Gestern war es, war es gestern?

Peryton - Gestern war esEine Ära ging zu Ende, als ich am Samstag die CD aus dem Briefkasten angelte: Eine Ära des Wartens.
Ursprünglich hatte Georg Hemprich alias Peryton die Veröffentlichung bereits im letzten Jahr angekündigt, diese aber aus zahlreichen Gründen immer wieder verschieben müssen. Im Verlauf der Zeit hat sich das Konzept der CD (und der Name, ursprünglich: “Wind von Süd”) grundlegend geändert, mit dem ersten Entwurf hat das finale Produkt nichts mehr gemein. Die Studioaufnahmen zogen sich über ein Jahr, das Abmischen der Platte über einen ähnlich langen Zeitraum, jedes Lied wurde mehrfach eingespielt und gemischt. Trotzdem findet der Perfektionist Hemprich Fehler, die er in einer eventuell folgenden zweiten Auflage ändern möchte. Diese Unstimmigkeiten sind der Tatsache geschuldet, dass alles in Eigenregie und abseits eines Labels aufgenommen und veröffentlicht wurde.

Gesprochene Zwischensequenzen unterbrechen die Liedfolge ständig und formen ein kantiges Werk, dass sich dem Nebenbei-Hören verweigert. Auch in den Chansons selbst steht der Text deutlich hörbar im Vordergrund, es werden Brücken geschlagen zwischen scheinbar unterschiedlichsten Stücken, charakteristisch für das musikalische Projekt:

ich schreibe chansons in deutscher sprache. liebeslieder, immer wieder. chansons voll sehnsucht. weil wir in einer zerbrochenen zeit leben, wachsen in mir zerbrochene liebeslieder, die dennoch kraftvolle lieder gegen das zerbrechen sind: chansons voll der kraft, die aus der sehnsucht wächst – und aus der erinnerung, der erfahrung.

Tracklist
01 zwischen uns die jahre
02 gestern war es (part I)
03 um liebe weinend
04 gestern war es (part II)
05 harte tage
06 gestern war es (part III)
07 wie kannst du sagen
08 gestern war es (part IV)
09 trash behind your house
10 gestern war es (part V)
11 ne tirez pas!
12 heut wein ich
13 gestern war es (part VI)
14 es ist noch nicht gelungen
15 the bridge

Wer ahnt, auf was es Hemprich abgesehen hat, wird unruhig im Sessel vor der Stereoanlage rutschen, der zum unangenehmen Hocker mutiert. Romantik-Pop ist anders, das erklärte Ziel Unbequemlichkeit.

Neben allerlei offensichtlicher, nie ins Plumpe driftender Gesellschaftskritik werden zur Interpretation zwingende Hinweise gelegt. Dass sich auf der CD Liebeslieder finden, scheint konsequent und nur auf den ersten Blick schizophren. Abseits sehnsüchtiger Nachrufe bleibt nicht viel zwischen Entsetzen und Betroffenheit. So werden neben mit Violinklängen tapezierte Stätten des Liebesunglücks Bürgertum und Klerus für vogelfrei erklärt, ohne dem Nihilismus und “No Future” zuzuspielen. Peryton fordert nicht weniger als die Revolution und am Ende fragt man sich, wem hier die Liebe erklärt wird.

Man muss damit nicht konform gehen, durch Vermeidung des Imperativs bleibt die CD dennoch hörbar. Das letzte Stück steht für seinen Namen, schlägt die Brücke zurück zum (und zwischen dem) Anfang, entlässt gleichzeitig den Hörer nach 45 Minuten:
Wohin?

es fällt mir schwer, immer wieder schwer, anderen meine musik, meine musikalische arbeit in meinen worten zu beschreiben. am besten, ihr macht euch euer eigenes bild: schaut und hört dort

10 Gedanken zu „Gestern war es, war es gestern?

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