Die Mädchen hier tragen Fjällräven-Hosen

Ich weiß nicht, der wievielte Beitrag, die wievielte Liebeserklärung dies ist an das selbstverwaltete Café in Marburg, am Ufer der Lahn. Und dennoch habe ich sicher nicht alle Geschichten erzählt, die sich hier abspielten und deren Teil ich gewesen bin in jenen zehn Jahren, in denen es mich regelmäßig her zog und wohin ich nun so häufig ich kann zurückkehre, wenn ich diese Stadt besuche. Ich erinnere unsere gemeinsame Gesichte nicht mehr komplett, doch fallen mir einige Situationen, zahlreiche Stunde und zahllose Gespräche an den Tischen ein, die sich hier einander nicht gleichen: An diese zufällige Melange alter Möbel, die in den blitzenden, uniformen Oberstadt-Cafés keine Chance bekämen. Man hält sich hier die Unsympathen und Pöbler vom Leib, ein einfaches Prinzip führt dazu, dass nur wenige Studenten der Betriebswirtschaft und Juristerei dieses Café besuchen: Das Prinzip der Selbstbedienung.

Roter Stern/Café am Grün

Dieses Prinzip enttäuscht nicht nur die Erwartungen der serviceorientierten Karrierejugendlichen, sondern überfordert auch regelmäßig neue Besucher; man erkennt auf den ersten Blick, wer vorher noch nie im Roten Stern gewesen ist. Die sich auskennen erklären den Neuen, wie der Stern funktioniert und stehen im Wettlauf mit den wenigen Kollektivisten, die das Café betreiben. In der Vorweihnachtszeit fallen manchmal ältere Paare auf, die während des Einkaufens auf einen Kaffee hereinschauen. Ich habe noch nie einen Gesichtsausdruck bei diesen Menschen gesehen, der verriet, ob ihnen dieses Café, dieses Konzept praktisch oder unverständlich erschien. 

Roter Stern/Café am Grün

Um 19 Uhr schließt das Café am Grün, wie es offiziell heißt, und vielleicht auch deshalb wird Alkohol hier selten getrunken. Ich glaube, man bekommt tatsächlich Bier oder Wein, ich sah allerdings selten einen mit einem entsprechenden Glas. Wen ich stattdessen hier treffe sind zwei Professoren aus der Mathematik, zahlreiche Studenten der Biologie und die typische Kundschaft der politischen Buchhandlung, zu der dieses Café gehört, deren Mitarbeiter selbst zwischen der Siebträgermaschine und den Bücherregalen pendeln. 

Roter Stern/Café am Grün

Es gibt einige Gründe, die ständig genannt werden, wenn man sich mit jemandem treffen möchte und derjenige eine Alternative vorschlägt zum diesem Ort: Im Winter ist es oftmals kühl, doch wenn man gutbesuchte Tage erwischt, heizen die Menschen den Raum auf eine angenehme Temperatur. Den Filterkaffee als gut zu bezeichnen, braucht es einiges an Wohlwollen und der, die ich gestern hier traf, fiel auf, dass es statt Teppichen einen Fliesenboden gibt, was meine Bezeichnung des Roten Sterns als Wohnzimmer unterminiert. Was sie noch nicht verstand: Es sind für immer die Menschen, die Orte zu dem machen, was sie sind. Für mich ist es – und das wird sich wohl lange nicht ändern – mein Wohnzimmer, wenngleich in dieser WG, von jenen die auf seinen Couchen sitzen, längst nicht mehr alle hier wohnen, die ich noch kenne.

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