlosigkeit danach, die Unmöglichkeit einer Bewegung und der Schmerz. Zurückgeschlagen von einer Ärztin, die nachts ein Schmerzmittel brachte, das endlich wirkte und sagte, dass ein Hexenschuss keine Altersfrage sei. Sie hat mein Selbstbild als Siebenundzwanzigjähriger wieder gefestigt.

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So gleiten die Tage dahin, so rasen sie lautlos vorbei an allem, was mich umgibt, und ich bin schon lange dabei, im Flug Dinge zu sortieren und Gedanken auf Zweitausendneunzehn zu schieben. Eine Wette auf die Zukunft, sagen viele, aber noch sind wir alle unsterblich.
Man flieht, wo man kann.

Fagott

Ich habe meine Mutter vor vierundzwanzig Stunden begraben. Ich ertappe mich mehrmals am Tag beim Staunen über die Tatsache, dass sie nicht mehr da ist, die immer da war. Ich ertappe mich, wie ich an jenem Riss stehe zwischen langem Erwarten und der Realität, wie ich gestern stand vor ihrem Grab.
Asche zu Asche.

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Nach dem Strampeln in den letzten zwei Wochen, nach den zweitausend Kilometern auf den Autobahnen, endlich ein klein wenig Ruhe und einen Espresso auf dem Balkon mit Blick auf die Alpen. Irgendwo dort hinter ist gerade ein Freund. Ab jetzt wird es nur noch körperlich anstrengend, aber wenn ich mit dem Rennrad dort hinten über die Berge komme …
Lieber heute als morgen.

Erde zu Erde.

Tosende Stille

Mama,

ich erinnere mich an den Anruf vor etwas mehr als zwei Jahren, an Dein “Ich habe Krebs” und wie still es danach war in der Leitung. Ich habe die Detonation gespürt, die Deinen Unterleib zerfetzt hat, ohne sie zu hören. Ich erinnere mich noch gut an den Anruf.

Ich erinnere mich, dass Du mich batest, mit Dir in die Klinik zu fahren am Tag vor der großen Operation. Dass ich auf der Veranda stand und einen Punkt in den Feldern fixierte, als Deine noch benommene Stimme am anderen Ende sagte, Dir ginge es gut.

“Mir geht es gut” ist ein Satz, an den ich mich gewöhnte, weil ich ihn tausendfach hörte. Du hast ihn mir immer gesagt, weil ich Dein Sohn bin. Ich kann mich an viele Bausteine erinnern, die ein Mosaik ergaben mit jenem Satz als scharfer Kante zwischen den grellen Flächen. Oft musste man gutgläubig sein, Dir diesen Satz zu glauben. Ich habe ihn geglaubt, weil ich Dein Sohn bin.

Als ich Dir erzählte, ich wünschte mir nur halb so viel Kraft zu haben wie Du, hast gesagt, dass ich sie hätte.
Ich soll so viel Kraft haben wie Du, die immer wieder aufgestanden ist, auch wenn niemand mehr glaubte, Du könntest überhaupt noch sitzen? Soviel Kraft wie Du, die immer wieder aufgestanden ist, auch wenn die Kraft dafür fehlte? Die vor einem Monat noch sagte, sie hätte sich mehr Zeit gewünscht – trotz allem?
Trotz all dem?

Ich erinnere mich an das Gespräch mit der Ärztin vor sechs Wochen und an ihre Einschätzung, uns blieben bestenfalls noch vier Wochen. Ich erinnere mich auch an Dein grimmiges “Der werde ich’s zeigen!”.
Was haben wir darüber gelacht am vorvergangenen Wochenende.

Kaum einer weiß von Deinem Lebewohl, dass Du mich anriefst am letzten Mittwoch; die, die es wissen, können nicht glauben, wie Du das geschafft hast. Dein Name stand auf meinem Telefon und ich hörte es rascheln am anderen Ende der Leitung und dann eine Stille. Ich habe Deinen Namen gerufen in der Hoffnung, Du würdest ihn hören. Nein, ich habe nicht Deinen Namen gerufen;
ich habe “Mama” gerufen.

Ich glaube, Du hast das gehört.
Vielleicht auch das Danke danach, in der tosenden Stille.

gone

Salirà il sole del mezzogiorno

Der Frühlingseinbruch kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Winter ist, und nicht verhindern, dass ich bei den Liedern von Gianmaria Testa traurig werde. Ich sitze hier und schaue mir die Bilder von Bergseen an, die mir ein Freund zusendet, dem ich erzählte, dass ich unbedingt wieder nach Italien muss. Testa singt, ich verstehe kein Wort, doch ich schmelze.
Deutschland für immer ist es auch nicht; war es wohl nie.

Focus Mares Rapha

Zwei, drei Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal mit dem Rennrad auf Pässen unterwegs war. Seitdem habe ich verdrängt, wie sich das anfühlt: Die Höhensonne auf der Haut, auf schmalen Reifen in den Hang geklebt unterwegs auf diesem kleinen asphaltierten Weg ins Tal (nach Italien!) mit Blick auf die Schnellstraße am anderen Hang, die Ruhe, der Wind. Die Abende am Bergsee, um den wir auch im Regen liefen. Die Sätze, die sie damals noch nicht konnte, wenn das Eis auf der Jacke landet anstatt im Mund:
“Das ist doch egal, oder?”

Es ist egal. Es ist ziemlich vieles egal, wenn Du mal in Italien gewesen bist und gefühlt hast, was ich gerade fühle, möchte ich sagen. Das wird sie irgendwann lernen, vielleicht redet sie irgendwann wie ihr Alter: Wir haben uns versprochen, in zehn Jahren über die Alpen zu fahren. Auf Rennrädern. Ich freue mich, aber ich fürchte, so lange kann ich nicht warten.

Hallo, Welt.

Ich habe heute den Jutebeutel gefunden, in dem ich all meine Schlechtwetter-Radutensilien nach meinem zweiten Sturz verstaut habe. Ich suchte sie einige Zeit, die Regenhose und die Jacken, die vor getrocknetem Schmutz strotzen. Denn die brauche ich wieder: Vor zwei Tagen fiel der erste Schnee und ich habe keine Schutzbleche mehr.

In diesem Haushalt fahren mittlerweile andere häufiger Fahrrad als ich. Doch auch mir kribbelt es langsam wieder in den Beinen. Ich will wieder raus und natürlich gibt es bessere Monate als den November, um wieder zu starten. Aber ich fürchte, die Zeit habe ich nicht. Es muss jetzt sein, es fühlt sich so an.

Flugplatz

So bequem das Leben mit Auto ist… ich habe im Spätsommer bei einer Runde um den Chiemsee gemerkt, was es bedeutet, ein dreiviertel Jahr kaum mehr Rad gefahren zu sein. Mental verkrafte ich diese Veränderung gut, doch der Körper zollt der Faulheit Tribut. Ich will so nicht enden.

Es erfordert Organisationstalent, die anderen drei und die Räder unter den Hut zu bekommen. Ehrlich gesagt: Das gelingt mir nur schlecht. Ich besuche die Orte, die ich einst nur mit dem Rennrad kannte, heute zu Fuß. In Begleitung zwar, aber dennoch zu Fuß.

Regattaanlage

Ihr ahnt, ich habe viel zu erzählen (und ganz am Ende von einem Plan): Es ist viel passiert im vergangenen Jahr. Ich hätte nicht einmal mehr zwei Wochen abwarten müssen, dann hätte dreihundertfünfundsechzig Tage lang Stille geherrscht in diesem Blog.
Aber eigentlich ist das egal.

Ich wollte nur sagen: Manchmal muss man Anlauf holen, um anschließend sehr weit zu springen.
Nein, eigentlich wollte ich sagen: Ich schreibe jetzt wieder.

Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt

Vor etwa zweieinhalb Wochen bin ich mit dem Rennrad gestürzt. Am Ende einer Unterführung im Norden von München, in einer Linkskurve. Fragte mich einer, ich würde antworten, dass ich nicht zu schnell gewesen bin. Doch offenbar schon, für die Verhältnisse an jenem Mittwoch morgen: den strömenden Regen. Wie in alten Action-Filmen verlangsamte sich die Wahrnehmung (oder ich stürzte wirklich sehr langsam) und ich zog den linken Arm nach oben, um den Sturz abzufangen.

Waiting Woman

Der Chirurg, mit dem ich zwei Stunden später über diesen Unfall sprach, schickte mich zum Röntgen und weil er sich unsicher war, schickte er mich weiter zum CT. Dreifach gebrochen, alles in allem glimpflich, jedoch ein Knochenstück, an dem die Sehen am Oberarm hängen, bereits nach oben verschoben. Eine Woche später ist klar, dass möglichst schnell operiert werden muss.

Humerusfraktur

Wann ich das nächste Mal aufs Rad steigen kann, ist ungewiss. Ich habe nun Zeit genug, um mich über den Ersatz für jene Reifen zu informieren, in die ich das Vertrauen an jenem Mittwoch Morgen verloren habe. Ich bin zum ersten Mal seit zwei Jahren froh, diesen alten Rollentrainer zu haben. Wenn mein Kreislauf wieder belastbarer ist, werde ich wenigstens zu Hause wieder Radfahren können. Ohne Kurven, ohne Laub und ohne Reifen, denen ich nicht vertraue.

Über den Unfall und über mehr haben wir in unserer aktuellen Podcast-Folge gesprochen. Die Geschichte dauert etwa eine Stunde und beginnt bei Kapitelmarke 8.