Das letzte Leben meiner Katze

Ich habe die Pflicht, allen Tierfreunden, Katzenhassern und Vegetariern sowie Brekkie-Herstellern und Vogelschützern mitzuteilen, dass Frau Hoffmann nicht mehr lebt. Im reifen Alter von 16 Jahren ist sie nach längerer Krankheit mithilfe routinierter Sterbehelfer nach Ägypten abgedüst, weil es dort, im Land der Pharaonen, »keine der hiesigen Plagen« gebe, »kein Hundegebell, kein Glockengeläut und auch keine Silvesterknallerei!«

Das erste Mal trat Frau Hoffman vor etwas mehr als drei Jahren in mein Leben, in einer Kolumne von Wolfram Siebeck, die er regelmäßig für das ZEIT Magazin schreibt. Ich kann mich an das Thema nicht erinnern, aber es war irgendetwas mit Autofahren. Ich war gerade neu in meiner WG, mochte meine Mitbewohner bereits sehr, der Katze schlich ich noch hinterher und streichelte im Vorbeigehen heimlich den Kopf, ihre Gunst zu gewinnen.

Sie und ich gewöhnten uns in den nächsten Monaten recht gut aneinander und ich ließ in unseren Gesprächen immer mal wieder den Namen der Siebeck’schen Katze fallen, bis sie sich darauf merklich reagierte, wenn man im Flur von Frau Hoffmann sprach. Nicht selten streckte sie ihren Kopf durch die Tür oder – was wahrscheinlicher war – blinzelte kurz von ihrer Schlafstatt herüber, die sie regelmäßig auf einem der alten Sessel aufgeschlagen hat. Heute sind wir dicke Freunde: Ich rücke nachts vom Kopfkissen ab, wenn sie herüberkommt, um bei mir zu liegen. Ahnt sie, welchen Namen sie trägt?

»Wenn es diese blöde Reinkarnation nicht gäbe,
wäre ich noch heute in Ägypten.«

Ich wünsche Frau Hoffmann dort alles Gute. Und streichle Madame über die Hüfte. Die träumt gerade von drüben und streckt sich im Sand. Sie blinzelt mir wissend entgegen.

(Titel und Zitate aus Wolfram Siebecks Nachruf im ZEIT Magazin Nr. 39.)

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