Schienenersatzverkehr

Ich bin als Kind niemals U-Bahn gefahren. Das lag hauptsächlich daran, dass es in der Nähe des Ortes, in dem ich aufgewachsen bin, keine Stadt mit einer U-Bahn-Infrastruktur gab: Die nächste Großstadt lag einhundert Kilometer entfernt, aber wenn wir an Samstagen mit dem Auto anreisten und es auf dem Park-and-Ride-Parkplatz weit vor der Stadtgrenze abstellten, brachte uns eine S-Bahn in die Stadtmitte. Zwar gab es auch keine S-Bahnen in meiner Heimatstadt, aber S-Bahnen kamen mir damals (wie heute) heruntergekommen und schmutzig vor und hatten damit in meiner kindlichen Vorstellung keine Chance, gegen die immer neu und sauber erscheinenden U-Bahnen zu bestehen.

Vor der Arbeit

Einige Jahre später lebte ich für nicht ganz ein Jahr in Frankfurt. Ich studierte das Falsche, um regelmäßig an der Universität zu sein und ebenso unregelmäßig nahm ich folglich die Linie zur Bockenheimer Warte, an der die Universität damals noch lag. Diese unregelmäßigen Fahren ließen das Bild der stets neuen U-Bahnen schließlich verblassen, ich erinnere mich aber noch gut an die alten und schmalen Wagen der Linie U6, die mir über die Zeit mehr ans Herz wuchsen als die tatsächlich neuen und aufgeräumten Wagen der anderen Linien, die ich langweilig und weitläufig fand.

Radeln

Heute lebe ich in München und könnte praktisch jeden Tag U-Bahn fahren, denn die Büroräume der Firma, für die ich den Großteil der Zeit arbeite, liegen im Norden außerhalb der Stadtgrenzen. In den ersten anderthalb Jahren fuhr ich tatsächlich beinahe täglich: Erst zwei Monate in eine Trabantenstadt im Süden und schließlich zu meinem neuen Arbeitgeber in den Norden. Nur ab und zu überredete ich einen Kollegen, mit dem Auto zu fahren und mich mitzunehmen. Dennoch (oder gerade deswegen) habe ich im Dezember meine Jahreskarte zurückgegeben. Nimmt man nicht nur sporadisch die Bahn und wenn man regelmäßig in die Stoßzeiten kommt, verliert die sauberste U-Bahn ihren Reiz. Verglichen mit der Alternative.

Isar

Und vom U-Bahn fahren kommt man schließlich nicht über die Berge bis nach Meran.

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