Tinnitus in Theorie

An die Tatsache, dass mir mein rechtes Ohr – hörsturzgeplagt durch das ein oder andere Konzert – zeitweise pfeiffend durch die Lappen geht, habe ich mich gewöhnt. Als ein temporärer Tinnitus auf dem linken Ohr während der Medientheorie-Vorlesung meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war ich mittelstark irritiert.

Das Studienfach der Medienwissenschaften befindet sich im Umbruch: Für den Magisterabschluss werden keine Neueinschreibungen mehr akzeptiert, die Verschulung der BA-Studiengänge hält Einzug, mit ihr Elitessen aus besseren Elternhäusern. Die BWLisierung des Auditoriums mag ebenso an der Sympathie des Abschlusses liegen (wird der Bachelor, sogar der Master-Abschluss hierzulande unterhalb des Universitätsdiploms angesiedelt, scheint er die ursprünglichen Magisterstudiengänge aufzuwerten – the name makes the game) wie an “Sandy, die unbedingt zu MTV will”, die Knut schallend in einem unserer Kaffeehausgespräche ins Bewusstsein brachte.

Kann man das so stehen lassen? Die Wenigsten vermissen die verqualmten Hörsäle auf den Fotografien der siebziger Jahre, der stereotypische Geisteswissenschaftler als Konglomerat aus Kleidung, Überzeugung und Motivation, wie von Frank Goosen geschildert, findet sich heute bestenfalls in den Fachschaften.
War die ludenhafte Kleidung früher politisches Statement, beziehen selbsternannte Revolutionäre ihre Guevara-T-Shirts mittlerweile aus H&M. Wegen marktorientierter Ausrichtung schwimmen die Systemgegner mit der Haute Couture, tragen pastellfarbne Schals der bikapitalen Kleidergeschäfte.

Mit den Jahren wurde dem weitaus größeren Teil das gesellschaftspolitisch bedingte eigene Wohlbefinden wichtig. Der Dresscode bestimmt den Tagesablauf. Anzugbeschlagene Individuen scheinen besser organisiert, arbeiten im gesellschaftlichen Sinne produktiver und stehen häufiger “unter Strom”. Den Alternativen eilt der Ruf der Schludrigkeit, der Unorganisiertheit und des Desinteresses voraus.
Die Wahl fällt – fragst du mich – leicht.

(Mir bekannte) Ausnahmen gibt es immer.

Der Rotschopf schaut vom Fenster herüber.
Ich glaube, sie weiß, was ich meine.

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