Der große Gleichmacher

Der Soundtrack des skandinavischen Films bringt mich durch den Morgen, auf dem Weg nach Norden. In dem Waggon, in dem ich sitze, tragen auffällig viele Fahrgäste Kopfhörer, schauen auffällig viele aus dem Fenster in die langweilige Landschaft.

Am Wagenende haben sich zwei Gruppen eingefunden. Die eine besteht aus jungen Männern, die Trikots tragen für das – wie sie sagen – «Endspiel des Lebens»; ein Junggesellenabschied. Dass die Bahn der Gruppe weiblicher Verwaltungsangestellter Sitzplätze direkt nebenan zugewiesen hat, kann man unterschiedlich interpretieren. Freundlich Gesonnene würden behaupten, das Buchungssystem hätte Humor.

Beide Gruppen brauchten nicht lange, um sich zu verstehen. Dem Sekt der Verwaltungsangestellen folgte der stärkere Alkohol der jungen Männer; während die altersmäßig homogenen Männer Kurs nehmen auf die Auszubildenden und jungen Angestellten der anderen Gruppe, stehen deren ältere Mitglieder am Rand und wissen nicht wirklich wohin mit sich selbst. Sie passen nicht und man sieht, sie fühlen sich unwohl, sind Fremde in diesem Abteil. Die blonde gießt nach, prostet dem Glatzkopf mit Fußballtrikot zu, eine zweite schießt ein Foto, das sie zeigen wird beim Abend «mit den Mädels» und fordert den Rest ihrer Kollegen auf, sich zu gruppieren. Bildunterschrift: Power-Frauen unterwegs.

Wenig später stehen wieder viele und schauen aus dem Fenster in die langweilige Landschaft, halten sich an den Schnapsbechern und Sektgläsern aus billigem Plastik deutlich verkrampft, hin und wieder versucht eine einen passend schlechten Spruch, der aufgesetztes und ungelenk lautes Gelächter bedingt.

Und morgen, wenn der Kopf nicht mehr schmerzt, wird man sich gegenseitig versichern, wie schön dieser Tag gewesen ist. Das müsse man unbedingt wiederholen nächstes Jahr. Und eine der Alten, nennen wir sie Monika (sie trägt eine Fönfrisur, wie «Hairkiller» sie Frauen ihres Alters empfiehlt), wird beipflichten – mit einem unbestimmten Gefühl – dieser Tag war wunderbar, und das werde man wiederholen, ganz klar. Man kann sich an dieses Gefühl gewöhnen, diese Angst, etwas zu verpassen.

Die zweitgrößte Gabe ist die Gelassenheit, Dinge vorbeiziehen zu lassen.

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