Viele Grüße aus Meran. PS: Den Kindern geht’s gut.

Es gibt in München ein Computergeschäft – zwar nicht in nächster Nähe, wohl aber (wie man so sagt) um’s Eck – an dem ich immer vorbeiradle, wenn ich an den Wochenenden der Croissants wegen eine kleine französische Bäckerei besuche. Als Jugendlicher stand ich oft in solchen Läden; zu jener Zeit war die Welt der Computer noch überschaubar: Es gab nur zwei Prozessoren und zwei Standards für Speicherbausteine. Während ich mich gestern in die Schlange in den Verkaufsräumen einreihte zwischen Studenten und Computerbild-bewaffneten Rentnern fiel mein Blick auf die Auslage: Prozessorkühler groß wie ein Kopf und Grafikkarten zum Preis eines Laufradsatzes für das Rennrad, das ich entgegen des Plans nicht in den Mietwagen bekam. Der Prüfstein gestern, die letzte Aktion: Noch einmal Technik, danach nur Natur.

Jaufenpass

Auf der Passstraße kam ich über eine Sache ins Denken, auch wegen des Kommentars zu einem der letzten Einträge, in dem es darum geht, dass einige Menschen finanziell auf Bonusprogramme und Angebote angewiesen sind. Irgendwo oben in Brenner (ich kann mich so gut erinnern, weil ich gerade an dem unsäglichen Outlet vorbeifuhr und an dem lange geschlossenen Lebensmittelgeschäft) fiel mir auf, dass ich niemanden kenne, der seine Lebensumstände permanent reflektiert. Egal welche Gesellschaftsschicht man fragt, lautet die Antwort des Großteils derselben, man verwende das Geld wenngleich nicht sparsam so doch mit Bedacht. Das sagt der mit seinem Ferrari auf der Theresienstraße Passanten beeindruckt wie einer, der im Supermarkt nach abgelaufenen Waren kramt. So natürlich auch ich, der überzeugt ist, man benötige für ein erfülltes Leben wenig mehr als ein Fahrrad, eine Wand voller Bücher und gute Musik. Ziemlich sicher noch eine Wohnung am See. Und wo wir dabei sind: ein altes italienisches Cabriolet.

Ist man unter seinesgleichen (und das sind die meisten), kommt man nicht auf die Idee, es gäbe etwas Billigeres und von dem Teureren sieht man nur Teile. Nach oben hin findet man den Lebenswandel der anderen absurd (ohne die Einzelheiten zu kennen, die einen noch kopfschüttelnder machten), nach unten hin – so man ihn überhaupt wahrnimmt – herrscht nur Bedauern und die Frage, ob das Geld, dass die haben, ausreichend ist. Allen reicht es jedoch meistens sehr gut. Ich kenne kaum jemanden der sagt, er verschwende sein Geld, hingegen einige, die nur das Nötigste kaufen, im einen Fall eben ein Sportwagen, im anderen die Currywurst im Sparangebot. In jedem Fall jedoch ist dies eine unbewusste Entscheidung in dem Sinne, von der Existenz des jeweils anderen nicht zu wissen; dies somit nicht nachvollziehen und überhaupt: keine Entscheidung treffen zu können.

Kurhaus

Das waren meine Gedanken, während ich über die alte Brenner-Passstraße fuhr. Dazwischen der alte bekannte, den ich auf dem Weg über die Berge immer schon denke: So ein Auto ist auch nicht viel teurer als ein Fahrrad, man hat natürlich das Problem, oben in München Parkplätze vor der Haustür zu finden. Aber das Passeiertal ist nur etwa 200 Kilometer entfernt, über den Brenner und den Jaufenpass hinab nach Meran. Und in Meran gibt es dieses alte Hotel, in dem man nur eine langsame und brüchige WLAN-Verbindung in der Lobby hat und einen Parkplatz im Hof. Viel wichtiger jedoch ist die Nähe zur Laubengasse und zum Aufstieg hinan zum Tappeinerweg, das erste Ziel gestern Abend meiner Flucht aus der Stadt auf den Berg. Das hört sich – unter uns – teurer an als es ist. Ich habe an der österreichischen Autobahnplakette gespart, bin Landstraße gefahren und habe sogar die restlichen Nudeln vom Tag zuvor mitgenommen, um sie oben am Berg, auf einer Bank, zu essen mit Blick über die Stadt. All das, die Fahrt, das Hotel, die Palmen und Sonne, all das war gestern alternativlos. Die Flucht – was ich als solche bezeichne – kam im letzten Moment.

Das hört sich dramatisch an, allein ich bin mir nicht sicher. Ich musste nur dringend raus.

Ein Gedanke zu „Viele Grüße aus Meran. PS: Den Kindern geht’s gut.

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