Literature and Latte

Heute morgen schrieb mir eine auf Facebook, dass meine Fotos ihren Lebensstil ganz gut beschreiben. »Glückwunsch«, habe ich mir gedacht, »denn dann lebst Du recht vernünftig.«

Viola Tricolor

Im Übrigen stehe ich der Welt stets wieder mit einem gewissen Unverständnis gegenüber. Ein vatergewordener Kollege erzählte, seine erkennten ihn wieder, wenn er von mehrtägigen Dienstreisen zurückkehrt. Das freue ihn sehr, sei ein tolles Gefühl. Ich freue mich für ihn, obwohl es mich nicht interessiert und frage mich, warum er überhaupt auf mehrtägige Dienstreisen fährt. »Lass’ die Krabben zu Hause, der Job ruft, ich muss meine Prioritäten setzen und allein der Erkennensfreude wegen arbeite ich jetzt zehn Stunden am Tag ohne dass meine Kinder mich sehen!«
Natürlich, der Job und oh! die Karriere.

Arbeit! Arbeit! Arbeit!

Das sind die Väter, die Emanzipation fordern, das ist der moderne Mann. Heute gilt als modern, der die zwei Monate Elternzeit nimmt und sich ansonsten verhält wie der eigene Großvater. Natürlich! Irgendwer muss schließlich das Geld verdienen und die Familie ernähren. Zur Sicherheit (und wegen der Rente!) in einem Achtstundentag-Angestelltenverhältnis und klar, die Frau kümmert sich – das ist doch natürlich! – um die Nachgeburt. Ja, Opa!
Es hat sich natürlich nichts verändert. Außer: Der moderne Vater lädt sein Heimchen zu sich ins Büro, geht stolz durch die Flure (er schiebt dann den Wagen oder trägt sein Kind stolz auf dem Arm), die Frau still nebenher wie ein Fremdkörper, der sie ist im Habitat des Vaters, der sich gerade vor anderen beweist: »Alle mal herkucken, Leute: Ich hab’ mich fortgepflanzt!«

Alter Mann

Liebe Eltern. Wie kommt ihr eigentlich darauf, dass euer Kind mich interessiert? Es interessiert mich nicht, auch dann nicht, wenn ihr es vor meine Füße legt. Mich interessiert sein Stuhlgang nicht, ob es krabbeln kann oder rülpst. Mich interessiert nicht, welche Eltern im Kindergarten eurer Kinder blöd sind und dass es gestern im Schwimmbad schön war oder schlimm. Ich will nicht über dein Kind reden; ich will nicht mit Dir reden, wenn Du kein anderes Thema mehr kennst. 

Bialetti Moka Express

Während ihr in den Eltern-Kind-Cafés sitzt laboriere ich an einem alten Problem. Es gibt dieses eine Programm, das ich nicht wirklich brauche. Und doch zuckt mein Finger stets über dem Bestellknopf, allein weil die Firma einen solch schönen Namen trägt, den sich dieser Beitrag hier als Titel geliehen hat. Und da sage einer, Details sind nicht wichtig. Ich trinke derweil einen italienischen Espresso, über dessen Farbe ihr beim Stuhl eures Kindes frohlockt.

47 Gedanken zu „Literature and Latte

  1. It takes two to tango, wie es so schön heißt. Anders ausgedrückt, den Spielraum, ein anderes Vatermodell zu leben als die Altvorderen, muss Dir Deine Partnerin erst mal zugestehen. Wird sie das tun? Meine tut das jedenfalls – mit allen Konsequenzen, die das für ihre Rolle mit sich bringt. Ich betrachte das als Riesen-Privileg und denke, es greift zu kurz, meinen vollzeit im Erwerbsprozess stehenden Geschlechtsgenossen ihr Modernitätsdefizit anzukreiden, wenn die eigentlich konservativ-restaurative Kraft zuhause sitzt und das Kind betüttelt.

    Wahrscheinlich ist das letztlich gewählte Partnerschafts- und Aufzuchtmodell weniger eine Frage von gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen, sondern oft genug schlicht und einfach so wie es Walter Serner schon in den Zwanzigern formulierte: “Ein Geschlechterverhältnis beginne wie es mag – nach einiger Zeit dominiert die Geldfrage.” So sehr ich mich dagegen sträuben würde, es nur darauf zu reduzieren, schiene es mir andererseits aber auch völig naiv, so zu tun, als spiele das keine Rolle.

    Es ist an Dir, es anders zu machen als die modernen Väter, die Du kritisierst. Und als jemand, der diesen anderen Weg mit seiner Partnerin geht, kann ich Dich nur ermutigen.

    1. Herzlichen Dank.

      Natürlich sind die Möglichkeiten immer von den Sichtweisen beider Elternteile beeinflusst. Ich finde nur diesen ,,modernen Mann” mindestens erwähnungsbedürftig, denn eigentlich hat sich nicht viel getan, außer dass der moderne Mann die neumodischen Gesetzesmöglichkeiten nutzt und Geld kassiert. Emanzipation – wie überall gefordert – sieht allerdings anders aus und geht weiter, tut oftmals weh und bedeutet Einschränkungen für das angestammte Revier des Mannes: Der Karriere.

      Was uns dahin bringt, den Karrierebegriff definieren zu müssen. Und dann merken wir, dass unsere Gesellschaft so altbacken ist, dass sie (und die Medienlandschaft) unter Karriere landläufig Erfolg im Beruf gleichsetzt.
      Nicht: Erfolgreiche Aufzucht der eigenen Brut.
      Nicht: Ehrenamtlicher Beitrag zum Gemeinwesen.
      usw. usf.

      Kurzum: Wir sind nicht so emanzipiert, wie wir uns gerne hätten.

      1. Tja, da bliebe zu fragen, wer ist wir? Auf die Gefahr hin, arrogant zu klingen: Ich finde mich in dieser Hinsicht eigentlich genau richtig – aber ohne den Glücksfall der passenden Partnerin, die mir den Freiraum eröffnet, mich mehr in der sogenannten Reproduktionsarbeit zu verausgaben als im Hamsterrad der Erwerbsätigkeit wäre ich womöglich einfach nur ein karrieremäßiger Loser mit Sinnkrise.

        Ich sage das jetzt nicht, um Deinen Beitrag zu widerlegen, im Grunde pflichte ich Dir ja bei. Exakt diese vermeintlich publikumswirksamen Papi-Perfomances, die Du beschreibst, sind mir schon übel aufgestoßen, als das Thema Fortpflanzung für mich selber noch unendlich weit weg schien. Typen, die im Büro von “quality time” mit der Familie geschwafelt haben und die sich am Wochenende dann doch lieber in einem Stapel von Zeitungen und Zeitschriften vergraben haben und froh waren, wenn die Frau und/oder der Besuch ihnen die Blagen vom Hals gehalten hat. Ich habe da viel Elend gesehen…

          1. Das aufzuschreiben, was ich gesehen habe, hieße ein paar Bekanntschaften und Geschäftsbeziehungen ernsthaft zu gefährden. Und unsere eigene kleine Geschichte, tja, die hatte ein paar sehr spezielle Voraussetzungen, die das gewählte Modell für andere nicht so ohne weiteres replizierbar machen. Das ist (aus Gründen) nicht unbedingt Stoff für die große Bühne.

            Kurioserweise hatte sich an Ostern im Westerwald herausgestellt, dass der ortskundige Radler von dort, mit dem ich mich für ein paar Touren verabredete, mit seiner Frau ein ziemlich ähnliches Modell der Arbeitsteilung praktiziert wie wir – nur mit dem nicht ganz unerheblichen Unterschied, dass da vier Kids im Spiel sind! Dass ihm diese Konstellation den Freiraum lässt, sich auch mal für längere Touren (Brevets etc.) auszuklinken, finde ich höchst bemerkenswert. Ich glaube, ich möchte auch mal die Frau und die Kids kennenlernen.

  2. Das “Mehr Schein als Sein” prägt sowieso eine männlich dominierte Erwerbswelt. Es ist dies ein alter Hut und aber deswegen totzdem nicht uninteressant und durchaus weiterhin kritikwürdig. Ja.

    Dass die angesprochenen “modernen Väter” dieses Verhalten teils auch auf die Vaterrolle übertragen überrascht mich nicht so sehr.

    Wir versuchen es auch gerade mit dem Andersmachen. Bub nun acht Monate alt. Der Papa jetzt in Elternzeit und seit einem Monat “daheim”. Vier weitere Monate folgen noch. “Karriereberuf” im Hintergrund? Ja! Konkretes Windelwechseln, füttern, bespassen, alles so? Ja!

    Probleme? Ganz unerwartet: Meine Partnerin gibt ihr dominant mütterliches Verhalten nicht auf, delegiert ungern. Die Sorge um das Kindswohl ist dann bei “so-oder-so-Entscheidungen” häufig der k.o. Punkt. Obwohl man vieles, vieles sicher auch mal ganz anders machen könnte, sportlicher, weniger besorgt, “männlicher”. Eben: So.

    Wo sie indes Recht zu haben scheint, nachzulesen in psychologischer Säuglings-Literatur: Die teils aufgehobene Rollenaufteilung “Wer füttert und tröstet – wer führt hinaus in die Welt” kann tatsächlich beim Kind zu Verwirrungen führen. Dahin gehend, dass dem Papa eben das Essen ins Gesicht gespuckt wird und die Mama für ihre Komik nicht das Papa-Belohnungslachen erntet.

    Wir kämpfen uns durch. Wichtig ist, sich und die Beziehung nicht zu vergessen. Rollenmodelle sind mir übrigens immer wurschter, seit ich unter allen möglichen Konstelalltionen glückliche und unglückliche Menschen kennengelernt habe.

    Glücklichsein ist wichtig. Der Glückliche kann geben und Glück multiplizieren. Ist kein Spruch. Euch Alles Gute, versucht’s einfach mal.

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