Schloß Gripsholm

Man muss Sascha Lobo nicht mögen. Ich kenne jemanden, der nur die Augen verdreht, wenn ich den Namen nur erwähne, denn ich finde Lobo durchaus gut. Vor allem wegen seiner beiden re:publica-Vorträge, aber auch wegen seiner Kolumne, die er drüben bei Spiegel Online schreibt. Die Kernaussage der aktuellen Ausgabe lautet: Wenn Du im Netz wirklich frei sein willst, brauchst Du Deine eigene Webseite.

Drive-By Shootings

Ich kann mich also ganz entspannt zurück lehnen, auf mein LiveJournal-Profil verweisen, dass mir eine mehr als zehnjährige Präsenz als Contentgenerator im Netz bescheinigt, oder auf den ersten Eintrag in diesem Blog hier aus dem August 2004. Meine Profile und Seiten bei den ganzen Social-Media-Netzwerken hingegen sind entweder noch nicht einmal halb so alt oder die Dienste und Communities gibt es schon gar nicht mehr (lebt eigentlich StudiVZ noch?).

Google+Und bei Google+ hat sich seit langem auch Ernüchterung breit gemacht, und wenn sie auch diesen Dienst irgendwann schließen, werden die Social-Media-Berater, die heute erst Hangout als unterschätztes PR-Instrument identifiziert haben, sich auf das nächste Unternehmensprodukt stürzen — und der zuerst da war ruft am lautesten, er hätte es immer gewusst. (Auf Google+ findet man übrigens ausschließlich PR- bzw. Social-Media-Berater oder IT- und Netz-Aktivisten, die in ihrer Überzeugung von offenen Schnittstellen komischerweise Google als Verbündeten im Kampf gegen das Böste in der IT ausgemacht haben. Ich möchte aber lieber Bilder aus Italien als die zehnte Diskussion über unterschätzte PR-Indstumente, Bilder von Fahrrädern und Katzen statt Musikvideos, die ich wegen der GEMA und fehlendem Flash sowieso nicht anschauen kann oder Neuigkeiten von den normalen Menschen aus meinem Leben, die Google+ wahrscheinlich noch nicht einmal kennen.)

Ich habe Bekannte gesehen, die von einem Blog-Anbieter zum nächsten umzogen. Sie haben ihre Texte zurückgelassen und mittlerweile mindestens teilweise verloren (weil es den Anbieter nicht mehr gibt oder das Konto gelöscht ist). Sämtliche Texte aus meinem LiveJournal habe ich hingegen in einer Datei auf meiner Festplatte und alle Einträge dieses Blogs sind über das Archiv durchsuchbar. Vor drei Jahren fing ich an, die Einträge in diesem Blog noch einmal von Beginn an zu lesen. Mit dem Wissen, wie eigene Texte nach sechs Jahren wirken, werde ich mich mit Füßen wehren, Relevantes und Wichtiges auf einer Plattform zu veröffentlichen, aus der ich das nicht (einfach) wieder herausbekomme.

Ich hatte vor drei Jahren zum ersten Mal das Gefühl, dass ich diesen Blog nicht nur für meine Leser geschrieben habe.

2 Gedanken zu „Schloß Gripsholm

  1. Auch wenn ich zu den Leuten gehöre, die niemals Tagebuch schreiben würden, weil sie sonst später beim Lesen die dieses komische Gefühl befällt, was sich wie Fremdschämen anfühlt, nur auf sich selbst in einer vergangen Zeit bezogen – diesmal hat Sascha Lobo fast Recht: Lange bevor es den Begriff Social Network gab, betrieb ich ein Forum in dem sich immer die gleichen Leute trafen, eine kleine Community. Nach einigen Jahren ging der Anbieter pleite und wieder einige Jahre später das Backup verloren. Nun habe ich kürzlich durch einen skurrilen Zufall festgestellt, dass einer dieser Leute die ich nie persönlich getroffen hatte mein Kollege war, mit dem ich einige Zeit zusammen gearbeitet und mich gut verstanden hatte. Seitdem finde ich es sehr schade, nicht nochmal durch die alten Unterhaltungen blättern zu können.

  2. Ich bin mir durchaus sicher, nicht den alten IRC-Protokollen hinterherzuweinen, die es mittlerweile bestimmt nicht mehr gibt. Auch wenn aus dieser Zeit einige Freundschaften geblieben sind, die meisten sogar (ob das was mit IRC zu tun hat, weiß ich indes nicht).

    Und fragst Du mich, würde ich auch behaupten, kein Tagebuch zu schreiben. Weil ich mir eigentlich sicher bin, nicht für mich zu schreiben, nicht um Dinge zu verarbeiten. (Ich habe aber keine Ahnung, ob man Dinge beim Schreiben nicht nicht verarbeiten kann.)

    Wie dem auch sei: Aus eigener Erfahrung gibt es das Fremdschämgefühl nicht. Oder eben schon, aber nicht bei mir. Vielleicht darf man aus diesem Grund kein Tagebuch schreiben.

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