Lüneburg, 30. XI. 1975

Gestern hatte ich Besuch von einem Freund aus Istanbul. Es ist so, dass ich im Vorfeld keine Pläne erdenke, was ich mit Besuch unternehme. Vielmehr frage ich die Interessen des Besuchs ab und nehme mir vor, spontan zu entscheiden, was unternommen wird. Was ich durchaus nicht bedenke (und bis zum nächsten Gast stets wieder vergesse) ist, dass es an Alternativen nicht mangelt, doch wohl an spontanen Ideen; gemeinhin bin ich also überfordert. Gestern nun saßen wir den ganzen Tag bei Tee vor der Bücherwand und gingen sie durch, zwischendurch andere Themengebiete streifend.

Ich hatte vor vielen Jahren einen Kalender. Zu diesem gab es (und gibt es noch immer) lederne Ringbücher, verschiedene Einlageblätter und zahlreiches anderes Zubehör. Ich kannte das System von früher: meine Mutter besaß und benutzte es sehr lange, hatte es im Sommer zuvor jedoch aussortiert und so hatte ich eine adäquate Menge an Dingen, die ich lediglich um ein aktuelles Kalendarium ergänzen musste. Ich glaube, ich habe den Kalender zwei Wochen benutzt.

Lüneburg, 1975

Noch vor dieser Zeit habe ich angefangen, meine Gedanken in Notizbüchern zu sammeln. Einige Texte (vornehmlich früher) entstanden in ihnen und mit ihnen verbunden sind Szenen und Erinnerungen an verschiedenen Orten. Ich erinnere mich gerade jetzt an einen regnerischen Tag in einem kleinen Ort, dessen Name längt verblasst ist. Dort saß Ich am Markttag in einem Café, mit mir zwei Einheimische, die mich argwöhnisch musterten beim Schreiben dieses Texts. Ich sehe die Einrichtung noch vor mir, sogar die Gedanken beim Durchblättern der Speisekarte, und beides versprühte den Charme und die Gewissheit, als rechne man dort nicht mit Gästen.

Der Freund erzählt, er könne keine zwei Dinge gleichzeitig und wie er damit umgeht täglich in seinem Büro. Er sagt Dinge, die ich mehrmals gelesen habe und die mich dennoch treffen wie Schüler, deren Streich aufgeflogen ist. Ich sitze dort mit roten Ohren und nehme mir vor, einiges auch einmal zu probieren. Ich entschuldige mich in diesem Moment und in Gedanken vorab bei all denen, auf deren Nachrichten ich vielleicht nur noch zweimal am Tag antworten werde. Einen Tag später, heute, krame ich das alte Telefon wieder hervor, das nichts kann als telefonieren.

Wenn ich einmal reich und tot bin

Dem Freund habe ich (genau genommen) eine meiner besten Investitionen der letzten Dekade zu verdanken: meinen Füllfederhalter. Mit allem anderen hat jener Freund kaum etwas zu tun.

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