Zeugnistag

Ich wundere mich, mit wem sie die ganze Zeit telefoniert, während ich in der Küche noch das Geschirr und die Töpfe abspüle. Sie hat den Brief meiner Mutter entdeckt, den großen braunen Umschlag, der heute Nachmittag kam. Als ich das Gefühl habe, sie stellt eine Frage, finde ich sie im großen Ohrensessel, kopfschüttelnd über den Stapel Dokumente hinweg lachend deutet sie mit dem Finger auf eine bestimmte Papierstelle und fragt ungläubig: »Eine Vier in Religion?«

Eine Vier in Religion

Meine Mutter schickte die gesammelten Zeugnisse meiner Schullaufbahn per Post. Jedenfalls die bis einschließlich Klasse 10, die späteren bleiben verschollen.

Ich erinnere mich, dass Schule und ich immer recht unterschiedliche Interessen vertraten, doch wie sich das im Einzelnen ausprägte, verdämmerte dankenswerterweise im Vergessen.

Bis gestern.

Ich kann also nicht behaupten, ein guter Schüler gewesen zu sein. Ich kann eigentlich auch nicht behaupten, ein sonderlich interessierter Schüler gewesen zu sein. Jedenfalls sagen das meine Lehrer. Mein Vater erzählt auf Familienfeiern oft von dem Satz »Niels schaut lieber aus dem Fenster als dem Unterricht zu folgen.« Ich weiß jetzt sicher, diesen Satz hat es so nie gegeben, jedenfalls nicht in schriftlicher Form auf einem Zeugnis. Die Beurteilungen aus den ersten beiden Schuljahren enthalten noch keine Noten, sie erfolgten ganzheitlich (…) und in prosaischem Stil. Auch wenn es den Satz meines Vaters nicht gibt, inhaltlich ist er zu finden.

Ich komme immer unter Zeitdruck

Als ich vor mehr als zwei Jahren in die Arbeitslosigkeit ging, heraus aus einem Bürokraten- und Verwalterjob, den ich nach drei Wochen in der Probezeit gekündigt habe – einem Trugbild erlegen habe ich mich als Unternehmensberater anstellen lassen – forderte mich eine der Firmen auf, bei denen ich mich bewarb, bitte auf jeden Fall noch mein Abiturzeugnis einzureichen. An jenem Punkt war die Kommunikation von meiner Seite beendet, da ich – nach mehreren erfolgreichen akademischen Abschlüssen – der Überzeugung war und bin, das Abiturzeugnis sei erstens nach mehr als zehn Jahren überholt und zweitens die Aufforderung zur Einreichung ein sicheres Zeichen, mit Paragraphenreitern bzw. Formular- und Prozessgläubigen in Kontakt zu sein, für die ich in meinem ganzen Leben nicht mehr arbeiten möchte: Der I. nannte sie treffend einmal I-Tüpferl-Scheißer.

Daran hat sich seitdem nichts geändert. Mit dem Blick auf die Zeugnisse kann ich mir nicht vorstellen, was diese Vier in Religion heute über mich aussagt. Ich weiß nicht, was die jahrelange und sehr erfolgreiche Mitgliedschaft in der Video-AG unseres Gymnasiums mit meinem heutigen Leben zu tun hat: Ich besitze seit langem keinen Fernseher mehr. Viel treffender und teilweise heute noch passend kommen mir die prosaischen Bewertungen aus den ersten beiden Schuljahren vor, denn tatsächliche schaute ich lieber aus dem Fenster, als langweiligem Unterricht zu folgen. Das ist, warum ich in Cafés sitze, das ist, weshalb ich gern reise.

Anschreiben meiner Mutter

Mir geht es nicht so, dass ich der Schule hinterhertrauere. Ich kann mich an einige Tage in den letzten Schuljahren erinnern, an denen ich in der Pause oder im Unterricht saß und hoffte, dass einen der Lehrer im Unterricht nicht aufruft und vortragen lässt. Wenn man zu Beginn der Oberstufe konsequent aufhört, Hausaufgaben zu machen, ist die durchaus schöne Zeit in der Schule, in der man seine Freunde jeden Tag sieht und einige Nachmittage frei und Zeit für fragwürdige Dinge hat, tatsächlich durchsetzt von so etwas wie einem permanenten schlechten Gewissen. Warum ich damals nicht einfach wieder begann, Hausaufgaben zu machen, warum ich mich dem Gewissen drei Jahre lang aussetzte und mich um meine Abschlussnote zu keiner Zeit kümmerte, bleibt in weiten Teilen unverständlich. Was und ob es überhaupt mehr über mich aussagt als über die Schule, die ich besuchte, darüber mache ich mir keine Gedanken.

Und ehrlich: Es ist mir egal.

Kindheit - ein literarisches Bilderbuch

2 Gedanken zu „Zeugnistag

  1. Hausaufgaben zu machen habe ich schon viel früher gesteckt, von daher war schlechtes Gewissen in der Oberstufe längst kein Thema mehr. Hätte ich mich nicht mit Chemie-LK ziemlich verwählt, wäre die Gymnasialzeit samit Hochschulreifeprüfung ein schöner Spaziergang gewesen, so musste ich halt vor dem Schriftlichen noch bisschen was tun, um meine benötigten 5 Punkte zu holen. Kurioserweise träume ich manchmal noch von der Abiturprüfung. Aber alles in allem überwiegen ganz klar die guten Erinnerungen.

  2. Ja, die guten Erinnerungen überwiegen, das stimmt. Aber trotz allem, ich verstehe niemanden, der sagt, »Früher war alles besser!«

    Ich bin froh, dass diese Zeiten vorbei sind.
    Und sie sollen bitte auch dort bleiben.

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