Sachsen

Ich glaube, jedes Kind hat seine Methode, um sich die Zeit auf langen langweiligen Autofahrten zu vertreiben. Als ich ein Junge war, der im Auto noch hinten saß, beobachtete ich oft die Feldwege an den Rändern der Straße und stellte mir vor, mit einem Fahrrad entlang zu rasen in der Geschwindigkeit des Autos der Eltern. Ich spiele dieses Spiel noch immer, heute vorwiegend in Zügen, und ganz besonders eignet sich die sechsstündige Bahnfahrt nach Berlin.

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Wir fuhren etwa mit Lichtgeschwindigkeit, als sich ein älterer Herr zur mir setzte, der vielleicht in Leipzig zugestiegen war – immerhin sprach er akzentfrei – und der mich in meinem Spiel unterbrach. Er erzählte, hier sei er aufgewachsen und die Bahnen früher waren stets eine Attraktion für die Kinder im Dorf, das wir eben hinter uns ließen. »Drüben, die lange Reihe von Bäumen, stehend wie eine Armee« sei sein Schulweg gewesen. Und dieser, sein letzter Weg vielleicht aus dem Dorf führe in nun in die Stadt. Er sagt, er hätte Abschied genommen.

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»Es gibt«, erzähle ich ihm, »für mich zahlreiche Lebens- und Sterbensmodelle und keines davon sieht aus wie Berlin.« Ich achte nicht mehr darauf, was er sagt; vor meinem inneren Auge ziehen unzählige Bilder vorbei. Bilder von der Uferpromenade und dem an ihr gelegenen, längst verlassenem Grand Hotel, an dem zehn Jahre alte Schilder lehnen Wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Ich kann nur wenige Worte Italienisch, doch die auf dem Schild erinnere ich gut.

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In jener Gegend gibt es keine Feldwege an den Straßen. Radfahrer fahren abseits auf weniger befahrenen und engen Wegen, die Namen tragen wie Panoramastraße. In jeder Kehre gibt es Platz zum Pausieren, bergauf ist es ähnlich anstrengend wie ich damals als Kind auf den Feldwegen ahnte, in der Geschwindigkeit meiner Eltern. »Ich würde«, und dies sage ich zu ihm gewandt wieder laut, »jederzeit tauschen«.

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