Wir laden uns jemand Gefährlichen zum Tee ein

Oft, wenn ich an Wochenenden von einem der Seen nach Hause komme, sitze ich einige Tage später im Ohrensessel und überlege. Ich kann mittlerweile die Uhr danach stellen, diese Phasen kommen häufiger als in den Jahren zuvor. Es wird also dringlicher, vielleicht weil ich gehäuft das Andere sehe, weil ich näher bin als in den Jahren weiter oben im Norden, weil ich Leute kennengelernt habe, die nicht meine Geschichte teilen und vielleicht weil es einfach ist, in dieser Stadt unzufrieden zu sein.

Blick von der Neureuth

Seit dem letzten Wochenende ist etwas Wichtiges passiert. Nicht, dass ich die Krise gerade nicht hätte – ich sitze mitten in ihr – aber jemand hat etwas gesagt und etwas geschrieben, was ich im Ohrensessel verdränge: dass diese Stadt ihre positiven Eigenschaften hat. Da sind die Cafés und Antiquariate – ich selbst sage immer, hier zu leben ist schön, weil alles in Laufnähe ist – der Bioladen, in dem man sich duzt und Rezeptvorschläge bekommt und die Reinigung, in der man mich vermisst, seit ich keine Anzüge mehr trage und sich doch jedes Mal freut, wenn ich komme, meinen Vornamen kennt. All das weiß ich, wenn ich im Ohrensessel sitze unter den Bücher zu meiner Rechten, die beruhigend in den Raum schauen, in ein warmes Licht getaucht von den beiden alten Lampen, am Ende des Raumes das Stövchen, das ein diffuses Licht durch den Tee schickt. Ich weiß das, so lange ich das Fenster nicht öffne und die unsäglichen Fahrzeugkolonnen die Ruhe vertreiben oder ein Bus an der Haltestelle ein sonores Wummern erzeugt, das man beinahe mehr spürt als man hört.

Kurz vor der Neureuth

München ist auf seine Art allerdings auch seltsam lächerlich, und vielleicht ist es das, was mich im Ohrensessel umtreibt. Diese Art bleibt zurück wenn man an die Seen flüchtet, wartet, während man eine Stunde entfernt einen Rennrodel durch den Wald zieht hinauf zu der Hütte, dem letzten Ziel vor der Abfahrt. Ich habe das letzten Sonntag zum ersten Mal gemacht (zumindest mit einem Rennrodel); Der Freund erklärt mir die wenigen Dinge, die man wissen muss, durch die Kurven zu kommen. Oben denke ich noch, mit dem wenigen Wissen käme ich niemals heil wieder runter, doch in den letzten beiden Kurven überhole ich dann einen Jungen und dessen Vater.

Rennrodel

Die Rodelstrecke, der Berg, dieser See sind mit dem Zug eine Stunde Fahrzeit entfernt. Mein Büro liegt im Norden von München, man kann die Alpen sehen von dort. Statt einer Stunde Zug fahre ich Rad, durch den Englischen Garten und an der Isar entlang. Doch die Phasen kommen häufiger als in den Jahren zuvor. Vielleicht muss sich irgendwann etwas ändern.

Blick von der Neureuth

Abends im Ohrensessel versuche ich vernünftig zu argumentieren. Kalt war’s, in München ist’s wärmer. Ich weiß, das ist halbgar. »Und ausserdem, wer braucht schon Zehen?«

Auf dem Heimweg von der Rodelbahn

– t: Flowerpornoes – Das Wort Erde

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