Soldat_in oder Veteran

Es gibt einhundert Gründe, von der Stadt auf das Land zu ziehen und einhundert Gründe sprechen dagegen. Es komme, sagt sie, auf die Priorisierung an. Wir saßen bei Croissants und Kaffee, als sich diese Diskussion wieder entspann: Weil der Münchner Autofahrer an sich gerne hupt und eine Geduldspanne von wenigen Bruchteilen einer Sekunde besitzt, schaltet die Ampel erst einmal auf grün.

Gestern Abend fuhr ich im Englischen Garten in einen Kegelclub, der mit blauen T-Shirts uniformiert war: München Tour 2013. Die nächsten Kilometer ertappte ich mich dabei, wie absurd mir das vorkommt, an einem Ort zu leben, den andere einmal im Jahr besuchen, wohlgeplant mit ihrem sozialen Umfeld – als Event, als Highlight – und dafür T-Shirts bedrucken lassen.

Und sie sagt: »Siehst du? Und hier willst du weg.«

Hochufer

Die Immobilie liegt in bester Lage, der relevante Teil dieser Stadt ist fußläufig erreichbar. Hinter dem bunten Museumsbau, dem gegenüber wir leben, findet Samstags ein Bauernmarkt statt, auf dem eine alte Dame selbstgebackene Kuchen verkauft und Filterkaffee. Mit einem Geschwisterpaar vom Bodensee, die Äpfel und Säfte feilbieten, verstehe ich mich blendend; wir lachen zusammen und freuen uns auf das Treffen in der Woche darauf. Einige Parallelstraßen weiter im Norden gibt es ein kleines vegetarisches Café mit phantastischen Torten, etwas näher ist mein Antiquariat, in dem wir oft in Gespräche verfallen, wenn ich mit einem Stapel Bücher an den Kassentisch trete. Außerdem wir haben die beste Eisdiele nördlich der Alpen im Haus.

Doch gibt es natürlich auch Gründe, die mich träumen lassen von einem Leben am See. Nachts prügelt uns vielleicht ein Ferrarifahrer aus dem Bett, weil er jenem im Aston Martin beweist, dass er das Ampelrennen gewinnt. Das Dorf, an das ich denke, besitzt nur wenige Straßen und ist für Proleten uninteressant, weil die Erfolgreichen nicht aufgereiht sitzen an einer Spitzkehre wie unten am Odeonsplatz, in der sie ihr Auto mit brüllendem Motor wenden, um die Leopoldstraße wieder hinauf zu rasen bis zur Münchner Freiheit.

Prypjat

»Nein«, sage ich, »ich möchte nicht dorthin, woher dieser Kegelclub kommt, der München besucht. Dort, wo ich einst mit dir wohne, kommen uns die Münchner besuchen an ihren freien Tagen und verbringen deren Abende an unserem Bahnhof, weil die BOB überfüllt ist, oder im Stau Richtung Stadt, weil sie am nächsten Morgen zurück müssen in ihre Bürotürme im Norden.«

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