Du bist ein braves Mädchen, Happiness

Das WLAN in diesem Café, das J. mir vor kurzem erst zeigte, hat hollerschorle als Passwort. Ich halte das für einen guten Grund, regelmäßig hierher zu kommen. Tritt man in durch die unscheinbare Tür in den kleinen Innenraum, stehen links in einer alten Glasvitrine die selbstgebackenen Kuchen, dahinter der Theke, in der altes Porzellan und Glas in einem abgebeizten Schrank auf seinen Einsatz wartet. Rechts stehen vier Tische und ein alter Ohrensessel, in dem ich gewöhnlich sitze. Aus diesem hat man die Eingangstür gut im Blick, genau wie die Kuchen. 

Hoover & Floyd - Theke

Langsam kommen mir Tage aus der Vergangenheit in Erinnerung: Ich bin auf dem Land aufgewachsen; Immer wenn ich einen Satz damit einleite, beginnt das wunderschöne Mädchen zu lachen – als stünden wir in einem Wettbewerb, wessen Dorf weniger Einwohner hatte und weniger Straßen, denn auch sie kommt aus einem (bayerischen) Dorf. Es gibt zwei Menschen, die ich um ihre Herkunft beneide: Sie, denn Dorf ist ein Euphemismus für die alte Mühle im Wald, in der sie ihre Kindheit verbrachte, und T., die ihre Jugend in einem Wasserturm an der Ostsee erlebte. Auf dem Weg an einen der Seen (ich habe vergessen an welchen) kam ich in ein kleines Dorf und stand irgendwann vor einem Turm, in dessen Garten ein alter Mann lag mit einem vergilbten Buch auf dem Bauch. Dieses Bild habe ich seither im Sinn, wenn mich jemand fragt, wie ich später gern einmal wohnen würde: Manchmal seufze ich in den Verkehrslärm hinein, in dem ich ungehört bleibe, die Worte »Wäre das schön in einem Dorf unten am See!«

Hoover & Floyd - Bild

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und wie ich bis zu meinem sechzehnten Geburtstag täglich den Bus nutzte, besaß und benutzte ich ab diesem Tag verbrennungsmotorbetriebene Fortbewegungsmittel, wie das auf dem Land nun einmal notwendigerweise üblich ist. In den ersten Jahren hatte ich die Tankkarte meines Vaters, mit der ich ihm verschiedene Löcher ins Konto fuhr. Ich kannte nach zwei Jahren jede Straße im Umkreis der halben Tankreichweite meines Motorrads; aus diesen Tagen stammt die Erfahrung, die sich später in Situationen bezahlt machte, in denen andere böse Unfälle hatten. Dass wir damals fuhren wie Henker, mehr als einmal Glück hatten und statistisch gesehen vielleicht nicht mehr hier sitzen dürften, erzähle ich ihr nicht. Es muss reichen, wenn ich sage: »Ich bin aufgewachsen wie du!«

Hoover & Floyd - Kaffee

Ich erinnere mich an Landstraßen, die durch grüne Hügellandschaften mäanderten und an deren Ende immer ein Freund wohnte: Nur wenige, mit denen man als Dorfkind damals zu tun hatte, stammten zufällig aus dem gleichen Dorf wie man selbst. Ich erinnere mich an Tage, die ich nur deshalb auf der Landstraße verbrachte, weil man Musik besser und lauter im Auto hören konnte. Ein stummer Zeuge aus diesen Tagen: Heute höre ich auf dem rechten Ohr schlechter als links.

Malerwinkel

Als vor drei Tagen ein Foto aus Südtirol von einem meiner Freunde in einem sozialen Netzwerk auftauchte, fragte ich, ob er in zwei Wochen noch in Italien sei. Er verneinte und vier Stunden später saßen wir uns bei einem Kaffee gegenüber. »Das sind die Vorteile«, sagt sie, »vom Leben in einer Stadt.« Ich habe zweimal nachfragen müssen gestern auf unserem Balkon, weil sie rechts von mir saß und der Sightseeing-Bus vor dem Museum hielt, als sie mir das triumphierend erzählte.

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