Zu guter Letzt

Ich werde nicht wach wegen des Regens, ich werde wach wegen einer SMS morgens um sieben, die kündigt von frühem Besuch wegen etwas, das ich gestern vergaß. Es sind die Eltern kleiner Kinder, es ist unser Rhythmus, der kollidiert. Ein paar Stunden später – denn natürlich dauert es länger – lächle ich tapfer und bin tatsächlich so etwas wie dankbar.

A. erzählte mir gestern, nur in Unterhose gekleidet, sie hätte eine Fliege aus dem Wasser des Stadtparks gerettet. Und dann auf ihrem Bauch zerdrückt. Ich wende ein «Aber, …» während sie bereits antwortet «Doch.»

Während das wunderschöne Mädchen den Abend an einem Lagerfeuer verbringt, sortiere ich neue Bücher in das Regal. Ich lese mich fest in einem Gedichtband von Fried und gehe viel zu spät ins Bett.

Irgendwann in der Nacht muss es begonnen haben zu regnen.

 

Als Kind wusste ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?

— Erich Fried

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