Irgendwann sind sie an Altersschwäche gestorben

Was soll man schon machen, wenn man wimmernd die Oberschenkel reibend im alten Ohrensessel sitzt, weil man gestern am Spitzingsattel übertrieben hat. Torten haben da eine wundervoll schmerzlindernde Funktion, man benötigt nur jemanden in der Nähe, der einem die Torten an den Krankenstuhl bringt und – weil man dahindämmert, mal draußen auf dem Balkon unter dem cremefarbenen Sonnenschirm, mal drinnen im Ohrensessel – der einen rechtzeitig weckt für das Konzert im Brunnenhof der Residenz. Wir wohnen zwar nicht sonderlich weit von der Residenz entfernt und ein Brunnenhof verspricht ebenerdig zu sein, doch ist unsere Wohnung nun einmal nicht ebenerdig. Und mit ein paar tausend Höhenmetern in den Oberschenkeln gerät jedes Stockwerk in einem Treppenhaus zu einem veritablen Hindernis.

Torte

Ich hatte gepackt wie immer und trug einen Tablet-Computer, eines dieser neuartigen Lesegeräte und ein, zwei Bücher auf den Berg und wieder hinunter. Während ich in der Wand stand, mich zwischen Kühen hindurchdrückte und oben mit den Wolken Wer-zuerst-lacht-verliert spielte, überlegte ich, ob und weshalb meine Bücher den gleichen Weg wie meine CDs gehen sollten: In den Keller.

Gipfelbeleuchtung

Kathrin Passig hat eine Linksammlung ins Internet gestellt, in der pro dem digitalen Buch argumentiert wird. Die Contra-Argumente liefert Amazon heutzutage selbst, indem es einzelne Bücher oder gleich ganze Konten jener Kunden löscht, die übermäßig oft von ihrem Rückgaberecht Gebrauch mach(t)en; mit dem Amazon-Konto verliert ein solcher Kunde den Zugriff auf bei Amazon gespeicherte Buchdaten – der Kindle kann auf existierende gekaufte (und ausschließlich bei Amazon gespeicherte) Bücher nicht mehr zugreifen.

Denken

Abgesehen davon, dass ich sowieso der Meinung bin, man sollte Lebensmittel auf dem Bauernmarkt kaufen und Bücher in Läden, in denen Menschen arbeiten, die Bücher lieben, diese Sammeln und liebevoll über Buchrücken streichen, spricht die Einfachheit des Buchkaufs für Amazons Vertriebsstruktur: Rund um die Uhr kann man Bücher kaufen, die wenige Sekunden später bereits auf dem Lesegerät sind. Nebenbei lässt sich bei Literatur, die der fragwürdigen Buchpreisbindung nicht unterliegt, tatsächlich ein beträchtlicher Betrag sparen. Und gestern – wenn man ehrlich ist – hätte ich etwa 300 Gramm weniger getragen.

Abtrieb

In der Landschaft oben am Berg versteht man gut, dass man besser kein Gerät kauft, mit dem man Bücher lediglich lizensiert, diese weder verleihen noch verschenken kann, dessen Batterie in wenigen Jahren verbraucht ist und das man dann nicht mehr weiter benutzen kann. Das ist ein bisschen wie mit diesen neuartigen Fahrrädern mit Stützrädern Hilfsmotor: Als wir uns letztens auf dem Spitzingsattel die verschwitzten Hände reichten, kam eine Gruppe Mittvierziger auf Pedelecs an. Jeder von ihnen trug eine Helmkamera, wahrscheinlich um die Ausfahrt auf Youtube zu dokumentieren.

Abstieg

Doch was erwartet man auch von Menschen in Zeiten, in denen man die Webseite einer Autovermietung findet, wenn man nach »Buchbinder« sucht.

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