Verfall einer Familie

Ich habe diesen Anruf erwartet.
Ohne die Nummer zu kennen, verriet mir die Vorwahl, dass der Zeitpunkt gekommen war.

Vor einigen Tagen erreichte mich die Nachricht, ein entfernter Bekannter sei in der Vornacht verstorben. Sich totsaufen dauert lange – Jahrzehnte – wenn man es falsch anstellt und unterbricht mit Versuchen, es sein zu lassen. Ich erinnerte mich an einige Treffen vor Jahren, las alte Texte und dachte, auch ich könne wieder schreiben über den Tod.

Der Himmel über Schwabing

Ich habe die letzten Tage auf den Tod gewartet; besser: wir haben gewartet. Seit meiner Entscheidung am Montag morgen, die Therapie abzubrechen, wartete ich auf den Anruf. Die Zerrissenheit in meiner Brust spürend erinnere ich mich an seinem Bett sitzend, in dem er mit knöchrigen Fingern in krakliger Schrift sein Testament auf altes Papier schreibt. Das ist erst drei Wochen her.

Er wollte, wenn er könnte, schon gehen vor einiger Zeit. Vor dreieinhalb Jahren verlor er seine Frau, vor etwas mehr als einem halben seine einzige Tochter. Irgendwann in dieser Zeit verlor er sich selbst.
Und ich in den letzten Jahren fast meine gesamte Familie.

Dieser Stuhl bleibt leer

Heute kam dieser Anruf. Wir warten nicht mehr.
Höchstens noch ich, auf Silvester.

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