The Melody at Night, with You

Bevor ich vor einigen Jahren meine digitalen Tonträger in Kisten verstaute und auf den Dachboden der alten WG trug, schaute ich diejenigen Menschen verwundert an, die fragten, warum ich denn noch CDs kaufe. Eines der Argumente war, dass man beinahe den gleichen Preis für eine download-only Version eines Albums bezahlt, dafür auf oft liebevoll gestaltetes Artwork und den Beipackzettel samt Liner Notes und die Möglichkeit verzichtet, Musik bewusst zu hören: eine CD bewusst auszusuchen, den CD-Player und die Anlage zu verwenden, um gemütlich mit geschlossenen Augen auf dem Sofa zu liegen und in der Musik zu versinken. Download-Versionen sind darüber hinaus prinzipbedingt niemals limitiert und eine Sonderausgabe verliert in einem Download-Shop ihren Glanz.

Abdulla Ibrahim

Wenn man mich Monate später dann fragte, als die Tonträger gut verpackt unter dem Dach und später im Keller standen, warum ich Musik ausschließlich bei iTunes beziehe, schaute ich diejenigen verwundert an, warum ich für den beinahe gleichen Preis Staubfänger ins Regal räumen sollte, die darüber hinaus im Weg stehen würden. Weiters ist die Musik online mit einem Mausklick zu kaufen – auch Sonntags! – und gleich dort, wo sie sein sollte: auf den iPods und iPhones, auf der alten Apple-Box, über die ich all diese Stücke auch über die Stereoanlage hören kann ohne aufstehen und einen Tonträger einlegen zu müssen.

Wharfedale

Heute nachmittag saß ich Stunden in einem kleinen Geschäft vor einem CD-Spieler, Stapel von Tonträgern neben mir: ich habe bewusst Musik gehört, ausgesucht mehr, und war überrascht, dass download-only doch deutlich billiger ist. Vielleicht liegt das an den Musikverlagen, die mich interessieren: alte Musik aus Spanien ist teurer, ebenso der Jazz eines Münchener Labels. Er, erzählte der Freund letzte Woche, genießt die bewusste Entscheidung für Musik und deren bewussten Auswahlprozess, und ich fühlte mich erwischt in jenem Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich Musik seit Jahren schon beinahe nicht mehr genieße, sondern herunterschlinge, unaufmerksam, oft neben anderer Tätigkeit.

Abdulla Ibrahim, Keith Jarrett, Antonio Vivaldi, André Campra

Ich erinnerte mich heute Nachmittag in diesem Geschäft an das Gefühl, wenn ich früher nach der Schule den Plattenladen besuchte, vieles vor dem Kauf gar nicht erst anhörte, weil ich stets anhand der Bands und der Labels wusste, was mich erwartet; naturgemäß nicht genau – das blieb jenem Moment vorbehalten, in dem ich in aufgeregt-erwartender Stimmung die CDs zum ersten Mal in den Spieler legte und mich auf das Sofa, die Liner Notes im Booklet zu lesen, als die Musik noch etwas Besonderes war.

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