Rambos des Kleinstadtjournalismus

Ich habe zehn Stunden Redaktionsarbeit hinter mir. Für die Tätigkeit als freier Mitarbeiter muss man zwei Tage in der Redaktion gearbeitet haben, damit die Redakteure abschätzen können, welche Qualität die abgelieferten Texte haben werden und ob eine Zusammenarbeit mit dem Bewerber überhaupt sinnvoll erscheint.
Meine Arbeit bestand in den ersten Stunden darin, Pressemitteilungen in Artikelform zu bringen, damit sie im Regionalteil einer der nächsten Ausgaben berücksichtigt werden können. Genaugenommen habe ich den ganzen Tag nichts anderes gemacht als eMails, Faxe und Briefe durchforstet, mittelalterliche Handwerkermärkte, psychologische Vorträge, Lesungen und Konzerte angekündigt. Als ich um 19.30 Uhr die Redaktionsräume verließ, hatte ich in noch immer kein Feedback bezüglich der Qualität meiner Artikel bekommen: sie wurden nämlich nicht gelesen.
Die Kompetenzen aber quer durch den Raum verwiesen, jeder war mit etwas Wichtigem beschäftigt und mochte die kurzen Meldungen nicht zwischenschieben. Um Herr der langen Weile zu werden, schrieb ich immer mehr Zusammenfassungen und konnte wenigstens einen Außentermin wahrnehmen – als Zuschauer.
Mir erscheint diese Taktik zur Bewerberwahl merkwürdig. Sollte der morgige Tag ebenso ablaufen, ist mir die Entscheidungsgrundlage für oder gegen eine Mitarbeit schleierhaft. Dass ich Tage verliere, indem ich der Redaktion unliebsame Arbeit abnehme, ohne im redaktionellen Betrieb berücksichtigt zu werden, ärgert mich zunehmend.

Das Zeitungswesen habe ich mir anders vorgestellt. Die Atmosphäre freundlicher, nicht so schweigsam, so desinteressiert. Die Redakteure rauchen Kette und haben deswegen eine ebenso schlechte Laune wie Haut, wer die mangelnden sozialen Fähigkeiten von Informatikern moniert, hat noch keinen Redakteur kennengelernt!
Und es ist alles so wenig spektakulär.
Es ist alles so normal.
So frustrierend.

2 Gedanken zu „Rambos des Kleinstadtjournalismus

  1. Du bist vielleicht doch ein bisschen von Dir selbst überzeugt – eine Lokalzeitung ist nicht “das Zeitungswesen” und Redakteure sind in der bedauerlichen Situation, jede Menge Arbeit bei sehr dünnen Stellenplänen leisten zu müssen. Gerade bei Lokalzeitungen.
    Letztlich dienst ein solcher Tag sicherlich auch dem Kennenlernen des Redaktionsalltags – und redaktionelles Schreiben kann nicht jeder einfach so können. Du richtest wirklich über alles – findest Du eigentlich auch mal was schön, befriedigend oder auch nur halbwegs Deiner würdig??

  2. Gibt es. Hat hiermit aber nichts zu tun.
    Nichts gegen den Tag in der Redaktion, wenn er denn wirklich dazu gedient hätte (und das sollte er offensichtlich), meine schriftsprachlichen Fähigkeiten auszuloten. Die Arbeitsabläufe zu kennen, ist sicher auch nicht verkehrt, doch haben freie Mitarbeiter mit Redaktionsarbeit nichts am Hut.
    Vieles verliert den Reiz, wenn man sich damit beschäftigt. Und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass die Redakteure Leerlauf hatten. Ich sollte aber aus jenem bestimmten Grund in die Redaktion kommen. Wenn ich einfach nicht hineinpasse, hätte man mir das auch sagen können, und ich hätte es später nachgeholt.

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