Alle Deine Worte

Wenn Du neben mir liegst
und im Schlaf murmelst
»Ba Ba Di«
manchmal schreist, weinst
und mich aus aufgerissenen Augen anstarrst
die zufallen, sobald Du mich siehst
hätte ich Zeit
hier zu schreiben.

Aber diese Zeitfenster sind selten, und sie sind sehr begehrt; alles konkurriert um diese Zeit: Meine Liste an Briefen, die ich schreiben möchte, ist lang, zwischendurch muss ich eMails beantworten, ein Fahrrad putzen und generell aufräumen – jeden der Räume, den Du betrittst.

Hier ist es zur Zeit etwas ruhig, doch sicherlich ändert sich das irgendwann.

Bleibt bitte.
Ich habe noch etwas zu erzählen.
Ich habe am Freitag gekündigt.

Chiemsee

g*

Ein Lebenszeichen, weißt Du, das wäre schön.

Seifenblasen

Ich denke oft zurück und ich vermisse die Stadt bestimmt auch wegen Dir.
Ich weiß wohl: Alles ist näher als hier. 

Flora Mate

»G« möchte ich sagen und Dich umarmen.
Letztes Jahr in Hamburg war’s schön.

Der Schatten des Kindes

Ein Lebenszeichen, weißt Du, das wäre schön.
Zu viel verlangt, sagst Du? Mag sein.
Aber morgen oder so rufe ich an.

D-Zug

Wie lange ist das her, dass ich durch die Felder gefahren bin dort unten am See, dass wir uns in der alten Klosterschänke bei Käseknödeln den Magen vollgeschlagen haben und dass wir bis zu den Knien im alten Moorsee standen, die Räder im Rücken und die Sonne im Gesicht?
Ich habe das Foto noch im Kopf, wenn ich an diese Zeit denke.

Regenbogen

Am letzten Wochenende waren wir wieder dort unten, das erste Mal seit langen und mit mehr als dreißig Kilogramm Gepäck. Die Durchschnittsgeschwindigkeit hat nichts mit der Geschwindigkeit von damals zu tun, aber die Sonne ist wieder da, das warme Wetter, und die Käseknödel schmecken wieder phantastisch. Im Fernsehen fahren sie über die Alpen, das hole ich im nächsten Jahr nach. Doch auch dort unten riechen die Felder nach Freiheit, wenn man lange nicht in der Region gewesen ist.

D-Zug

Eine schöne Abwechslung war das und ein lohnenswerter Blick jenseits der Grenzen meiner Oberschenkel. Aber das Wimmern lässt nach und ich höre die Stimmen schon rufen; »nochmal« erkenne ich deutlich.

Bulli

Wam Kats 24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung

Die Nacht war wirr und kurz, gegenüber flimmert die Fassade des Museums bereits in der Hitze und ich genieße den letzten Schatten auf dem Südbalkon, den Dinkelkaffee und die aufgestauten und gesammelten Artikel, die ich mir zum Lesen aufbewahrt habe. Das wunderschöne Mädchen ist zu einem See geradelt, das Haus liegt wieder still und ich bin müde von der Stunde auf dem alten Nordfriedhof, die wir mit den Füßen im nassen Gras verbrachten.

Museumsfassade

Genau so, denke ich mir, kann es jeden Tag sein. Sogar das frühe Aufstehen macht mir von Tag zu Tag weniger aus; die Stadt gefällt mir besser, wenn sie noch schläft. Allein im Grünen, das war auch jener Traum, den ich hatte, als ich das erste Mal nach Helgoland fuhr. Damals schon hatte ich das Kochbuch. Ich wollte jeden Tag kochen und im Oberland zwischen den Bombenkratern essen. Mein Appartement lag direkt am Kai und hinten bei der Jugendherberge führte eine Treppe die Felsen hinauf aufs Plateau. Ich hatte jedoch vergessen, wie Helgoland mit Lebensmitteln versorgt wird: Angebaut wird nichts, die wenigen Beete in der Schrebergartenkolonie dienen der Selbstversorgung. Das Regal der Bio-Waren im Insel-Edeka ist 60 cm breit und nur unwesentlich höher.

24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung

So fuhr das Buch unbenutzt wieder nach Haus. Bis gestern habe ich kein Gericht aus diesem Buch gekocht, es nur zweimal gelesen. Weil es neben den Rezepten autobiographische Geschichten enthält, die das jeweilige Essen in Bezug setzen zu der Situation, in der es entstand. Gestern gab es ,,Woodstock’’ – Chili sin Carne. Und falls ich heute Lust bekomme, Küche und Hände rot zu färben, bereite ich den ,,Rainbow“-Salat.
Die Zutaten habe ich hier.

Woodstock

Während ich mich langsam daran gewöhne, häufig zu kochen, weht ein bisschen Liebe durch die verwinkelten Gassen von Blockwartsdorf. Wir könnten mehr davon gebrauchen.

Blockwart

Du hext mir die Haare grau

Ich hatte neulich (es ist bereits Monate her) einen Disput mit einem Freund, welchen Sinn es hat, die Tagesnachrichten zu lesen. Einer sagt (vielleicht war das ich), man kann das alles nur sehr schwer ertragen; der andere wendet ein, es sei dennoch notwendig um die Welt zu verstehen. Beide wissen sie nicht, wen ein Fußball-Relegationsspiel nerven kann, wenn im Mittelmeer Menschen ersaufen.

Klassentreffen

Letztens im Wald, ich war etwas zu früh und traf auf die ältere Frau, die später eine Beerdigungsrede hielt. Wir sprachen nach zwei Minuten über Politik und sie sagte, sie ärgere sich, dass wir (sie sagte tatsächlich wir!) Leuten hälfen, die von anderswo kämen. Ein dummer Mensch aus einem kleinen Dorf jenseits des Waldes, eine ihren kranken Sohn liebende Mutter, den sie als Rechtfertigung braucht. Der Egoismus spritzt aus jedem Satz; während der Rede am Grab hat sie Tatsachen und Namen vertauscht.

Der mißlungen Lebenslauf

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich drei Häuser im Wald, die vielleicht zu einem alten Hof gehören. (Ist das eine Flucht? Vielleicht ist das der Traum einer Flucht, vielleicht gebe ich irgendwann auf.) Ein halb abgeschliffener Küchenschrank steht unter dem Vordach einer fast verfallenen Scheune und das Telefonnetz reicht bis an ein Fenster der Küche, in dem Handys auf ihren Anruf warten. Die Bewohner haben kein Auge für sie, sie sitzen um einen alten, abgewetzten Eichentisch und essen irgendein Gericht mit Kartoffeln. Trotz Waldwegen gibt es hier keinen SUV, vielleicht nur einen alten Bus, mit dem sie sich zum Bahnhof in der Nachbarstadt fahren. Es regnet und in der Stube kauert eine Katze auf der Sitzbank am warmen Kamin.

Wo bleibt bitte das Gute?

Wir haben seit einem Tag keinen Zugang zum Internet mehr zu Haus’. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum es mich nervt.

Die Texte auf den Bildern sind alle von Kästner.

Intervalle (Voran voran)

Wir werden in den nächsten Minuten versuchen, die Schwelle deiner individuellen Leistungsfähigkeit herauszufinden.

Der Bahnsteig ist überfüllt. Ich wollte den früheren Zug nehmen, der ausgefallen ist. Wie immer, wenn ich allein reise, habe ich keinen Sitzplatz reserviert, bin so einer der Wenigen, die von der kurzfristigen Änderung der Wagenreihung nicht betroffen sind. Doch die Nachwirkungen erwischen auch mich: Deutsche Planungsfanatiker treffen auf Unvorhergesehenes;
die Germanen toben und schimpfen.

Ein Mädchen

Zeit, die Anstrengung zu erhöhen.
Verausgabe dich noch nicht zu sehr.

Ich bin unterwegs in den Norden, kaum jemand weiß etwas davon. Zu groß wären die Erwartungen und die Enttäuschung. Ich bin nur kurz dort, kaum jemand wird Notiz von mir nehmen. Haben Tomte nicht einmal gesungen »Und das Ding, auf dem ich fahre, fährt glaube ich zu schnell«? Ich bleibe nicht, ich steige nur um, bin ein Blitzlicht im Wald meiner Heimat. Nach dreißig Minuten bin ich schon wieder fort, ich habe ein Loch hinterlassen, das Liebste vergraben. Andere schütten die Wunde im Wald für mich zu.

Ein Mädchen

Die nächsten fünf Minuten werden dir sehr lang vorkommen.
Sehr lange.

»Es war ein langer Weg nach Hause, doch jetzt bin ich da.«
Mein Großvater lächelt das erste Mal seit Wochen.

Ein schönes Leben

Als ich an ihrem Bett saß, sie gelb und schwach vor mir lag und zwischen einzelnen Sätzen hingedämmerte, mich manchmal um etwas zu Trinken bittend, habe ich sehr viel verstanden. Ich hatte lange schon eine Ahnung, ein Gefühl, aus dem in den Tagen an diesem Bett Gewissheit geworden ist.

Erinnerungen

Ich kenne sehr viele Menschen, die den Monsieur Ibrahim gern gelesen und so wenige, die sich was er sagte zu Herzen genommen haben. Ich sprach mit Kollegen – wir sind alle am Zweifeln und doch machen wir immer weiter. Auch wenn wir tausend Euro Miete zahlen müssen, einen Wohnungskredit bedienen oder die Leasingrate für den SUV in der Vorstadt, die anderen sind nicht Schuld daran, wenn wir verharren. Wir selbst haben zu wenig Mut.

Erinnerungen

Ich habe ihr nichts versprochen, als wir uns zum letzten Mal sahen; sie hat mich nichts gebeten oder gefragt, vielleicht, weil sie mich kennt. Ich habe sie damit geneckt, dass ich das pinkfarbene T-Shirt trug. Darauf kam sie früher immer zu sprechen. Vorletzte Woche hat sie gelacht.

Erinnerungen

Ich habe sehr viel verstanden. Es ist beruhigend, sich Dinge erklären zu können: Das Seufzen im Bett bei geschlossenen Augen, die Farbe ihrer Haut. Es ist beruhigend, nicht glauben zu müssen. Religion war nie das Ding unserer Familie; meines nicht, nicht das meiner Eltern und ihres ist es auch nie gewiesen. Es war schön, sie angstlos und zufrieden zu sehen, nicht voller Panik vor der Bilanz. Aufklärung ist ein sehr hohes Gut.

Medikamente

»Ich hatte ein schönes Leben« hat sie vor zwei Wochen gesagt.
Vor zehn Tagen ist Großmutter gestorben. 

Eine Geschichte über die Liebe und eine über Musik

Diese Geschichte reicht etliche Jahre zurück. Ich kann mich erinnern, wie ich ihn kennengelernt habe in Köln. Wir standen am E-Werk und warteten dort, sie führte ein Telefonat und dann hieß es, er käme in zwanzig Minuten. Es war warm und ich weiß nicht mehr, welche Band abends dort auftrat; vielleicht The Notwist, das würde passen. Irgendwann kam ein Taxi und ich erinnere mich, wie seltsam ich fand, dass er ein Taxi benutzte.

Seine Wohnung sah ich erst Monate später. Irgendwann saßen wir in einer Bar und sprachen über Diedrich Diederichsen. Siebzigerjahre Deckenanhänger schmückten die Wände und was mir außerdem im Gedächtnis blieb waren meine Magenprobleme aufgrund der Menge an Bionade, die ich an jenem Abend trank. Das alles liegt mindestens fünfzehn Jahre zurück.

Mixer

Er war es auch, der mich fragte, ob ich an seinem Geburtstag auflegen möchte und der mich unvorbereitet hinter ein DJ-Pult stellte. Ich hatte einige Platten dabei, ich war zwar nicht überfordert – zumindest kam mir selbst das anders vor – doch die Leute tranken ihr Bier lieber auf dem Balkon. Ich glaube, bei einem Tocotronic-Song kamen einige zurück in das Zimmer.

Jahre später, an unserem ersten gemeinsamen Abend im Zimmer meiner alten WG, stand ich mit dem Rücken zum wunderschönen Mädchen. Ich weiß nicht mehr, was ich aufgelegt hatte (ich wette, sie weiß es noch ganz genau!), doch als wir uns zum ersten Mal unter dem Mistelzweig küssten, der über meiner Zimmertür hing, bin ich mir sicher gewesen, dass der CD-Player und das Mischpult jeden Cent wert waren – auch wenn aus mir nie ein wirklich guter DJ werden sollte.

Plattenspieler

Es ist sechs Jahre her, dass ich das alte Mischpult und den CD-Spieler bei eBay verkaufte. Seit vorgestern trauere ich um den Player, nie hat mich ein Verkauf im Nachhinein ähnlich geärgert. Zum Glück habe ich den Plattenspieler behalten und all die Schallplatten und CDs, die ich im Zuge der Überzeugung, MP3s würden reichen, in Kartons verpackt habe.

Einen Scheiß reichen sie!
Und die Hardware kaufe ich mir gerade wieder zusammen.

Das Rennen

Ich schrieb es schon einmal. Aber der Ärger muss raus! Und doch gibt es eine Versöhnung.

Ein Blick in das Bücherregal

Fast scheint es, man könne entweder gut Fahrrad fahren oder gut schreiben. Ich besitze einige Bücher, die diese These nahelegen. Die Lektüre von Alpenpässe und Anchovis liegt schon so lange zurück, dass ich mich an wenig mehr erinnere als daran, dass es mich einigermaßen langweilte und ich nicht betroffen war von dem beschriebenen Text. Das Buch irgendeines Kolumnisten irgendeiner Radzeitung, in dem er seine Glossen zusammengebunden hat, nervte mich nach zehn Seiten so, dass ich es sofort zurückgegeben habe. Nach Sieg am Himmelsjoch habe ich keinerlei Lust und Ambitionen mehr, jemals am Ötztaler Radmarathon teilzunehmen, wahrscheinlich war die Intention des Autors eine andere. In der Geschichtensammlung Die Liebe zum Fahrrad gefällt mir lediglich eine Erzählung, die mich die anderen lesen ließ in der Hoffnung auf eine zweite gute Geschichte. Gefühlt kenne ich noch einige Bücher mehr, doch dass mir nicht mehr alle Titel in Erinnerung sind, spricht Bände. Aus all diesen Büchern blieben mir nur drei positiv im Gedächtnis.

Die Leere in ihrem Leben schockiert mich!

Die Autobiographie von Laurent Fignon habe ich glücklicherweise sehr früh gelesen, sonst hätte ich vielleicht nicht die Hoffnung behalten, je auf ein gutes Buch zu stoßen. Wir waren jung und unbekümmert ist kein Vertreter der Hochliteratur, nicht Goethes Faust auf zwei Rädern. Aber es ist authentisch. Fignon muss mit diesem Buch keinem mehr beweisen, was er kann und dass sich auskennt; technische Wichtigkeiten, die nichts als nerven, fehlen hier völlig. Dass ich ein klein wenig auch wegen ihm nach Paris fuhr, müssen andere erst einmal schaffen. Auch eine zweite Biographie, Put me back on my bike über Tom Simpson, habe ich gern gelesen, obwohl sie aus tragischen Gründen keine Autobiographie sein kann: Tom Simpson starb 1967 am Berg Mont Ventoux. Wenn Radbuch, dann Biographie? Nichts neues seit April 2014?

Rennlenker

Fast. Ein alter Freund fragte, ob ich das Buch dieses Niederländers kenne, das fast dreißig Jahre lang nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Zuerst veröffentlicht 1978, trägt die deutsche Erstauflage das Datum 2006. Das gebundene Buch hat 162 Seiten, das beschriebene Rennen 137 Kilometer. Und so liest man Kilometer für Kilometer, Seite für Seite, kommt außer Atem an den Anstiegen zu den vier Pässen, ärgert sich über die Zögerlichkeit bei den Abfahrten und über diesen einen Hinterradlutscher, der sich im Windschatten der anderen ziehen lässt. Hier schließt sich der Kreis zu Fignon, der die Tour de France 1989 um acht Sekunden an einen (in seinen Augen) ebensolchen verlor:

LeMond war mit hauchdünnem Vorsprung auf mich ins Gelbe Trikot gefahren, aber man konnte von ihm keine offensive Fahrweise erwarten – das war nicht sein Stil. Er scheute jegliches Risiko. Gleich die erste Pyrenäenetappe von Pau nach Cauterets machte das deutlich. Sein Stammplatz war das Hinterrad der Gegner, wo er sich mit der Rolle des stillen Beobachters beschied.

Morgen dann wieder ein versöhnliches Buch.