Ein quietschendes silbernes Bianchi

Wenn man um zehn Uhr mit dem Rad Richtung Odeonsplatz rollt, um diesen hinter sich zu lassen und irgendwann in den Perlacher Forst abzubiegen auf die geteerte Stichstraße, die sich fünf Kilometer schnurgerade in den Süden streckt, ist alles weit weg: Die Stadt bereits – denn hinter dem Wald wird es ruhig – und auch das Ziel. Man macht sich keine Vorstellung davon, man genießt den Ausblick, die kleinen Schönheiten, an denen man vorüberzieht und die sich häufen, je weiter südlich man kommt. 

Straße

Bushaltestelle

Ich habe gestern etwa zwanzig Mal daran gedacht, wie es wohl ist, hier zu leben. Im Vorbeiziehen idyllisch, vielleicht unerträglich, wenn man seine Ruhe vor den Nachbarn haben will. Es ist nicht so, dass ich Menschen nicht mag, doch es gibt Tage, an denen möchte ich niemanden sehen außer mir selbst. An solchen Tagen dann kann es anstrengend sein, wenn das Grundstück nicht groß genug ist oder die Hecke zu klein.

Haus

Hof

Während man auf einen Einschnitt in der Bergkette zurollt, den Gasthof zur Post in einem der kleinen Dörfer linker Hand passiert, erreicht man irgendwann die kleine Hütte eines lächelnden alten Mannes mit wettergegerbten Gesicht, der einen durchwinkt und murmelt »Radfahrer frei«. Auf den nächsten Kilometern sieht man kein Auto und irgendwann zweigt von der Mautstraße ein kleiner einspuriger Weg ab, der einen hinaufbringt auf die Höhe des Sees. 

Berganstieg

Walchensee

Die Hälfte der Strecke liegt hinter einem, doch jetzt hat man kaum mehr ein Auge für jene Orte, die man durchquert. Ob es am Wind liegt, an der Landschaft, die einem nun langweilig erscheint oder an der eigenen Unaufmerksamkeit, ist schwierig zu sagen. Manchmal denke ich mir: Achte nicht auf dein Knie, achte auf den Zwiebelturm der Dorfkirche und die Berge zur Rechten, die du bald nicht mehr siehst. Das ändert sich erst, als man einbiegt zur Isar, abseits der Straße. Und dann ist man plötzlich am Kloster Schäftlarn.

Campagnolo Record Ergopower

Isar

Das Quietschen kennst du, es sitzt dir im Nacken am Fuße des anderthalb Kilometer langen Anstiegs, es treibt dich den Berg hinauf. Du willst dich nicht umdrehen – wie sähe das aus! – und oben hast du kurz das Gefühl, dass du es abgehängt hast. Doch vor der letzten Kurve, die Sonne im Rücken, taucht sein Schatten neben dir auf und du beschleunigst den Tritt trotz Schmerzen im Knie. Ein Bayreuther Kulturredakteur auf seinem quietschenden Bianchi hat dich den Berg hinaufgepeitscht und du hast ihn gezogen. Die letzten dreißig Kilometer fahren wir zusammen und er zeigt mir eine schöne Strecke stadteinwärts, die ich noch nicht kannte. Er ist Schuld, dass ich heute ein wenig humple.

14 Gedanken zu „Ein quietschendes silbernes Bianchi

  1. Das Bianchi hätte man auch auch gerne noch im Bild gesehen. ;-)

    Aber so ein Dauergeräusch kann schon mürbe machen. Als der verblichene Sir Walter dieses ständige Klicken hatte, dem ich lange nicht auf die Spur kam, habe ich in aller Regel Abstand zu anderen Radlern gehalten.

    1. Das Bianchi zu fotografieren, während ich mich mit dem Fahrer unterhalte, war mir dann doch zu offensiv. :)

      Und ja, auch ich hätte das Gequietsche gern weiter entfernt gewusst, und das ist der Grund, warum ich die Schäftlarner Schaukel relativ schnell hinter mir gelassen habe trotz der vielen Kilometer in den Beinen…

      Aber das Tretlager meines anderen Rads macht auch bedenkliche Geräusche, um die ich mich dringend kümmern muss. Und die Grund dafür waren, am Samstag mit dem alten Rad gefahren zu sein. :)

      1. Genau für solche Gelegenheiten hatte ich mir zu Weihnachten (oder wars Geburtstag?) ja den Werkzeugkoffer gewünscht. Zwar konnte ich mir beim Radladen meines Vertrauens da und dort auch mal den Kurbelabzieher und das Tretlager-Dingsie ausleigen, aber es ist doch praktischer, gleich drauflos schrauben zu können.

        1. Das Werkzeug dafür habe ich, denn ich sehe es erstens wie du und zweitens habe ich die Kurbel selbst montiert. Nur müsste ich mir die Lager einmal aus der Nähe anschauen und wahrscheinlich fetten. Aber lieber fahre ich erst noch einmal eine Probetour, um wirklich sicher zu sein, dass die Kurbel(-Lager) tatsächlich komische Geräusche macht/machen.

          (Außerdem ist das Wetter zu schön um zu schrauben.)

          1. So ein diffuses Tretlager-Phänomen hatte ich voriges Jahr beim Olmo. Kein Klicken oder Knacken, sondern eher ein konstanter Ton beim Kurbeln, so ähnlich, wie wenn der Wind unten in den Gabelschaft pfeift. Im Radladen ging ein Abzieher drauf beim Versuch, die rechte Lagerschale abzukriegen. Mehr eine homöopathische Dosis Lagerfett in die Kartusche zu applizieren konnte ich nicht tun, aber seitdem ist das Geräusch nicht wieder aufgetreten. Vielleicht wollte das Ding einfach mehr bewegt werden.

  2. Ich drück dir Daumen, dass das so bleibt.
    Wenn ich aus dem Urlaub wieder zurück bin, und wenn ich einiges an Zeit habe, werde ich die Kurbel noch einmal abbauen. Zur Zeit steht mir nicht danach der Sinn, und es geht ja auch so.

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