Eldermann

Ich hatte mir vor einiger Zeit vorgenommen, Gedanken, die mir in den Sinn kommen, sofort in mein Notizbuch zu schreiben, weil sonst passiert, was gerade wieder passiert: Ich habe gestern Abend auf dem Weg ins Bett einige Fragmente gefunden, die ich in einem Text berücksichtigen wollte. Jetzt sitze ich in diesem Café, während draußen Paare mit Sekt anstoßen und bekomme keinen der Gedanken von gestern zu fassen.

Kaffeehaus

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der es ihm besser ging. Stumme Zeugen dieser Tage sind vier Anzüge, die ich mich nicht traue zu tragen, weil die S. der Meinung ist, sie säßen nicht gut. Sie fragt mich immer lachend, wie ich mir so etwas habe andrehen lassen, ob ich denn keine Augen im Kopf hatte, damals, bevor wir uns trafen. Die vier Anzüge haben einen klassischen Schnitt und Muster, die an weiter entfernte Zeiten erinnern als an das Kaufdatum, dass einige Jahre zurückliegt.

Der Fluss

Als er einen blauen Anzug zwischen unzähligen anderen entdeckte, hob er an zu einer Geschichte, die begann mit »Damals in Hamburg«. Die Details erinnere ich nicht mehr, aber einige wenige Szenen seiner bildhaften Schilderung sind mir im Kopf geblieben über die Jahre. Wenn ich mich hineinversetze in diese Zeit, mich an seiner Statt in diesem Gebäude stehen sehe – so das anhand der wenigen Details, die er damals verriet, überhaupt möglich ist – dann sehe ich einen großen weitläufigen Raum, der dennoch still liegt: dicke Teppiche schlucken den Schall und am anderen Ende des Raums der Eingangstür gegenüber, durch die man dieses Büro betritt, steht ein alter Schreibtisch, wie ich ihn heute gern in der Wohnung hätte. Vielleicht sitzt hinter dem Schreibtisch ein älterer Herr, ergraut und wie man sich einen, der Verantwortung trägt, eben so vorstellt. Auf einer der beiden Längsseiten des Raumes gibt es mehrere bodentiefe Fenster, auf der anderen Seite, der rechten von der Tür aus gesehen, bedecken Gobelins die holzvertäfelten Wände. Zu dieser Stimmung, die einen ergreift, wenn man sich an diesem Ort wähnt, passt durchaus ein blauer Anzug mit goldenen Knöpfen, in dem man sich als junger Reeder fühlt.

Isarschwelle

Ich weiß nicht mehr, ob die drei anderen Anzüge eine vergleichbare Geschichte besitzen. Ich weiß nur, dass ich keinen der vier tragen werde in absehbarer Zeit. Vielleicht probiere ich sie morgen noch einmal an, heimlich wenn die S. nicht zu Hause ist, um ihren Blicken, ihrem Staunen zu entgehen. Ich verstehe die Unbekümmertheit, mit der sie vorschlägt, ich solle die Anzüge spenden. Sie war schließlich nie in einem Vorstandsbüro, sie ist nie versunken in den Teppichen dort und in der feierlichen Ruhe, in die ein blauer Anzug gut passt mit goldenen Knöpfen.

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