Tod eines Kritikasters

Den einstigen Buchhändler, der bis zur Schließung des Großteils seiner Filialen mit Argusaugen darüber wachte, dass keiner der Angestellten pausiert, sitzt oder isst, habe ich heute hinter seiner letzten Kasse sitzen sehen, den leeren Blick auf einen Stapel reduzierter Mangelware.

Mitleid kann ich nicht empfinden, hätte er in seinem verbliebenem Raum noch Angestellte, ich würde ihn dafür hassen. Er hat – das war schließlich ein offenes Geheimnis – seine Angestellten nicht bezahlt, die entweder mit unlauteren Mitteln oder gar nicht an ihren Lohn kamen, bekam trotzdem von der Arbeitsagentur Bewerber zugeschanzt, die bei der Namensnennung des Händlers nichts Böses ahnten. Auf Nachfrage gab sich der Sachbearbeiter im Amt wissend.

Ohne selbst für ihn gearbeitet zu haben, bekam ich viele Kleindramen mit. Dass mir der Hals platzte, ist das letzte Kapitel unserer Geschichte, kurze Zeit später konnte er die Miete seiner Büroräume nicht mehr zahlen. Wohin es die monatelang unbezahlten Vollzeitkräfte verschlug, weiß ich nicht. Ahne aber wohl, warum die ganze Geschichte den Bach runterging:

Der Chef war ein, wie man sagt, Arschloch wie es im Buche steht, stets laut, unbeherrscht, ein Aasgeier mit Mundgeruch, der über die Einhaltung oben genannter Prinzipien herrschte. Sein Sortiment war grotesk. Zwar kenne ich weder Verkaufszahlen noch statistische Erhebungen, dass seine Warenauslage aber kaum Passanten ansprach, war wohl jedem außer ihm selbst klar. Er war unbelehrbar, rechthaberisch und pleite.
Und nicht bereit, über seine Situation nachzudenken.
Seine Domain funktioniert auch lange nicht mehr.

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