Erzengel Rapha

Vor genau zwei Wochen stand ich im Olympiapark mit zwei Freunden am Rande der Strecke und feuerte Cyclocross-Fahrer an. Einige Fotos habe ich bereits in der Galerie auf dieser Webseite veröffentlicht.

Am Rand der Strecke

Heute habe ich drüben im Radblog ein wenig darüber erzählt, wie dieser Samstag gewesen ist.

Die Kurzfassung davon lautet: Der Tag war toll, eBay ist furchtbar und ich bin jetzt pleite. Nächstes Jahr kann ich vielleicht/möglicherweise/umhimmelswillen aus einer anderen Perspektive berichten.

Wir müssen reden. Ich habe jemanden kennengelernt. [Update]

Als ich damals an der Universität gearbeitet und einen Großteil meiner Zeit in Forschungsprojekten verbracht habe, kam ich auch hin und wieder mit Arbeitsgruppen aus unterschiedlichen Instituten meines jetzigen Arbeitgebers in Kontakt. Ich wusste damals nicht, wie Institute der Fraunhofer-Gesellschaft funktionieren, ich habe nur als Resultat gesehen, dass wir als Universität nicht nur den Projektbeteiligten aus Unternehmen stets nachlaufen mussten (öffentlich geförderte Forschungsvorhaben besitzen in Firmen manchmal eine sehr geringe Priorität), sondern zeitweise auch den Fraunhofer-Kollegen. Warum das so war, habe ich damals nicht verstanden. Immerhin werben Fraunhofer-Institute doch auch damit, Forschungseinrichtungen zu sein.

Was ich selbst immer furchtbar fand und noch immer finde, ist die oft erfolglose Suche nach Informationen über eine Unternehmen im Vorfeld einer Bewerbung. Das war damals so, als Ernst & Young meine Gehaltsvorstellung wissen wollte und ich nicht herausgefunden habe, was man als Berufseinsteiger in der Branche verdient (es sind so knapp 50.000 Euro/Jahr). Wenn jemand mit dem Gedanken spielt, sich bei Fraunhofer zu bewerben und nicht genau weiß, was auf ihn zukommt: Ich kann nicht für jedes Institut sprechen, ich kann nur für die Insel der Glückseligkeit reden, auf der ich etwas länger als vier Jahre beschäftigt gewesen sein werde. Etwa ein Jahr nachdem ich bei AISEC angefangen habe, hat mich die Computerwoche gefragt, warum mir der Job, den ich dort mache, Spaß macht. Ich habe damals ein bisschen davon erzählt.
Falls jemand über die Suchbegriffe »Bewerbung« und »Fraunhofer« auf diese Seite kommt, kann ich vielleicht in diesem Text die ein oder andere Frage beantworten. Es würde mich freuen.

Drei Jahre nach dem Interview hat sich meine Sicht darauf nicht grundlegend verändert. Damals war es so, dass ich mir nach meiner Zeit an der Uni nicht vorstellen konnte, weiter in Academia zu arbeiten. Ich war dann kurz bei Ernst & Young, habe aber nach wenigen Wochen gemerkt, dass wir uns auseinander gelebt haben (manchmal geht so etwas schnell). Dann habe ich kurzfristig bei Fraunhofer AISEC hier in München angefangen. Aber ist es nicht so, dass Fraunhofer-Institute nicht Forschungseinrichtungen sind?

Nie wieder Forschung!

Nun.

Als Institut nehmen wir an sehr vielen öffentlich geförderten nationalen und internationalen Forschungsvorhaben teil. Diese Projekte sind wichtig, da bei Fraunhofer einige meiner Kollegen eine Promotion anstreben. Für die Durchführung von Forschungsarbeiten werden (zumindest in unserem Bereich IT-Security) Forschungsprojekte benötigt. Im Gegensatz zur Universität, an der ich etliche Zeit hatte, die ich in Forschungsprojekte investieren konnte, ist diese Zeit bei Fraunhofer knapper.

Viel Zeit verbringt man mit der Durchführung von Industrieprojekten. Diese sind für Fraunhofer insofern interessanter, als dass »Industriegeld« das bessere Geld ist, da Institute gewisse Kennzahlen erfüllen müssen: Etwa 30% der Institutseinnahmen müssen aus Industrieprojekten kommen. Dabei stehen IT(-Security)-Institute vor der Herausforderung, dass niemand für IT-Sicherheit bezahlen möchte, denn der Nutzen ist erst einmal nicht direkt messbar (diese Problematik wurde im aktuellen Choasradio auch kurz angeschnitten). Auf die Akquise und die Durchführung von Industrieprojekten wird also sehr viel Wert gelegt. Den Inhalt dieser Projekte machen jedoch – im Hinblick auf angestrebte Dissertationen – selten spannende Fragen aus, sondern in unserem Bereich Code-Audits, Schwachstellensuche, die Erarbeitung von Konzepten und das Verfassen von Gutachten.

Giving a talk in Berlin

Das alles hat für eine gewisse Zeit seinen Reiz, bringt aber die Dissertation nicht voran. Daher sind sowohl die Vorgesetzten als auch die betroffenen Kollegen interessiert daran, einen Teil der Arbeitszeit explizit für Forschungsprojekte frei zu halten. Manchmal gelingt das, in Phasen, in denen viele Industrieprojekte oder Deadlines anstehen oder in denen ein oder mehrere Kollegen das Institut verlassen, gelingt das eher nicht. In diesen müssen Universitäten dann uns Fraunhofer-Mitarbeitern hinterherrennen, da Forschungsprojekte (nicht persönlich sondern aus Institutssicht) nicht mehr so wichtig sind. Diese Position zwischen den Stühlen hat noch eine weitere perfide Auswirkung: Entwicklungen in den Instituten haben manchmal nicht die Innovationshöhe, die Entwicklungen von Uni-Mitarbeitern haben, die sich Vollzeit einem Thema widmen können. Das sind zwei der Gründe, warum Fraunhofer bei Universitäten einen eher durchwachsenen Ruf genießt (jedenfalls in meiner Wahrnehmung).

Von der anderen Seite gesehen ist Fraunhofer deutlich näher an der Forschung als viele Unternehmen. Gleichzeitig existiert eine gewisse Routine bei der Durchführung von Projekten zu bestimmten Themen. Auch wenn der Großteil der Mitarbeiter, die in Industrieprojekten eingesetzt werden, nur eine gewisse Zeit in Fraunhofer-Instituten arbeitet, gibt es gerade auf Ebene der Gruppen- und Bereichsleiter langjährige Mitarbeiter, die DOs und DONTs kennen sollten. Die Rekrutierung von Fraunhofer-Kollegen durch Unternehmen ist normal. Gleich anderen Unternehmensberatungen (eine Rolle, die Fraunhofer in gewisser Weise spielt) kommt man als Mitarbeiter mit sehr vielen Unternehmen in Kontakt, deren Türen für den persönlichen nächsten Schritt offen stehen, wenn man gut ist. Ich habe sehr oft ehemalige Fraunhofer-Mitarbeiter in großen Unternehmen getroffen, über die schließlich auch Projekte beauftragt werden.

Braun Uhr

Ich selbst habe die mehr als vier Jahre an unserem Institut genossen, allein schon wegen der Kollegen und unserer Institutsleitung. Ich bin froh, das ausprobiert zu haben; viele Projekte fand ich sehr positiv, weil die Auftraggeber offen waren und unterstützend: Das war selten ein Gegeneinander, viel häufiger zog man gemeinsam an einem Strang. Doch während der vier Jahre wurde mir auch klar, dass ein Job in dieser Branche paranoid machen kann oder wahnsinnig. Wahnsinnig in der Form, dass man immer wieder Details findet, die einen fragen lassen, warum sich die Welt überhaupt bitte noch dreht.  Paranoid, weil es im Kollegenkreis den ein oder anderen gibt, der alles Neue ablehnt und Angst hat vor allem. So möchte ich niemals werden.

Im oben erwähnten Chaosradio sagte Frank, dass das Bedürfnis, irgendetwas mit Orchideen oder Holz zu machen, nirgends so verbreitet ist, wie im Bereich der IT-Security. Diesen Schluss und daraus die Konsequenzen habe ich nun gezogen.

Auf einer Konferenz in Berlin

Nichts mit Orchideen werde ich machen und nichts mit Holz, aber auch nichts mehr mit IT-Sicherheit.
In Academia werde ich bleiben.

Nachtrag am Sonntag: Dieser Beitrag spiegelt hoffentlich meine generelle Tendenz bezüglich Fraunhofer als Arbeitgeber wider: Den Arbeitsvertrag würde ich genau wie vor vier Jahren wieder unterschreiben. Neben den oben erwähnten Spannungsfeldern bietet Fraunhofer das, was man gemeinhin anderen Unternehmensberatungen nachsagt: Einblick in viele unterschiedliche Firmen und eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte. Natürlich setzt man irgendwann selbst seinen Schwerpunkt auf etwas, das einen interessiert. Manche Kollegen kümmern sich seit Jahren um die Sicherheit von Smartphones, andere schreiben Betriebssysteme oder bauen Hardware. So lange Industrieprojekte in diesen Bereichen anstehen, kann man sich selbst die Nische suchen, in der man sich austoben möchte. Wenn es jedoch keine Projekte im eigenen Schwerpunkt gibt, muss man natürlich in anderen Projekten und Bereichen aushelfen: das erweitert das eigene Wissen sehr, weil man auch mit Fragestellungen in Kontakt kommt, um die man sich sonst aus freien Stücken wahrscheinlich nie kümmern würde. In genau dieser Situation befand ich mich in den letzten Jahren. Nun möchte ich wieder zurück zum Cloud Computing und zu verteilten Systemen. Allein das ist der Grund, warum meine Zeit bei Fraunhofer endet.

Alle Deine Worte

Wenn Du neben mir liegst
und im Schlaf murmelst
»Ba Ba Di«
manchmal schreist, weinst
und mich aus aufgerissenen Augen anstarrst
die zufallen, sobald Du mich siehst
hätte ich Zeit
hier zu schreiben.

Aber diese Zeitfenster sind selten, und sie sind sehr begehrt; alles konkurriert um diese Zeit: Meine Liste an Briefen, die ich schreiben möchte, ist lang, zwischendurch muss ich eMails beantworten, ein Fahrrad putzen und generell aufräumen – jeden der Räume, den Du betrittst.

Hier ist es zur Zeit etwas ruhig, doch sicherlich ändert sich das irgendwann.

Bleibt bitte.
Ich habe noch etwas zu erzählen.
Ich habe am Freitag gekündigt.

Chiemsee

g*

Ein Lebenszeichen, weißt Du, das wäre schön.

Seifenblasen

Ich denke oft zurück und ich vermisse die Stadt bestimmt auch wegen Dir.
Ich weiß wohl: Alles ist näher als hier. 

Flora Mate

»G« möchte ich sagen und Dich umarmen.
Letztes Jahr in Hamburg war’s schön.

Der Schatten des Kindes

Ein Lebenszeichen, weißt Du, das wäre schön.
Zu viel verlangt, sagst Du? Mag sein.
Aber morgen oder so rufe ich an.

D-Zug

Wie lange ist das her, dass ich durch die Felder gefahren bin dort unten am See, dass wir uns in der alten Klosterschänke bei Käseknödeln den Magen vollgeschlagen haben und dass wir bis zu den Knien im alten Moorsee standen, die Räder im Rücken und die Sonne im Gesicht?
Ich habe das Foto noch im Kopf, wenn ich an diese Zeit denke.

Regenbogen

Am letzten Wochenende waren wir wieder dort unten, das erste Mal seit langen und mit mehr als dreißig Kilogramm Gepäck. Die Durchschnittsgeschwindigkeit hat nichts mit der Geschwindigkeit von damals zu tun, aber die Sonne ist wieder da, das warme Wetter, und die Käseknödel schmecken wieder phantastisch. Im Fernsehen fahren sie über die Alpen, das hole ich im nächsten Jahr nach. Doch auch dort unten riechen die Felder nach Freiheit, wenn man lange nicht in der Region gewesen ist.

D-Zug

Eine schöne Abwechslung war das und ein lohnenswerter Blick jenseits der Grenzen meiner Oberschenkel. Aber das Wimmern lässt nach und ich höre die Stimmen schon rufen; »nochmal« erkenne ich deutlich.

Bulli

Wam Kats 24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung

Die Nacht war wirr und kurz, gegenüber flimmert die Fassade des Museums bereits in der Hitze und ich genieße den letzten Schatten auf dem Südbalkon, den Dinkelkaffee und die aufgestauten und gesammelten Artikel, die ich mir zum Lesen aufbewahrt habe. Das wunderschöne Mädchen ist zu einem See geradelt, das Haus liegt wieder still und ich bin müde von der Stunde auf dem alten Nordfriedhof, die wir mit den Füßen im nassen Gras verbrachten.

Museumsfassade

Genau so, denke ich mir, kann es jeden Tag sein. Sogar das frühe Aufstehen macht mir von Tag zu Tag weniger aus; die Stadt gefällt mir besser, wenn sie noch schläft. Allein im Grünen, das war auch jener Traum, den ich hatte, als ich das erste Mal nach Helgoland fuhr. Damals schon hatte ich das Kochbuch. Ich wollte jeden Tag kochen und im Oberland zwischen den Bombenkratern essen. Mein Appartement lag direkt am Kai und hinten bei der Jugendherberge führte eine Treppe die Felsen hinauf aufs Plateau. Ich hatte jedoch vergessen, wie Helgoland mit Lebensmitteln versorgt wird: Angebaut wird nichts, die wenigen Beete in der Schrebergartenkolonie dienen der Selbstversorgung. Das Regal der Bio-Waren im Insel-Edeka ist 60 cm breit und nur unwesentlich höher.

24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung

So fuhr das Buch unbenutzt wieder nach Haus. Bis gestern habe ich kein Gericht aus diesem Buch gekocht, es nur zweimal gelesen. Weil es neben den Rezepten autobiographische Geschichten enthält, die das jeweilige Essen in Bezug setzen zu der Situation, in der es entstand. Gestern gab es ,,Woodstock’’ – Chili sin Carne. Und falls ich heute Lust bekomme, Küche und Hände rot zu färben, bereite ich den ,,Rainbow”-Salat.
Die Zutaten habe ich hier.

Woodstock

Während ich mich langsam daran gewöhne, häufig zu kochen, weht ein bisschen Liebe durch die verwinkelten Gassen von Blockwartsdorf. Wir könnten mehr davon gebrauchen.

Blockwart

Du hext mir die Haare grau

Ich hatte neulich (es ist bereits Monate her) einen Disput mit einem Freund, welchen Sinn es hat, die Tagesnachrichten zu lesen. Einer sagt (vielleicht war das ich), man kann das alles nur sehr schwer ertragen; der andere wendet ein, es sei dennoch notwendig um die Welt zu verstehen. Beide wissen sie nicht, wen ein Fußball-Relegationsspiel nerven kann, wenn im Mittelmeer Menschen ersaufen.

Klassentreffen

Letztens im Wald, ich war etwas zu früh und traf auf die ältere Frau, die später eine Beerdigungsrede hielt. Wir sprachen nach zwei Minuten über Politik und sie sagte, sie ärgere sich, dass wir (sie sagte tatsächlich wir!) Leuten hälfen, die von anderswo kämen. Ein dummer Mensch aus einem kleinen Dorf jenseits des Waldes, eine ihren kranken Sohn liebende Mutter, den sie als Rechtfertigung braucht. Der Egoismus spritzt aus jedem Satz; während der Rede am Grab hat sie Tatsachen und Namen vertauscht.

Der mißlungen Lebenslauf

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich drei Häuser im Wald, die vielleicht zu einem alten Hof gehören. (Ist das eine Flucht? Vielleicht ist das der Traum einer Flucht, vielleicht gebe ich irgendwann auf.) Ein halb abgeschliffener Küchenschrank steht unter dem Vordach einer fast verfallenen Scheune und das Telefonnetz reicht bis an ein Fenster der Küche, in dem Handys auf ihren Anruf warten. Die Bewohner haben kein Auge für sie, sie sitzen um einen alten, abgewetzten Eichentisch und essen irgendein Gericht mit Kartoffeln. Trotz Waldwegen gibt es hier keinen SUV, vielleicht nur einen alten Bus, mit dem sie sich zum Bahnhof in der Nachbarstadt fahren. Es regnet und in der Stube kauert eine Katze auf der Sitzbank am warmen Kamin.

Wo bleibt bitte das Gute?

Wir haben seit einem Tag keinen Zugang zum Internet mehr zu Haus’. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum es mich nervt.

Die Texte auf den Bildern sind alle von Kästner.

Intervalle (Voran voran)

Wir werden in den nächsten Minuten versuchen, die Schwelle deiner individuellen Leistungsfähigkeit herauszufinden.

Der Bahnsteig ist überfüllt. Ich wollte den früheren Zug nehmen, der ausgefallen ist. Wie immer, wenn ich allein reise, habe ich keinen Sitzplatz reserviert, bin so einer der Wenigen, die von der kurzfristigen Änderung der Wagenreihung nicht betroffen sind. Doch die Nachwirkungen erwischen auch mich: Deutsche Planungsfanatiker treffen auf Unvorhergesehenes;
die Germanen toben und schimpfen.

Ein Mädchen

Zeit, die Anstrengung zu erhöhen.
Verausgabe dich noch nicht zu sehr.

Ich bin unterwegs in den Norden, kaum jemand weiß etwas davon. Zu groß wären die Erwartungen und die Enttäuschung. Ich bin nur kurz dort, kaum jemand wird Notiz von mir nehmen. Haben Tomte nicht einmal gesungen »Und das Ding, auf dem ich fahre, fährt glaube ich zu schnell«? Ich bleibe nicht, ich steige nur um, bin ein Blitzlicht im Wald meiner Heimat. Nach dreißig Minuten bin ich schon wieder fort, ich habe ein Loch hinterlassen, das Liebste vergraben. Andere schütten die Wunde im Wald für mich zu.

Ein Mädchen

Die nächsten fünf Minuten werden dir sehr lang vorkommen.
Sehr lange.

»Es war ein langer Weg nach Hause, doch jetzt bin ich da.«
Mein Großvater lächelt das erste Mal seit Wochen.

Ein schönes Leben

Als ich an ihrem Bett saß, sie gelb und schwach vor mir lag und zwischen einzelnen Sätzen hingedämmerte, mich manchmal um etwas zu Trinken bittend, habe ich sehr viel verstanden. Ich hatte lange schon eine Ahnung, ein Gefühl, aus dem in den Tagen an diesem Bett Gewissheit geworden ist.

Erinnerungen

Ich kenne sehr viele Menschen, die den Monsieur Ibrahim gern gelesen und so wenige, die sich was er sagte zu Herzen genommen haben. Ich sprach mit Kollegen – wir sind alle am Zweifeln und doch machen wir immer weiter. Auch wenn wir tausend Euro Miete zahlen müssen, einen Wohnungskredit bedienen oder die Leasingrate für den SUV in der Vorstadt, die anderen sind nicht Schuld daran, wenn wir verharren. Wir selbst haben zu wenig Mut.

Erinnerungen

Ich habe ihr nichts versprochen, als wir uns zum letzten Mal sahen; sie hat mich nichts gebeten oder gefragt, vielleicht, weil sie mich kennt. Ich habe sie damit geneckt, dass ich das pinkfarbene T-Shirt trug. Darauf kam sie früher immer zu sprechen. Vorletzte Woche hat sie gelacht.

Erinnerungen

Ich habe sehr viel verstanden. Es ist beruhigend, sich Dinge erklären zu können: Das Seufzen im Bett bei geschlossenen Augen, die Farbe ihrer Haut. Es ist beruhigend, nicht glauben zu müssen. Religion war nie das Ding unserer Familie; meines nicht, nicht das meiner Eltern und ihres ist es auch nie gewiesen. Es war schön, sie angstlos und zufrieden zu sehen, nicht voller Panik vor der Bilanz. Aufklärung ist ein sehr hohes Gut.

Medikamente

»Ich hatte ein schönes Leben« hat sie vor zwei Wochen gesagt.
Vor zehn Tagen ist Großmutter gestorben.