»Du unser König?« riefen die Vögel noch zorniger

Im Zug sitzen die üblichen Verdächtigen. Der Anzug- und Schlipsträger, der ohne zu atmen telefoniert, der Kurzhaarige, der an einen Verkäufer aus Hifi-Abteilungen in typischen Multimediaketten erinnert und auf seinem Laptop Filme schaut, und der glatzköpfige Mittvierziger, der sich jede Minute über den Kopf streicht und eine Marketing-Präsentation für die nächste Sitzung am Nachmittag zusammenklickt. In einem – so glaubt er – unbeobachteten Moment prüft er die Wirkungsweise seines Deos, doch scheint unzufrieden.
Nebenan öffnet die bereits Weißhaarige eine Flasche Cola Light, die sie schließlich nicht nur ihrem Enkel einpackt, wenn er zur Klassenfahrt aufbricht sondern – was für dich gut ist, ist’s für mich lange – auch sich selbst ein völlig überdimensioniertes Lunchpaket zusammenstellt, mit dessen Hilfe man eine Woche in Sibirien überleben könnte – doch ihre Fahrt endet in Göttingen, wie die elektronische Sitzplatzreservierung verrät.
Eine Sitzreihe dahinter die gleich alte oder gar ältere aber patentere Dame, die sich in einen Kalender aus Kalbsleder vertieft, vielleicht ein Montblanc oder Time/system.

Draußen fliegen schneebedeckte Felder vorbei, während du, deine Sommerkleidung tragend und Joanna Newsom im Ohr, aus dem Fenster und vom Frühling träumst.

4 Gedanken zu „»Du unser König?« riefen die Vögel noch zorniger

  1. Wenigstens kommen die alle mit dem Zug an. War gestern dank Todeskanidaten in Marburg Süd bei mir nicht so.

    Lieber Gruße von einem dicken Langhaarigen mit Laptop und TV-Serien drauf, jeden Tag, im Zug, auf dem Weg zur Arbeit und zurück… life sucks…

  2. Du weißt, dass ich dir hier nicht zustimmen kann. In Sachen Leben hoffe ich, dass wir aber irgendwann auf einen gemeinsamen Nenner kommen werden. Leider musst du dafür einlenken. :)

    Liebe Grüße aus dem verschneiten Niedersachsen.

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