Mehta

Air

Auf einmal ist alles still. Und auf einmal, noch in den ersten Takten, hält das Gefühl Einzug, das ich zum letzten Mal hatte in der Berliner Philharmonie, dass diese Töne sich unterscheiden von allem, was ich normalerweise höre. Mein Gehör ist nicht geübt, weniger als das Filigrane höre ich mit dem Bauch; ich bin mir bewusst, wie viel mir entgeht und dass doch in eben diesen Dingen jenes Gefühl begründet liegt, das ich nur aus Konzerthäusern kenne.

Dabei kommt es so unvermittelt wie dieses Stück, das nicht auf dem Programm steht. Wegen eines Todesfalls wurde es eingeschoben wie die anschließende Gedenkminute – eine Stille aus mehr als zweitausend Kehlen. Mir widerstrebt alles, von einem Glücksfall zu schreiben.

Road

Mazeppa

Von außen betrachtet fällt manchen auf, dass ich gerade verstärkt Bücher erwerbe. Das ist ein Zeichen, dass sich etwas ändert, dass mich etwas genau interessiert: dann kaufe ich alles, was man zum Einlesen braucht. Mir selbst als Betriebsblindem wird dabei noch klar, dass die Berge der Schriften deutlich zeichnen, dass es um mehr geht als eine alltägliche Entscheidung. Ein Gedanken bricht sich die Bahn, ein Gedanke, den ich so stark nie wähnte, darüber bin ich selbst überrascht.

Bench

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2

In manchen Interviews mit Künstlern findet man diesen Satz, dass Kunst unreflektiert passiert. Ich habe dies stets für die Koketterie gehalten der kunstschaffenden Klasse, und natürlich ist es vom eigenen Falle insofern verschieden, dass keine Kunst mich umtreibt. Wenn ich heute vage bleibe, bitte ich das zu verzeihen: Es ist wie der erste Schritt auf dem zugefrorenen See am Anfang eines Winters der Kindheit, in dem man nicht weiß, ob das Eis bereits trägt. Ich bin tatsächlich noch jenseits des Eises und vielleicht ist das bloß eine Phase – über die Jahre misstrau’ ich mir selbst. Ich weiß nicht, ob sich viel mehr ändert, als dass die Bücherwände sich füllen. »Es wäre«, denke ich mir jetzt oft, »aber mal an der Zeit.«

HFF

Symphonie Nr. 5

Das Gefühl aus dem Air gab es später nicht mehr. Zum ersten Mal habe ich verstanden und mit eigenen Ohren gehört, warum der Münchner Gasteig kein gutes Konzerthaus ist. Es muss sich etwas ändern, um in dreißig Jahren nicht immer noch auf den Rängen zu sitzen, altersmild dann wie Zweitausend um mich herum. »In der Musik«, sagt man, »liegen die Werte des Lebens.«

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