Sag, wenn’s eng wird, kann ich bei Dir pennen?

Ich mag Regentage, an denen sich Wassertropfen auf den Pflanzen brechen oder – wenn wir Nordwind haben – der Regen gegen die großen Fensterfronten trommelt. Früher, in meiner alten WG, hatte ich ein Dachfenster, einfach verglast, das bei heftigem Regen großen Lärm verursachte. Das Fenster war genau über meiner Matratze und war seitlich angeschlagen: War es offen, ergab sich ein großer Spalt, durch den ich an dem Fensterrahmen (wenn man ihn so nennen mochte, es war ein altes Metallfenster) vorbei in den Himmel blicken und die Sterne beobachten konnte. Über die Jahre bin ich nicht selten aufgewacht, weil es mir nachts ins Gesicht regnete. Heute ist einer jener Tage.

Der Olympiaturm und sein Stadion

Der Regen hat vor ein paar Minuten aufgehört und gibt den Blick auf den verhangenen Himmel frei. In meinem Arbeitszimmer kämpft die alte Bankierslampe Seite an Seite mit dem spärlichen Licht, das von draußen hereinfällt: Heute Mittag rief die Kinderkrippe an, jetzt liegt das wunderschöne Kind im Bett, mit roten Wangen, in den Schlaf getrommelt von einer Garnison Regenwolken, und träumt. Ab und an zucken dabei seine Lider.

Socken

Und ich? Am Schreibtisch, auf der Couch in zu kurzer Jogginghose, eingelaufen während der ersten Wäsche, und in bunten Socken, die gestern eine Apple-Store-Mitarbeiterin in ihrem unifarbenen blauen T-Shirt sichtlich verwirrten.
Uniform sieht scheiße aus.
All Colors Are Beautiful.

Man weiß ja immer erst, was man hatte…

Als ich T. kennenlernte, war ich beinahe 15 Jahre jünger als jetzt und lebte in Marburg. Dass ich T. überhaupt kennenlernte und sie eine meiner wichtigsten Bezugspersonen werden sollte, habe ich G. zu verdanken, den ich selten spreche und sehr oft vermisse. Vor wenigen Wochen habe ich geträumt, wir seien zusammen gezogen.
Ich vermisse sie beide.

T. verließ Marburg irgendwann vor mir und zog ein Stück in den Norden, in dem Sie immer noch lebt. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, denke ich an ein kleines Blockhaus im Wald, an das wilde Gehölz eines Nationalparks und an Wildkatzen. Ich glaube, ich liege ganz nah an der Wahrheit. T. hat mir gestern Fotos gezeigt von ihrer kleinen Wohnung auf dem Land, für die sie soviel zahlt wie ein Münchner für eine Garage in hervorragender Lage. Aus jedem Möbelstück, aus jedem Detail ihrer Wohnung spricht jene, die ich aus Marburg noch kenne.

Unten am See

Ich fahre endlich wieder Zug,
trinke endlich wieder Bahn-Kaffee.
Ich habe das Gefühl, seit Jahren zu wenig nachzudenken
und weiß nicht, was am Erwachsensein so toll sein soll.
Ich müsste mal wieder raus – sicher in den Norden.
Zeit zu haben wäre toll.

Großstadtrevier

Man kann von hier oben die Polizeiautos hören. Im letzten Jahr, in der alten Wohnung, haben wir jede Nacht die Krankenwagen gehört. In den achten Stock, in dieses Zimmer zur Nordseite, dringen die Sirenen der Polizeiwagen, Richtung Stadt rasend, durch die alten Fenster herein. Diese Sirenen klingen schlimmer als jene der Krankentransporte.

Längental

Hier fühlt es sich großstädtischer an, genau wie im Einkaufszentrum zehn Minuten entfernt. Wenn ich das erzähle, lachen sie und führen aus: provinziell ist es, das Gegenteil einer Großstadt! Vielleicht reden wir aneinander vorbei, vielleicht verstehen sie nicht. Es ist mein Fernsehen, wenn ich hineinlaufe, es ist wie ein Stück im Theater, das ich nur so lange betreten kann, wie ich Distanz dazu wahre – ich darf mich nie daran gewöhnen.

Längental

Ich liebe den Blick in den Süden – bei gutem Wetter bis hinab in die Alpen! – wie ich den Blick in den Norden liebe auf die Gebäudereihe, hinter der die Großstadtautobahn die Sirenen in ihr Inneres leitet. Ich liebe die Stille dazwischen und die offenen Türen. Es fühlt sich alles richtig an. Und doch weiß ich nicht, wie lange wir bleiben. Es ist nicht für immer. Es ist für den Moment.

Lied vom Stempeln

Wenn ich morgens aus dem Hauptgebäude durch den kurzen unterirdischen Gang in den Nebentrakt gehe, dort im Treppenhaus in den ersten Stock hinaufsteige und meinen Chip vor das elektronische Türschloss halte, um die Bürotür zu öffnen, höre ich aus der Küche schräg gegenüber oft den Eierkocher und das regelmäßige typische Klacken, das entsteht, wenn man Käsescheiben schneidet und das Messer auf das Schneidbrettchen knallt. Der Kollege und ich nicken nur kurz, wenn ich hinübergehe, um den zweiten Kaffee des Tages in der Bialetti-Maschine zu machen. Zwischendurch kocht das Teewasser einer dritten Kollegin, manchmal wische ich die Brotkrümel von der Anrichte, wenn ich den Espressokocher säubere.

Mauerweg

Mittags bin ich einer von vielen, die das Gebäude nicht verlassen, um die die Kantine des Max-Planck-Instituts hinüberzugehen. Viel zu selten nehme ich mir Essen von zu Hause mit ins Büro, in der Regel gehe ich gegen 11 Uhr hinüber in die Mathematik-Fakultät, um mein Mittagessen zu kaufen, das ich dann allein esse und doch zusammen mit den anderen Kollegen, jeder für sich in seinem Büro.

Nicht selten wird es gegen 18 Uhr noch einmal unruhig. Schneideräusche aus der Küche, ein vorgezogenes Abendessen vielleicht, ein letztes Obst vor dem Heimweg; jetzt hat es niemand mehr eilig. Was man im Büro isst, muss man zu Hause nicht essen.

Feld

Der perfide Grund für dieses Verhalten: Wir stempeln. Wir werden für Anwesenheit bezahlt; der großindustrielle Geist des neunzehnten Jahrhunderts weht durch die Flure. Es zählt nicht das Ergebnis, hier zählt der Luftverbrauch im Büro. Hätte ich keine Familie, ich würde auch in den Fluchten hinter der Stechuhr leben. Frühstück und Abendessen, wie die alleinstehenden Kollegen. Dafür wird man schließlich bezahlt. Hier zählt nicht das Erreichte, hier zählt nicht, ob man schneller gearbeitet hat oder mehr Dinge gemacht. Ich habe eine Familie. Ich mache Minusstunden.

Hier zählt nur die Differenz aus zwei Spalten in einer großen Tabelle – hier zählt jede einzelne Zeile.
Es macht mich wahnsinnig. Es verdirbt mir all das, was mir gefällt.

Radflucht

Manchmal arbeite ich Abends noch ein paar Stunden zu Haus. Dann trage ich Arbeitszeiten in die Tabelle ein, die niemand nachvollziehen, niemand kontrollieren kann. Das Stempeln ist lächerlich sinnlos, ein greller schmerzhafter Schwachsinn.
Es macht mich wahnsinnig. Trotz allem.
Vielleicht ist das gewollt.
Ich will das nicht. 

This will not last forever

2016.

Neuer Job.
Und wir haben gestern unsere Wohnung gekündigt.

A cup of Legocoffee

Die Dinge, die mir Halt geben, sind keine Orte. Es gibt zweiundzwanzig Bereiche in meinem Leben, in denen ich mich fühle, als wäre ich fünfzehn. Und es gibt einen Bereich, in dem ich langsam erwachsen werde.

Das alles ist gut, nichts davon will ich ändern.

Es ist nur manchmal ärgerlich
dass ich so müde bin.

Tocotronic: Ich bin ganz sicher schonmal hier gewesen 

Ihr kommt ja doch wieder zurück

Als ich gerade in der Küche stand und mir ein Schokoladenbrot machte – und ich finde, ich esse viel zu selten Schokoladenbrot um Mitternacht – dachte ich an einen offenen Entwurf, den ich dieses Jahr noch veröffentlichen wollte zusammen mit den besten Wünschen für den Jahreswechsel. Beim Schmieren des zweiten Brots habe ich dann überlegt, ob ich etwas über Vorsätze schreiben sollte oder einen Ausblick geben, wie es hier weitergehen könnte. Ich schreibe normalerweise  selten über Technik, aber gerade hätte ich was auf dem Herzen… Dann habe ich mir gedacht, dass ich sowieso recht selten gebloggt habe im im letzten Jahr; sollte ich dazu was sagen?

8bit ftw

Auf Facebook hat ein Freund eines Freundes angekündigt, nichts mehr zu schreiben, weil seine Frau meinte, er sei Facebook-süchtig. Er finde das auch und ziehe nun selber den Stecker. Ich kenne noch andere, die eine On-Off-Beziehung mit dem Sozialen Medien führen und auch ich selbst habe mich irgendwann von allen Netzwerken verabschiedet, um ein paar Monate später reumütig zu Kreuze zu kriechen und mich dort wieder zu registrieren. Denn wenn Du einmal das Licht gesehen, wenn Du einmal verstanden hast, was Soziale Netzwerke ermöglichen, kommst Du immer zurück.

Ich bin vielleicht altersmilde, auf jeden Fall deutlich entspannter seit damals. Ich selber funktioniere in Wellen, ich kenne die plötzliche auftretenden Bedürfnisse sehr gut, weiß aber auch, wie schnell sie sich wieder legen. Nur manchmal noch gewinne ich bei eBay schneller Auktionen als mein Bedürfnis zum Verschwinden benötigt. Nach all den Jahren kenne ich die Tendenz, die gut für mich ist, gerade auch, was Computer betrifft, das Netz und andere Menschen darin. Wenn ich überlege, was für Freunde mir fehlten, hätte es damals AOL nicht gegeben, hätte #tocotronic im IRCnet nie existiert, hätte mich die Sache mit den Blogs nicht erwischt; einige der wichtigsten Personen in meinem Leben wären nicht hier. Stattdessen säße ich wohl in einem Eigenheim im Neubaugebiet in der Nachbarschaft meiner Eltern. Irgendwie sowas.

Lukas und Jim

Das Ding da draußen, dieses Internet, das ist die Zukunft!
Kommt gut nach 2016.

Leawiche Stuwwe

Ich habe mich heute morgen an eine Zeit in meinem Leben erinnert, in der ich morgens zu meinem Nachbarn ging, ihn oft aus dem Bett klingelte und er mir für die Minuten, die er im Bad brauchte, einen Kaffee servierte. Ich saß dann an den alten Doppelfenstern, die im Winter außen gefroren waren, und schaute den Eisblumen zu. Später gingen wir zu seinem Auto, das er üblicherweise an den alten Universitätsgebäuden abstellte, die noch heute die Physik beherbergen. Auf dem Weg zum Fachbereich Informatik kamen wir an einer Bäckerei vorbei, an der wir öfters anhielten wegen einem Brötchen und wegen Kaffee. Ich weiß noch, wie kalt der Nordwind war, bis wir in der Backstube standen. Heute morgen, im Kalten, um kurz vor 9 drüben allein in der Bäckerei hatte ich wieder dieses Gefühl, als die Kaffeemaschine vertraute Geräusche in den Raum schickte.

Isarauen

Das waren Zeiten! Ein bisschen heimelig ist es gerade, die Wohnung liegt still, nur nebenan blubbern die Kartoffeln auf dem Herd. Es läuft keine Musik und jeder, der laut sein könnte, schläft; die Nachbarwohnungen stehen leer, vielleicht, weil man bereits im Skiurlaub ist, vielleicht, weil man sowieso nur sporadisch hier übernachtet. Das köchelnde Wasser weckt die Romantik: Ich erinnere die Küche im alten Steinhaus am See, den alten Ofen, den man mit Holz anheizen muss und der die Küche in eine angenehme Wärme taucht, während vor der knarzenden Holztür der Flur in eisiger Kälte liegt in diesem ungeheizten Haus. Ein paar Minuten glaube ich ,,so möchte ich wohnen’’. Aber eben nur ein paar Minuten.

Graffiti

In diese Stille bricht die Musik vor mein inneres Ohr. Eine hessische Band, die es schon lang nicht mehr gibt, in hessischer Mundart. Ich würde – fände ich ihn – einen Link veröffentlichen, aber das Internet ist leer, wenn ich danach suche. Bis heute habe ich nicht herausbekommen, was ,,Leawiche Stuwwe’’ eigentlich sind; ich aber auch keinen der Alten gefragt. Es singt von der Atmosphäre in den alten Bauernhäusern, die aus den Wänden kriecht, wenn man still darin sitzt. Ruhig; allein; glücklich.
Und nebenan blubbern Kartoffeln. Es riecht ein bisschen wie früher.

Und um das alles zu begreifen/wird man was man furchtbar hasst, nämlich Cineast

Es ist mir mehrmals passiert, dass ich in ein Gespräch gekommen bin, in dem man sich über Filme unterhielt. Aber: Möchte jemand mit mir über Filme sprechen, werde ich wortkarg. Nicht, weil ich ausschließlich Verachtung übrig hätte für das Mainstreamkino, nicht weil ich die Werke nur eines Regisseurs akzeptiere und alles andere ignoriere, einzig aus dem Grund, weil ich beinahe nie Filme schaue und daher keine kenne. Zwar habe ich vor vielleicht drei Jahren mit dem wunderschönen Mädchen alle Woody-Allen-Filme geschaut, die iTunes vermietet hat, war seitdem allerdings beinahe nie wieder im Kino.

Im Rahmen solcher Gespräche kommt man erstaunlich oft auf Forrest Gump zu sprechen. Es sind seltsame Blicke, die mich treffen, wenn ich Verneine, diesen Film zu kennen.

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J., ein alter Schulfreund, verbrachte seine 11. Klasse in den USA. Ich weiß den Zusammenhang nicht mehr, aber aus irgendeinem Grund blieb mir sein texanisch geprägtes »Life is like a box of chocolades« im Gedächtnis. Seit zwanzig Jahren denke ich an J., wenn mir dieser Satz in den Kopf kommt. Und das passiert hin und wieder. Öfters höre und lese ich an verschiedenen Stellen diese »Lauf, Forrest, lauf!«-Zitate, die sogar in meinem Kopf widerhallten, als ich eine Party in der kleinen Studentenstadt Hals über Kopf verließ. Einmal sah ich die Szene irgendwo, in der die Beinschienen des Jungen beim Laufen zersprangen. Ansonsten kenne ich nur das eine Bild mit dem Briefkopf von Apple.

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Gestern Abend habe ich Forrest Gump zum ersten Mal gesehen. Ich ging davon aus, dass dieser Film eine Komödie sei. Ich weiß nicht, weshalb. Vielleicht, weil ich Komödien mag. Ich hatte mich also gefreut, als das wunderschöne Mädchen vorschlug, den Film doch endlich einmal zu schauen.

Eine Komödie war das nicht.
Doch immerhin: Es war ein sehr schöner Abend.

t: Tocotronic

Braunland

Heute Nacht wurden in Paris sehr viele Menschen ermordet. Noch gibt es niemanden, der sich zu den Anschlägen bekennt, doch wie es nun einmal die Sache der Sozialen Netzwerke ist, wird aber schon über die Konsequenzen diskutiert.

Was mich am meisten erschüttert: Jetzt ist der Terror da, der Terror, wegen dem unsere Ersteinrichtungen für Flüchtlinge aus allen Nähten platzen. In konservativen Kreisen ist man sich jedoch sicher, dass die Flüchtlinge nur deshalb ins Land kommen, weil sie mit ihren Smartphones schöne Alpenpanoramen fotografieren, vorzugsweise mit dem eigenen Haussee im Vordergrund und diese Bilder nach Hause schicken um zu sagen: »Kommt her, ich habe das Paradies gefunden.« Stattdessen wird spekuliert, wie diese Attentäter wohl ins Land gekommen sind.

Die Bauernschläue dahinter ist folgende: Die vollständige Netzüberwachung in Frankreich hat im Vorfeld nicht dazu geführt, diese Attentate zu verhindern. Da eine vollständige Überwachung Attentate jedoch verhindern würde, ist es wohl so, dass die Attentäter gar nicht vorher im Land gewesen sein können, sondern eingereist sind. Wahrscheinlich über die Routen, über die auch Flüchtlinge ins Land kommen. Wir müssen also alle Grenzen schließen! Das Perfide daran: Mit diesem Twist werden die Attentäter aus Frankreich mit den Flüchtlingen gleichgesetzt. Dies wird sich in den nächsten Tagen auch in der ein oder anderen öffentlichen Diskussion wiederfinden.

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Bullshit. Die Flüchtlinge kommen nicht wegen der Berge und den Seen. Würden die gleichen Konservativen einmal mit den Flüchtlingen reden, statt gegen sie zu hetzen oder sich um die Belastbarkeit des eigenen Landes sorgen, würden sie vielleicht auch von den Nachrichten hören, die viele zusätzlich zu den Bergbildern nach Hause schicken: »Kommt nicht, der Weg ist gefährlich und unangenehm. Es ist anders, als alle erzählen!«

Und während sie immer mehr Menschen anzünden
bist du noch immer am Reden, am Differenzieren
man dürfte seine Werte jetzt nicht verlieren!
Dieser Wert im Klartext heisst: das Weiterleben vom großdeutschen Geist

Das ist keine Urlaubsfahrt hierher, schon gar nicht für junge Frauen, die wie die Männer in großer Zahl zu Hause aufbrechen, aber nie ankommen werden, weil sie unterwegs sprichwörtlich auf der Strecke bleiben. Die unschönen Details überlasse ich deiner Phantasie; es ist nicht meine Aufgabe, die Geschichte des wunderschönen  Mädchens zu erzählen, die in der Flüchtlingsbetreuung für Jugendliche arbeitet – vielleicht will sie sie gar nicht erzählen. Und das ist das Drama. Die Menschen, die helfen, haben keine Energie mehr, im Netz über ihre Erfahrung zu sprechen, während die Demagogen ununterbrochen schreiben.

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Und jene der CSU machen ihrem Namen alle Ehre, sie verteidigen den deutschen Michel auf dem bayerischen Land. Grenzen schließen, Familiennachzug begrenzen oder besser noch: verhindern, komplett! In den Aufnahmelagern drehen die Jugendlichen durch, wenn über die Telefone die Nachricht kommt, dass ihre Mutter erschossen, der Vater in die Luft gesprengt oder der kleine Bruder zur Armee eingezogen wurde. Aber wo, frage ich sie, sollen die ganzen Flüchtlinge denn hin!? Doch bitte nicht unter die malerischen Zwiebeltürme der bayerischen Dorfkirchen! Das sind ja nicht einmal Christen!

Alle schauen sich hilflos um
und wissen nicht warum
und in welchen Löchern die Ratten lagen
die hier marschieren und losschlagen
doch sie lagen nicht in Löchern rum
oft sahn wir sie auf der Straße gehn
und sie grüßten dich mit gestrecktem Arm
Du hast eínfach weggesehn

So sind wir, der kleine Staat in der Mitte Europas, dem es wirtschaftlich so gut geht, weil er seine Waffen in Krisenregionen exportiert. Wir wundern uns, warum wir das Ziel der Flüchtlingsströme sind und haben Angst um unseren Besitz. So haben wir es eben gelernt: Wir, das sind die besseren.
Der deutsche Michel ist ein Einzelkind.

Wisst ihr noch, wie besonnen der Norwegische Ministerpräsident nach den Anschlägen auf Utøya reagiert hat? Ich habe große Sorge vor der Reaktion Mitteleuropas in den kommenden Tagen.

t: Slime – Schweineherbst

Vielleicht warst du niemals gemeint

Es gibt zahlreiche Gründe zu Bloggen, wie es zahlreiche Gründe gibt, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Ich weiß nicht einmal, ob ich meine Gründe alle benennen könnte, würdest Du mich fragen.

Ich schreibe um zu vergessen.
Nur manchmal lese ich rückwärts und merke, dass mit ein paar Jahren Abstand viele Beiträge noch funktionieren. Die ganze »kryptische Scheiße« (But Alive) klingt nach langer Zeit wie Poesie.

Wenn ich auf den Knopf zum Veröffentlichen drücke, lade ich meine Gedanken ins Netz, konsequent, Braindump. Manchmal nicht ausformuliert, manchmal nicht zu Ende gedacht und nie mit strategischem Hintergrund. Ich bin nicht hier, um Kriege zu führen. Die Gedanken? Hauptsache weg. Wenn jemand mit mir über einen aktuellen Text reden möchte – vielleicht über meine Gründe, vielleicht über die Intension – dann bin ich in der Hälfte der Fälle genervt. Fire & Forget. Es steht hier, damit ich es los bin. Natürlich ist es verbunden mit meinem Namen, für alle sichtbar, und manchmal glaubt jemand, ich sei Rechenschaft schuldig. Vielleicht ist das nicht immer klug.

Thürigen

Selten trete ich wem auf den Schlips (ich bemühe mich jedenfalls darum). Einmal sagte mir ein Kollege an der Kaffeemaschine, er sei sauer, weil er sich im Blog falsch dargestellt fühle. Er war gar nicht dargestellt, er war nur der Ausgangspunkt der Entwicklung eines überspitzten Charakters. Er hat einen seiner Sätze erkannt, die zwei Tage zuvor fielen. Der Beißreflex war dann schneller als das Ende des Beitrags. Manchmal liest man das, was man will.

Beruhigt euch.

Gehe nicht auf alten Spuren
Beweine nicht was längst beweint
Lecke nicht die alten Wunden
Vielleicht warst du niemals gemeint

Peryton: Geh zu ihr/Überall