Ein Leben wie Franzosen Auto fahren

Ich trinke nicht mehr häufig Kaffee. Im Büro steht eine furchtbare Kaffeemaschine; Ich bin mir nicht einmal sicher, ob diese Kaffeemaschine furchtbar ist, doch die Bohnen sind es, furchtbar und billig. Sie kommen in Fünf-Kilogramm-Tüten aus einem Internet-Shop, stets für mehrere Wochen, damit man die Versandkosten spart. Zeit, die nötig ist, um das billigste Angebot zu finden und den Bestellvorgang (kostentechnisch) zu optimieren, wird gern investiert, ebenso wie die Zeit in Diskussionen auf Mitarbeiterversammlungen, um zwei Euro mehr bei der monatlichen Pauschale herauszuschlagen, die wir von unserem Arbeitgeber einfordern können, um die im Homeoffice entstehenden Telefon- und Heizkosten zu decken.

Es fiel mir also einfach, keinen Kaffee mehr zu trinken von einem Tag auf den anderen, anfangs gar nichts zu trinken außer Säften und Wasser. Aber da Mittagsschlaf bestenfalls komische Reaktionen hervorruft beim Spießbürger und ich mich darüber hinaus in einem Arbeitsumfeld befinde, in dem man Individualisierungen wie Sitzsäcke, -ecken und Rückzugsorte selbst finanzieren muss, trank ich irgendwann schwarzen Tee.

Apfelstrudel und Tee

Heute trinke ich Kaffee vor allem noch in den Zügen. Ein Ritual, und immer wenn ich darüber nachdenke, erinnere ich einen Freund, mit dem ich zusammen studierte und der jetzt in Istanbul lebt. Ich vermied es lange, Rituale zu haben, in der Angst, zu erstarren und irgendwann ständig die gleiche Sorte Kaffeebohnen zu kaufen. Dann zog H. nach Istanbul und passte damit nicht mehr in das Schema, das ich so fürchtete. Er sagte schon zu Studienzeiten, dass ihm Rituale wie die morgendliche Süddeutsche Zeitung und dazu eine Tasse Kaffee wichtig seien, doch er war auch stets in der Lage, diesen Plot zu verlassen, wenn es einen Grund dazu gab: Wie häufig fuhren wir morgens im Halbschlaf durch die Stadt, um rechtzeitig zu einem Termin zu kommen… fast immer ohne Kaffee und die Zeitung. Den Kaffee gab es dann an der Uni – beziehungsweise das, was der Kaffeeautomat eben ausgab.

Auch Sommersprossen
sind Gesichtspunkte

Ich traf heute morgen im Wartebereich für Vielreisende am Wiener Westbahnhof einen älteren Herrn, als wir beide vor dem einzigen Kaffeevollautomaten warteten. Wir kamen ins Gespräch, weil er den falschen Knopf gedrückt hatte und der Automat keine Milch aufschäumen wollte. »Wissen sie« sagte er freundlich, »wir verlieren einige Sekunden, was macht das schon im Leben?« Denn: Wir warten hier sowieso auf den Zug.

Kaffee im Zug

Der Alte stieg in einen anderen Wagen, nicht ohne noch einmal zu winken. Mein Leben fällt in solchen Momenten stets aus jenem Rahmen, den ich einst fürchtete wie einen Bilderrahmen um Gemälde aus einer dicken Farbschicht aus Öl. »Einen Kaffee bitte, und zweimal Milch und zwei Zucker« bestelle ich bei einem der Kellner im Schnellzug nach Hause. »Also wie immer…« noch leise. Es lächelt und ich lächle zurück.

— t: Wolfgang Müller

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