Nirgendwann
Ich erinnere noch den ersten Sommer nach meinem Umzug. Ich erinnere ihn aus verschiedenen Gründen, die unwichtig sind. Das Gefühl ist noch da, in der Sonne zu stehen, und diese kurze Spanne, in der man sich noch nicht heimisch fühlt, sondern wie im Urlaub erregt. Diese kurze Spanne vor der Gewohnheit.

Es war jener Sommer, in dem man Mut haben musste aus verschiedenen Gründen, die unwichtig sind. Wichtig ist, dass man ihn hatte. Ich stehe vor meinem zweiten Sommer in München, ein bisschen hat die Gewöhnung begonnen, was nur deswegen schade ist, die Gespanntheit nicht mehr zu haben, dieses unbekannte Gefühl des Erstaunens, nicht wissen, was mich erwartet.
And any man who knows a thing knows he knows not a damn damn thing at all
Als wir uns irgendwann während des Telefonats ankichern und ich ihm sage, er höre sich gut an, sucht er den Grund im Schlafmangel. »Nein«, sage ich, »ich kenne Dich besser.« Er sagt, er müsse immer an mich denken auf seinen seltenen Reisen im Zug, ich melde mich immer bei ihm, wenn ich an Flughäfen sitze.
Der Blick in die Ferne gerichtet; ich besitze mehr Fotos von Flugzeugen als Fotos von Zügen, und auf ihnen liegt stets diese düstere Romantik und Melancholie.

Der Zug rast durch die abendliche Landschaft, leidlich erhellt vom Lichtstreifen am Horizont, vorbeirauschende Tannen spiegeln die Funkenschläge der Oberleitung wider gleich einem Stroboskop.
Der Blick in die Ferne gerichtet; manchmal kramt das Unterbewusstsein Erinnerungen hervor mit tanzenden Menschen, schweißnassen Wänden und lauter Musik. Ich bin froh, dass dort draußen nichts ist. Nichts sonst als das Licht und der Wald. Nichts sonst als die Stille, nichts sonst als die Nacht.

Dottore Mata
Ich habe noch italienischen Staub an den Schuhen, die ich im vorvergangenen Monat in Mantua trug. Staub von den Wegen zwischen den Kirchen und Palästen, Staub von den Straßen, auf denen wir mit unseren alten italienischen Fahrrädern fuhren. Staub, den ich nicht abtragen möchte am grauen Teppich im Büro vor der Stadt.

Der Weg zu der Kirche führte vorbei an einem riesigen Einkaufszentrum, an damals schon verdorrt aussehenden Gräsern, unter der Mittagssonne, die Ende April schon beinahe unangenehm brannte.
Wenige Tage danach fuhren wir zu einem Radgeschäft – er vorweg in seinem italienischen Cabrio, wir hinterher in unserem gemieteten Kleinwagen – an dem ich selbst mit einer sehr genauen Wegbeschreibung vorübergefahren wäre. Heute schüttle ich den Kopf über mein damaliges Zögern, dieses eine Rad zu kaufen im Hinterhof dieses Geschäfts.
Unser Gastgeber und der Besitzer des Ladens, den er mir auf englisch vorstellte – Radbegeisterte unter sich, und ich mittendrin mit der Ahnung, bestenfalls an der Oberfläche des Wissens zu kratzen, doch immerhin begeistert von alter italienischer Handwerkskunst, deren Namen ich weiß. So halte ich mich gegenwärtig über Wasser: Ich flicke alte Schläuche, um etwas mit den Händen zu machen, mich langsam heranzupirschen an die Normalität, ein Fahrrad komplett zu zerlegen. Ich habe gestern den Keller umgebaut, dass man eine Werkstatt hineinbekommt. Für den Fall, dass das Rad irgendwann da steht, dieses Rad, das ich suche.
Here be dragons
Ich habe durchaus einige Erfahrung im Reisen, bin vorher keineswegs nervös und setze mich selbst nie unter Stress. Weil ich aus der Wohnung aber oft den letztmöglichen Bus Richtung Hauptbahnhof nehme, bereiten mir die Kapriolen der hiesigen Verkehrsgesellschaft regelmäßig Momente des Stresses und hin und wieder einen ungeplanten Aufenthalt im Wartebereich für Vielfahrer der Bahn.

Was ich neben der Sache mit dem Bus nie lernen werde, ist die Fähigkeit, passend und der Reisedauer gemäß zu packen. Verschärft wird dies durch mein Bedürfnis, stets nur mit Handgepäck zu reisen, wenn möglich also die Verwendung sperriger und unhandlicher Koffer zu meiden und, das ist die wirkliche Motivation, nie mit mehr als einem Gepäckstück zu reisen. Wer übergewichtige Ferienflieger mit ebenso übergroßen und unförmigen Reisekoffern durch die Gänge der Fernverkehrszüge rumpeln kennt, weiß um die Problematik mehrerer Koffer. Dies und meine erstgenannte Unfähigkeit kombinieren sich zu einer Situation, die mich stets unbefriedigt zurück lässt.
Allein: Ich werde besser. Das Handgepäckstück ließ sich heute morgen schließen ohne Gewalt, ist noch tragbar und dennoch habe ich genügend Kleidung dabei. Will sagen: Bezüglich der Kleidung weiß ich mittlerweile zu packen durch einfache Umrechnung der Reisetage in Kleidung; hier hat man schließlich Erfahrung seit Jahren. Mit Reiseliteratur hingegen hapert es immer bei mir: Heute habe ich zwar kein einziges Buch dabei, aber gleich zwei Stapel wissenschaftlicher Papiere und Studien.

Ich bin bis Freitag Abend noch in Berlin.
Schloß Gripsholm
Man muss Sascha Lobo nicht mögen. Ich kenne jemanden, der nur die Augen verdreht, wenn ich den Namen nur erwähne, denn ich finde Lobo durchaus gut. Vor allem wegen seiner beiden re:publica-Vorträge, aber auch wegen seiner Kolumne, die er drüben bei Spiegel Online schreibt. Die Kernaussage der aktuellen Ausgabe lautet: Wenn Du im Netz wirklich frei sein willst, brauchst Du Deine eigene Webseite.
Ich kann mich also ganz entspannt zurück lehnen, auf mein LiveJournal-Profil verweisen, dass mir eine mehr als zehnjährige Präsenz als Contentgenerator im Netz bescheinigt, oder auf den ersten Eintrag in diesem Blog hier aus dem August 2004. Meine Profile und Seiten bei den ganzen Social-Media-Netzwerken hingegen sind entweder noch nicht einmal halb so alt oder die Dienste und Communities gibt es schon gar nicht mehr (lebt eigentlich StudiVZ noch?).
Und bei Google+ hat sich seit langem auch Ernüchterung breit gemacht, und wenn sie auch diesen Dienst irgendwann schließen, werden die Social-Media-Berater, die heute erst Hangout als unterschätztes PR-Instrument identifiziert haben, sich auf das nächste Unternehmensprodukt stürzen — und der zuerst da war ruft am lautesten, er hätte es immer gewusst. (Auf Google+ findet man übrigens ausschließlich PR- bzw. Social-Media-Berater oder IT- und Netz-Aktivisten, die in ihrer Überzeugung von offenen Schnittstellen komischerweise Google als Verbündeten im Kampf gegen das Böste in der IT ausgemacht haben. Ich möchte aber lieber Bilder aus Italien als die zehnte Diskussion über unterschätzte PR-Indstumente, Bilder von Fahrrädern und Katzen statt Musikvideos, die ich wegen der GEMA und fehlendem Flash sowieso nicht anschauen kann oder Neuigkeiten von den normalen Menschen aus meinem Leben, die Google+ wahrscheinlich noch nicht einmal kennen.)
Ich habe Bekannte gesehen, die von einem Blog-Anbieter zum nächsten umzogen. Sie haben ihre Texte zurückgelassen und mittlerweile mindestens teilweise verloren (weil es den Anbieter nicht mehr gibt oder das Konto gelöscht ist). Sämtliche Texte aus meinem LiveJournal habe ich hingegen in einer Datei auf meiner Festplatte und alle Einträge dieses Blogs sind über das Archiv durchsuchbar. Vor drei Jahren fing ich an, die Einträge in diesem Blog noch einmal von Beginn an zu lesen. Mit dem Wissen, wie eigene Texte nach sechs Jahren wirken, werde ich mich mit Füßen wehren, Relevantes und Wichtiges auf einer Plattform zu veröffentlichen, aus der ich das nicht (einfach) wieder herausbekomme.
Ich hatte vor drei Jahren zum ersten Mal das Gefühl, dass ich diesen Blog nicht nur für meine Leser geschrieben habe.
Vivat academia.
Der Papst lebt herrlich in der Welt,
es fehlt ihm nie an Ablaßgeld;
er trinkt vom allerbesten Wein:
drum möcht ich auch der Papst wohl sein.Doch nein, er ist ein armer Wicht,
ein holdes Mädchen küßt ihn nicht;
er schläft in seinem Bett allein:
ich möchte doch der Papst nicht sein.
Eine Kollegin verabschiedet sich am Freitag mit den Worten »Dieses Wochenende ist bei uns Ostern« und ich bekomme in der Türzarge noch einen Crashkurs in Sachen orthodoxem Kalender und dazugehöriger Religion. Zur Ehre (ich sage fast: In stillem Gedenken) gab es heute morgen Frühstücksei.
Gestern war ich zum ersten Mal nach der Italienreise wieder im Antiquariat und kam zurück mit dem obligatorischen Stapel Bücher und einigen alten Schallplatten, unter anderem mit einer voller Studentenlieder, die nach dem zweiten Hören langsam ein generves Lächeln auf das Gesicht des wunderschönen Mädchens zaubern.
Manchmal stoße ich auf Verständnisloskeit. Verständnis erwarte ich nicht.
Ich wechsle die Platte.
Der Sultan lebt in Saus’ und Braus,
er wohnt in einem großen Haus
voll wunderschönen Mägdelein:
drum möcht ich wohl der Sultan sein.Doch nein, er ist ein armer Mann,
denn folgt er seinem Alkoran,
so trinkt er keinen Tropfen Wein:
ich möchte doch nicht Sultan sein.
– Prof. Rudolf Grüttner und BarbaRossa: Papst und Sultan
Mme. Baudrillard
Dass die Kamera nicht neu ist, sieht man ihr an. Über die Jahre formten Kratzer und Absplitterungen zusammen mit den üblichen Gebrauchsspuren eine Patina, die dem Gehäuse heute einen sympathischen Charakter verleiht.
Man sieht ihr an: Ich bin mir ihr Schneehänge hinuntergefallen und war auch sonst wenig schonend zu ihr; Ein Objektiv verlor ich, als mir die Kamera in Marokko aus der Hand fiel. Als Ersatz kaufte ich zwei neue, darunter eine sehr lichtstarke Festbrennweite.
Doch mit der Zeit zerren die anderthalb Kilo merklich an der Schulter, man reist stets mit zusätzlicher Tasche und zum Fahrradfahren ist die Kamera deutlich zu groß. Auf wenigen Flügen mit sehr rigiden Gepäckobergrenzen transportierte ich die Kamera und Objektive in Einzelteilen zwischen Laptop, Netzteil und Reiseliteratur.
Doch wenn ich demnächst wieder Radtouren mache, in Cafés fotografiere und unterwegs reise mit leichtem Gepäck, werden die Bilder von einer anderen Kamera stammen mit einem festen, ebenfalls lichtstarken Objektiv. Von einer Kamera, die ich von heute an stets dabei haben werde.
When I saw you
I fell in love
and you smiled
because you knew
Ich möchte schlafen, aber Du mußt tanzen
Ich hatte zahlreiche Bücher dabei, als ich aufbrach nach Italien, von denen ich bis heute etwa zwei Bände gelesen habe. Nach einer Woche fühle ich mich wieder gesund. Unbegreiflicherweise ist meine letzte Italienreise schon drei Jahre her.
Ich war in Mantua, auf Empfehlung, mit seinen Höfen und Gassen. Und ohne das irritierende Gefühl der Allgegenwart Deutscher, das mich über die alten Passstraßen der Alpen noch bis zum Mendelpass begleitete. Weil ich die WLAN-Zugangsdaten nicht sofort fand (und dann später, trotzdem ich sie hatte) eine Zeit fernab des Netzes. Alternativen boten zahlreiche Kirchen und Paläste, die es in Mantua wie in jeder anderen alten italienischen Stadt gibt. Auch darum mag ich die staubigen Straßen des Südens.
Ich komme zurück mit zwei Listen, über der einen steht Wünsche, über der anderen Unbedingt zu beachten!. Ich fühle mich gesund, wieder. Ein Gefühl, dass ich eine Weile lang nicht mehr kannte, das hier Vielerlei lächerlich macht. Ich musste nach Italien fahren, dies zu merken.
Kann ich jedem nur empfehlen.
– Theodor Storm: Hyazinthen
We have a Strategic Plan – It’s called Doing Things.
Es scrollen Meldungen vorbei, wer welches Spiel wie lange spielt und dass ich eingeladen sei zu dieser und jener Anwendung. Seit ich Facebook nicht mehr verstehe, verliert es seinen Reiz. Es ist rhetorisch: Wie macht ihr das mit eurer Zeit?
Wenn ich zu Hause bin, habe ich keine Lust mehr auf Akustik, auf sich ändernde Bilder und nicht mehr auf blinkende Anzeigen digitaler billiger Uhren. Doch den hehren Anspruch, nicht phlegmatisch zu sein. Ich sitze wahrscheinlich zu lange vor dem Computer, länger als manch einer verstehen kann. Viel länger, als andere für ein Spiel bei Facebook verwenden.
Felix Krull liegt angefangen neben dem Bett, doch meistens schreibe ich eMails, auf einem Stapel von mehreren Büchern und dennoch lese ich erst die ungelesenen RSS-Feeds des Tages. Regelmäßig beginne ich die angefangenen Bücher von vorn, weil ich mich an die ersten einhundert Seiten nicht mehr erinnern kann; und manchmal fühle ich mich anachronistisch und alt.
Der Begeisterung eines Early Adopters: Vier Kilo schwer und maximal zwanzig Pixel. Zum Ausgleich antiquarische, alt riechende Bücher mit persönlicher Widmung von vor fast einhundert Jahren. Ein paar eMails vielleicht – ich muss das wissen – aber doch bitte keine Bauernhofsimulation!
Collegium Aureum
Wie wir gestern ausgerechnet darauf zu sprechen kamen, weiß ich nicht mehr. Wir erzählten von unserer Art einzukaufen; er mit Auto, der sich ein Leben ohne nicht vorstellen mag, ich mit Rucksack, der seit Jahren alles in Rucksäcken oder Jutetaschen nach Hause trägt. Heute morgen beim Espresso lese ich drüben Don Alphonsos kurzen Text und finde mich wieder.
Gestern kamen wir darauf, dass er lieber alle drei Wochen einen Großeinkauf macht im – wie er sagt – besten Aldi der Stadt. Fragt man mich, wann ich das letzte mal in einem Aldi gewesen bin, ich weiß es tatsächlich nicht mehr. Es liegt länger als ein paar Jahre zurück; in der Nähe unserer jetzigen Wohnung gibt es keinen und auch die Vorstadtsupermärkte sind mir suspekt, deren Kassenschlangen unabhängig der Uhrzeit ständig zu lang und deren Auswahl uninteressant. Es ist nicht Bösartigkeit, es ist nur, dass ich mich woanders besser zurecht finde, dass man woanders freundlicher ist.
Also mäandre ich (häufig zusammen mit ihr) durch die Straßen des Viertels. Auf dem stets wechselnden Weg ist der Biomarkt feste Station, meist ebenso der Buchladen am Ende der Straße und der kleine Markt hinter dem international bekannten Museum. Wir kaufen höchstens, was wir tragen können; abhängig von der Reihenfolge der Läden zum Vorteil entweder von Büchern oder von Lebensmitteln. Was vir vergessen – besser: alles, was nicht mehr in den Rucksack passte – kaufen wir unter den Tagen, zwischendurch, etwa Obst und Gemüse, Brot sowieso und hin und wieder ein Buch.
Es ist nicht, dass ich ihn um seinen Einkauf beneide, der alle drei Wochen kostet, was wir wöchentlich zahlen. Bloß manchmal ist ein Auto mein Traum, ein Cabriolet für den Sommer, für die Fahrt in den Berge oder zum See. Es ist allerdings so: So lange ich Platz im Bücherregal habe, werde ich mir ein Auto nicht leisten.
Gegenüber auf dem Spielplatz beißt der Hund sich durch den Reifen
Drei Wochen vor Mantua. Ich sitze ich ein gutes Stück im Norden. Lächerlich wenig nördlich um zu behaupten, so lange nicht nördlich gewesen zu sein. Ich wusste bis heute Abend nicht, dass es Ein-Sterne-Hotels gibt und schlafe nun in einem. Um die Durchsagen nicht zu hören am Hauptbahnhof für die Züge gen Norden – für die Züge gen Süden – habe ich die neue Kettcar-LP zum zweiten Mal gekauft.
Ich wasche die Haare mit Handseife, weil ich auch in dieser Hinsicht mit minimalem Gepäck reise.
Du sagst, nach allem was Du weißt
ist noch nie ein Boxer in den Kampf gegangen
der Vorsicht heißt
Vor vielen Jahren traf ich einen Block weiter einen Freund, quartierte mich einige Monate später erneut bei ihm ein und kaufte mir die zahlreichen Bierkästen selbst, die ich abends dann trank, während ich durch die dunklen Wiesen der Vorstadt lief, in der er damals wohnte. Es gibt etliche Fotos aus der Zeit, aus dem Sommer, vom Steinhuder Meer.
Ich wusste bis heute Abend nicht, dass es Ein-Sterne-Hotels gibt. Es fühlt sich gut an, hier zu sein.
Du sagst, nach allem was Du weißt
hast Du noch nie ein Pferd ein Rennen gewinnen sehen
das Trübsal heißt
– t: Kettcar: Kommt ein Mann in die Bar/In Deinen Armen
Mr. Chesterton
Ein Mann, über zwei Meter groß mit schlohweißem Haar. Und ein Mädchen mit schwarz lackierten Nägeln am Tisch gegenüber. Ich habe die Musik gefunden für meine Reise über die Felder vor der großen Bühne des Marschlands, auf der sie täglich das stets gleiche Stück Dämmerung geben. Und doch vermisse ich heute einhundert Dinge; allein das ist viel besser als sonst.
Es gibt den Stadtmenschen, es gibt den Landmenschen und es gibt den Menschen der Schiene: Ich liebe Fenster nirgends so sehr wie im Zug und Bäume nirgends mehr als neben dem Gleis. Ich habe Lehrmeister um mich versammelt und mir vorgenommen, bis zum nächsten Bahnhof den Horizont nicht aus den Augen zu lassen.
Das ist vielleicht diese Art von Erklärung, die mir fehlte, als mich letztens wer fragte, warum ich meinen Monitor abgebaut habe und der Schreibtisch aufgeräumt ist. Es ist die Erklärung in den mir noch fehlenden Worten, die ich ihm unbeholfen mit ausladender Geste über den Schreibtisch fegend gab: Die Weite.
Niemals ankommen
Seitdem ich das letzte Mal hier gewesen bin, ist einige Zeit vergangen. Wenn ich mich recht entsinne, kam ich aus Tübingen, machte einen Zwischenstopp in Augsburg, und weil die Stadt auf den ersten trüben Blick im Winter langweilig und das Museum der Augsburger Puppenkiste zu klein war für einen ganzen Tag, fuhr ich am späten Nachmittag weiter nach München, setzte mich in die Bahnlounge und überbrückte einige Stunden.
Als dieser Bereich gegen 22 Uhr geschlossen wurde, verbrachte ich die letzte Stunde des Wartens in einem der kalten Cafés im ersten Stock des Münchener Hauptbahnhofs, wartend auf den Zug aus Frankfurt, das wunderschöne Mädchen. Seitdem bin ich selten hier gewesen im Wartebereich. Man geht nicht in die Lounge in jener Stadt, in der man lebt. Heute morgen hingegen kam ich absichtich eine Stunde zu früh – mein Zug fährt erst in einigen Minuten – und tauschte den italienischen Espresso, den ich am Wochenende zu Hause oft trinke gegen den kostenlosen Pulverkaffee aus den monströsen Automaten der Lounge. Doch dies ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Der Rest hat damit zu tun, dass ich genieße, wieder öfter zu reisen, Kaffee in den Zügen zu trinken, den Kaffee hier im Wartebereich.
Es gehört dazu, ist deswegen per definitionem angenehm gut. Wie der Kaffee aus dem Automaten im Eingangsbereich der Universität, dessen Nummer ich stets erinnern werde, wie ich die Buchrückenbeschriftung der Kochbücher noch immer erinnre, die ich Zeit meiner Jugend beim Frühstücken las.
Diese Dinge, die man nicht schlecht finden kann, die außerhalb stehen des Wertebereichs.
24.12.65 v. Frl. Brendel
Die schönsten Dinge findet man mitunter in Läden, in denen man diese nicht erwartet. So geht man gewöhnlich zum Bücherkauf in einen der großen oder kleinen Buchläden am Platz und Musik kauft man im Plattenladen, in einer großen Elektronikkette oder gleich bei iTunes im Netz.
Als wir heute den kleinen Laden betraten, hatte ich anderes im Sinn als einen Stapel Bücher oder Musik; das ist gemeinhin die beste Voraussetzung für die Entdeckung toller Literatur und CDs. Das Buchregal stand versteckt hinter einer Ecke, so dass man sich unvermittelt vor einem unsortierten Regalmeter antiquarischer Bücher fand. Gegenüber stand ein leergeräumtes (oder nie wirklich gefülltes) Regal und die wenigen Schallplatten gaben ein verlorenes Bild.
Ich bin nicht sicher, ob diese Schallplatte zumindest kurz im Besitz der Familie Brendel gewesen ist. Das Frl. spricht dagegen – Alfred Brendel war zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet – kann aber gut eine Form der Ehrerbietung darstellen, mit deren Hilfe der Beschenkte, ein Professor der Medizin, der in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts sein erstes Buch veröffentlichte, seine Zuneigung zu Frl. Brendel, durchaus zum Pianisten höchstselbst, zum Ausdruck brachte. Der beigefügte Zeitungsauschnitt aus der Süddeutschen Zeitung vom 18. November 1965 deutet darauf, dass er begeistert war vom vierunddreißigjährigen Brendel. Andere Schallplatten untermaueren dieses Gefühl; Im beinahe leeren Regal fanden sich noch weitere, allesamt von Brendel, allesamt aus dem Besitz des Professors,
dessen Andenken ich nunmehr zu Teilen bewahre.
Ich würd Dir helfen, eine Leiche zu verscharren, wenn’s nicht meine ist
Es liegt verschwommen lange hinter mir, wie genau ich die Nationalgalerie entdeckte und mit ihr Niels Frevert als Sänger. Auf meinem iPod findet sich aus jener Zeit nur eines seiner Soloalben. Vielleicht habe ich meinen Vornamen im Internet gesucht und ihn gefunden, der sich nicht herumtreibt in den üblichen Kreisen, heute aber von Tapete Records verlegt wird, was dann wiederum doch zum Rest meiner Plattensammlung passt.
Irgendwann im November hat das wunderschöne Mädchen dieses Album entdeckt. Vielleicht suchte sie meine Lieder und blieb eine Zeile darunter hängen. Und irgendwann fragte sie beim Kochen, ob ich ihn mehr schätze als irgendwen sonst.
Überraschung! Ich war g’rad in der Gegend,
ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.
Einen Monat später markiert sein Konzert das erste seit langem. Hätte sie nicht gedrängt und Karten gekauft… (Ich kenne mich zu und Frevert dagegen nicht gut genug.) Er und seine wunderbar sympathische Band als Gegenpunkt zum Rock’n'Roll-Lifestyle, für den man irgendwann zu alt wird, der vielleicht mittlerweile bloß nervt. Eine Anmoderation, die man ihm glaubt. Ein Freund meldet sich eine Weile nicht und einer fährt vorbei und schaut mal nach ihm.
Es gibt Alben in meiner Sammlung, deren Kauf verstehe ich erst fünf Jahre später.
– t: Niels Frevert – Wohin hat es Deine Sprache verschlagen?
Aus vollen Zügen
Unterwegs in den Norden reisen heute Menschen mit mir, die vielleicht zum ersten Mal mit Zügen fahren in ihrem Leben. Die alte Dame vor mir, deren Mann vielleicht gestorben ist in diesem Jahr, der die weihnachtliche Strecke zum Sohn stets mit dem Auto gefahren und die, wie sie erzählt, noch rechtzeitig aus dem Krankenhaus entlassen wurde, um dieses Jahr mit dem jüngsten gemeinsam zu feiern. Dabei klickt sie auf dem Handy mit sehr großen Tasten und der Einstellung Tastenton: laut.
Und gegenüber der Junge hört lauten Rock.

»Ach, das war ein gutes Jahr, alleine für mich, alleine für uns.« Sie glaubt es und ich klicke mich weiter durch persönliche Wünsche auf auf der neuen Timeline von Facebook. Grüße, vielleicht sind auf der Toilette entstanden mit der neuesten App für das Smartphone, mit ungewaschenen Händen. Und doch: Es erreichten mich viele Briefe und viele eMails in den vergangenen Tagen, handgeschrieben oder persönlich intim, allein unerwartet und selten. So erwische ich mich in Gedanken, erwische mich bei »ich müsste endlich« und »ich könnte einmal«.
Das sind – jedes Jahr – die gleichen Gedanken. Und doch: Das war ein gutes Jahr, trotz allem und trotz dem ich so denke. Aber: Ich habe meinen Füller dabei!
Und der Schaffner sieht aus wie Götz Alsmann.
Um zu entspannen spielt sie Klavier
Es gibt wenige Fotos, obwohl das Instrument bereits vor zwanzig Jahren eine Reise hinter sich hatte, über die Menschen Bücher schrieben und schreiben. Deutlich vor 1989 kam es – auf verschlungenen Wegen – in unser damaliges Wohnzimmer, doch mir liegen jene Pfade im Dunkeln, ich war noch zu jung und zu wenig interessiert. Heute habe ich keinen, der sich erinnert oder jeder winkt ab.
Es ist kein Klavier von C. Bechstein und keines von Steinway und Söhne, aber es reicht, um dem Klavierbauer einen anerkennenden Pfiff über die Lippen zu jagen, als er es zum zweiten Mal stimmt. Ein Klavier, dem die fünfzehnjährige Auszeit im Keller nichts machte, in warmem Weiß, raumfüllend, mit einem Klavierhocker mit weinrotem Bezug. Ein Klavier, das in dieses Zimmer gehört, als hätten sie das Haus darum geplant und gebaut; ein Herr im Haus, freundlich bestimmt.
Steht man drüben im modernen Museum, in dessem neuen Café oder in der sich zu unserem Haus öffnenden Halle, kann man nicht nur die Bücherregale erkennen, den alten Ohrensessel und die alte Leselampe, sondern ebenso gut auch dieses weiße Klavier. Von Zeit zu Zeit stehe ich drüben, abends, und beobachte sie. Um zu entspannen spielt sie Klavier.
Bene merenti
Bei jedem seiner Sätze leuchten die Augen; in diesen Momenten scheint er wie ein sehr altes Kind. Unten im Keller öffnet er stolz eine neu gestrichene Tür und doziert, es gäbe sieben oder acht Räume dieser Art hier unten. Später hat er die Zahlen genauer im Kopf, wenn es nicht mehr um Batterien für die Notfallstromversorgung geht, wenn es sich nicht nur um Randdetails handelt.
Zwei Stockwerke höher kennt er jedes Detail, er weiß jede Information zu vielen der zig tausend Server, die aufgereiht laut vor uns liegen. Er öffnet in kindlicher Überheblichkeit Serverschränke und Racks und schiebt jeden von uns eigens in den Luftstrom um sich versichern zu lassen, wie ungewohnt warm dieser ist. Nur von Zeit zu Zeit fällt mein Blick auf die unkontrolliert zitternde Hand, die den Schlüssel umklammert zu all diesen Räumen, die diesen nie loslassen will.
Ein paar Meter weiter nehmen wir Abschied – in einem Raum, in dem bis vor kurzem ein Supercomputer stand. Wie viel zu dicke Rüssel fallen in engen Abständen gewaltige Absaugstutzen von der Decke herab, nutzlos geworden wie der alte vor uns stehende Mann, der dieses Gebäude einst plante, aufbaute und nun nicht loslassen kann.
Ein Professor des ganz alten Stils.
Die Bibliothek der Bilder
Mir kommt der Ausspruch eines Architekten in den Sinn: Man solle nur jene einladen als Gäste, mit denen man in einem Bett schlafen würde. Wie jene, bei denen ich wohne von Zeit zu Zeit für ein paar Tage, mit denen ich die Marmelade teile an diesem schiefen Bauerntisch in dem Raum gegenüber meines früheren Zimmers.
Hätte ich ein Haus, es hätte Zimmer für alle Freunde und nicht bloß zwei mit einer alten, doch guten Matratze. Hätte ich ein Haus, es verstünde sich als offener Hof, in denen jeder seine eigene Schlafstatt und alle dieses gemeinsame Wohnzimmer hätten mit einem offenen Kamin und Ohrensesseln aus meiner Großmutters Zeit.
Doch bin ich ein Reisender, der sich regelmäßig einlädt in die Hütten von Freunden, in die Leben der ander’n, sich an Gesprächen labend, an Diskussionen und altem roten Wein. Ich bin ein Wanderer, und so fahre ich hin. Ein Träumer, in Gedanken bei seinem Hof.

