Ihr Hund schämt sich (für Sie)

Es ist, wie es ist. Mancher guten Dinge sind drei, der anderen vier und Altes gehört im Keim erstickt, nicht beachtet, Anachronismen der Großväter und Legenden der Vergangenheit.

Während in der Zeit eine Artikelreihe über Spießertum gedruckt wird, erkenne ich mich in manchen Artikeln durchgängig wieder und fühle mich dennoch nicht schlecht. Wenn Menschen popeln, schmatzen und rülpsen, hat das mit persönlicher Freiheit nicht viel zu tun. Das eine Lager räumt bis zur fehlenden Hygiene reichende Freiheiten ein; wenn sich der Betroffene wohlfühlt, wäre Kritik unangebracht. Mir reichen gähnende Radfahrer; ich unterschreibe Beobachtungen anderer Freunde und bin entsetzt. Wer entschuldigt, kann gleich am Trog speisen; wo die Freiheit des Anderen anfängt, endet jene des Einen.
Oder – weil ich nicht an völlige Abstumpfung des Individuums glaube:

Was du nicht willst, das man dir tut,
das füg’ auch keinem anderen zu.

Ihr Hund schämt sich

(Foto von ix)

6 Gedanken zu „Ihr Hund schämt sich (für Sie)

  1. Ich bin auch entsetzt… da spricht einer von Ekel und Gewaltphantasien, weil andere beim Essen die Ellbogen auf den Tisch stützen oder den Kopf zur Gabel führen? Und du unterschreibst das?

    Zu Hülf!

    Verständnislos:
    Dennis

  2. Ekel kenne ich sehr wohl. Gewaltphantasien hingegen nicht, nein.
    Und die im Artikel angesprochenen Gewaltphantasien nehme ich nicht für bare Münze, sondern klassiere sie als Stilmittel der Abneigung.

  3. …was mir die Frage trotzdem nicht beantwortet, wo genau der Eingriff in deine oder seine Freiheit liegt, wenn jemand Ellbogen auf dem Tisch hat oder den Kopf beim Essen bewegt…

    Was da in diesem LJ-Eintrag steht, das ist meine Oma. Und das ist auch genau der Unterschied zwischen Anstand (den du ja völlig zu Recht einforderst und als verlorengegangen analysierst!) und Spießigkeit.

    Sich an Kassen vordrängeln, sein Auto quer über drei (Behinderten-?)Parkplätze stellen, Andersmeinende bloßstellen und lächerlich machen, lautstark religiöse Gefühle verletzen, seinen Müll überall fallen- und liegenlassen, verlorene Blinde an der Fußgängerampel minutenlang suchen lassen – das sind sie, die Symptome einer Gesellschaft ohne Sinn und Verstand von anständigem Verhalten und Miteinander.

    Das Nichtbügeln von Hosen und Hemden, das Essen nach vom Knigge abweichenden Gewohnheiten und das Gähnen ohne Hand mag dem ein oder anderen nicht schön vorkommen, hat aber nichts mit mangelndem Respekt vor persönlicher Freiheit anderer zu tun!

  4. Wenn ich mich – allerdings zwingt mich niemand dazu – in den Speisesaal der Mensa setze und von allen Seiten wird gegrunzt und geschmatzt, vergeht mir leider das Essen.
    Jetzt kannst du sagen, das sei mein Problem. In gewisser Weise hast du recht, doch erwarte ich von Personen, die sich bewusst in der Öffentlichkeit aufhalten oder Essen einen gewissen Respekt den anderen gegenüber; für mich ist das Fehlen von Tischmanieren eine Respektlosigkeit.

    Respektlosigkeit führt zu den bereits von dir genannten “Symptome[n] einer Gesellschaft ohne Sinn und Verstand”, die allesamt Grundlage für die Einschränkung anderer Freiheit sein können.
    Der Behinderte kommt nicht mehr in die Stadt, Menschengruppen werden ins Abseits gedrängt und von Handlungen ausgeschlossen, die jedem offen stehen sollten.
    Genauso werden Meschen die Mensa meiden, für die sie gebaut wurde.
    Ja, wir haben ein Problem.

  5. Die Kausalität finde ich dann aber ein bisschen weit hergeholt. Wer in der Mensa schmatzt, ist vielleicht ein potenzieller Rüpel auch in anderen Bereichen – aber kiffen ist nicht gleich der Start in die Heroinkarriere. Und ja, der Vergleich hinkt. Trotzdem finde ich in vielen der Punkte, die du bemängelst, noch viel schlimmer aber in dem besagten LJ-Eintrag, die Reaktion völlig unangebracht und überzogen.

    “Die Gabel zum Kopf führen und nicht umgekehrt!” – Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.