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Schon letztes Jahr (03.09.03) geschrieben, aber wo ich gerade mit einem Freund drüber rede:

“Papa Pop” – So titelte das SZ-Magazin letzten Freitag den Artikel über den BMG-Manager und das “Deutschland sucht den Superstar”-Jury-Mitglied Thomas Stein. Stein, der vor kurzem sein Büro in Londons Westen räumen musste und in Münchens Osten ein neues bezog. Stein, dem nachgesagt wird, die Casting-Sendung hätte seinen Job und das Jahr für die Bertelsmann Music Group gerettet.
Die Schuldigen sind längst ausgemacht: Das Übel, das mit Napster begann und an dem P2P-Tauschbörsen im Allgemeinen schuld ist und damit kriminell sind. Tauschbörsen, die den Status Quo (nicht nur in der Musikindustrie) unterwandern, Arbeitsplätze vernichten und die erfolgsver- und an parabelähnliche Gewinnkurven gewöhnten Top-Manager ins Schwitzen bringen. Die Gegenmaßnahmen sind gewaltig: In den USA werden scheinbar wahllos P2P-Benutzer von der RIAA vor die Gerichte gezerrt und auf immensen Schadensersatz verklagt, 150.000 US-Dollar betragen die Forderungen je heruntergeladenem Song. Nachweislich haben diese Abschreckungsmethoden zwar Wirkung, allerdings schießen sie weit am Ziel vorbei. Einschüchtern lassen sich nur die “Gelegenheitstauscher”, die “Profis” zeigen sich unbeeindruckt. Das sinnlose Statuieren eines Exempels wird allerdings geht weiter – es wird an einer internationalen Ausweitung gearbeitet. Hierzulange beschneidet die Politik das Recht auf eine Privatkopie und schafft sie de facto ab. Die händereibenden Plattenbosse im Format eines Thomas Stein dürften erleichtert aufgeatmet habene, als sie erfuhren, dass die ungeliebte Privatkopie zwar noch immer rechtens sei, allerdings das Aushebeln gleich welchen Kopierschutzes, der mittlerweile auf fast jeder neu erschienenen Audio-CD (die eigentlich gar keine Audio-CD mehr ist) zum Einsatz kommt, vom neuen Urheberrecht unter Strafe gestellt wird. Folglich ist das Anlegen einer rechtmäßigen Kopie für die eigenen Zwecke legal nicht mehr möglich. Verständlich, dass ein Teil der Betroffenen nicht einsehen will, wo der Nutzen liegt. Eine neu erworbene und kopiergeschützte CD ins persönliche MP3-Archiv zu übernehmen, ist in Zukunft mit wegens des neuen Urheberrechts illegal, selbst wenn der Kunde einen Preis von 20 Euro pro CD bezahlt hat. Die wertvolle Original-CD im Auto-CD-Wechsler durch die Gegend zu fahren, wird sich der eine oder andere auch reiflich überlegen, schließlich war selbst im Falle eines Unfalls die CD immer zu Hause in Sicherheit und ein 12er-Magazin befüllt mit Original-CDs hat allein schon einen Musikwert von 200 Euro. Der plötzliche Wegfall der Möglichkeiten durch den Kopierschutz zwingt allerdings technisch wenig interessierte Anwender, die auf den Rohling im Auto nicht verzichen wollen, zum Benutzen von Tauschbörsen, in denen das Album mit Sicherheit zum Download angeboten wird, was bei ausreichend verschiedener Quellen und Breitband-Anschluss ans Internet manchmal sogar schneller zum Erfolg führt als das Rippen der CDs am heimischen Rechner.
Das Problem scheint zumindest teilweise hausgemacht, die Versuche von Firmen beim Aufbau eines Musikportals im Internet scheitern im großen Maße noch immer kläglich. Wird die Firma nicht in Grund und Boden geklagt, bürdet sie dem potentiellen Benutzer kaum vertretbare finanzielle Aufwendungen und ein dermaßen eingeschränktes Nutzungsrecht auf, dass die Attraktivität stark gegen Null geht. Einen besseren Start scheint dem Dienst von Apple beschieden zu sein, bisher allerdings nur in den USA. Ob sich das Musikportal hier etablieren kann bleibt abzuwarten. Es gibt eine Gruppe Musikliebhaber, die eben doch lieber Audio-CDs und Schallplatten im Schrank stehen haben, als reine Musikdateien in welchem Format auch immer nur auf (Fest-)Platte zu besitzen. Ein zentrales (und im Grunde legales) Musikarchiv, das allen Bewohnern einer Wohnung zugänglich ist, wird nicht selten in weiten Teilen illegal und die “Betreiber” kriminalisiert.
Die Rechung der Plattenbosse scheint nicht aufzugehen. Hier wird offenbar davon ausgegangen, dass jeder Tauschbörsennutzer tatsächlich alle heruntergeladenen Lieder und CDs kaufen würde, wäre ihm der Zugang zu den Tauschbörsen verwehrt. Oftmals wird der persönliche Wert von Pop- oder anderen Musikstücken unterhalb des Preises einer Maxi-CD liegen. Aus Interesse lädt man sich das Lied herunter, eine CD des Künstlers im eigenen Plattenschrank kann sich der Benutzer dagegen oftmals nicht vorstellen, sei es aus musikalischen oder persönlichen Gründen: jemand, der ein Lied furchtbar erschreckend findet, würde sich sicher nie einen Tonträger jedweder Form kaufen, eine MP3 zum Informieren seiner Freunde allerdings ab und zu sicher einmal herunterladen. Und davon gibt es zur Zeit reichlich, Tendenz steigend. Künstler vom Format eines Küblböck oder Alexander K. sind Eintagsfliegen, der obligatorische Begriff des One-Hit-Wonder sollte allerdings verschont bleiben. Peinliche (und das gibt selbst Herr Stein zu) und keinesfalls selbständige Musiker, die ihre Musik auf’s grellbunte Outfit zugeschrieben bekommen, deren einziges Ziel die Hyperventilation vierzehnjähriger Teenies ist. Dann klappt das Marketingkonzept und der scheinbar kaufkräftigen Jugendgeneration wird das Geld für Schund aus der Tasche gezogen, für den sie sich spätestens auf dem achtzehnten Geburtstag schämt. Eine Tatsache, die das Gegenteil zu belegen scheint, sind die rückläufigen Verkaufszahlen “bei den so genannten Hitcompilations, Sammel-CDs mit den aktuellsten Chart-Hits. Hier betrug der Rückgang 47,5 Prozent” [2], der fast ausschließlich in unrechtmäßigen Privatkopien begründet liegt, meint jedenfalls Gerd Gebhardt, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände. Widerläufige Verkaufszahlen sollen mit Bewährtem erreicht werden: Eine Tendenz zu Neuauflagen einmal erfolgreicher Musikstücke ist deutlich erkennbar, wohl wissend, dass gut geklaut besser ist als schlecht selbstgemacht: Das funktioniert allerdings nur so gut, weil niemand mehr an die One-Hit-Wonder der 70er oder 80er Jahre denkt [1].
Deutschland im Herbst, das Jahr zumindest für die BMG gerettet, rollt auf die zweite und mitnichten letzte Staffel von Deutschland sucht den Superstar zu. An Board ausschließlich Bekannte, wenn nicht vom Gesicht zumindest von den Liedern. Man orakelt, die Musikindustrie denke über Lizensierungen statt den Verkauf von Musikstücken nach, um in 15 Jahren die Lieder wieder neu lizensieren zu können. Ein guter Schritt weg von den Tauschbörsen – doch auch nach dem Willen der Musikbosse sind Musikstücke in digitaler Form wesentlich angenehmer als auf Tonträgern jeglicher Coleur, entfällt doch der Vertrieb. Es wird also weiter nach dem ultimativen Kopierschutz gesucht, nach unknackbaren “Digital Rights Management”-Systemen und auf die Tauschbörsenbenutzer kommen harte Jahre zu, wenn das USA-Modell Schule macht. Doch es wird versäumt, sich grundlegende Gedanken zur Struktur der Branche zu machen. Denn auch das stellt Thomas Stein fest: Ja-Sager gibt es überall.

[1] The One-Hit Wonders, http://www.dogpound.biz/onehit.html
[2] Musikbranche klagt über weiter rückläufige Umsätze, http://www.heise.de/newsticker/data/jk-14.08.03-002/

Quellen:
Süddeutsche Zeitung Magazin, Papa Pop, 29.08.03, Seite ..-..
heise News-Ticker, 15.07.2003, “Tauschbörsen unter Druck”
http://www.heise.de/newsticker/data/anw-15.07.03-000/
heise News-Ticker, 14.08.2003, “Musikbranche klagt über weiter rückläufige Umsätze”
http://www.heise.de/newsticker/data/jk-14.08.03-002/
Heise News-Ticker, 15.08.2003, “Klagedrohungen der US-Musikindustrie rufen US-Senat auf den Plan”
http://www.heise.de/newsticker/data/ola-15.08.03-001/
Heise News-Ticker, 23.08.2003, “RIAA-Strategie scheint aufzugehen”
http://www.heise.de/newsticker/data/ghi-23.08.03-003/

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