Das Haus neigt sich (dem Ende zu)

Als ich vor dreieinhalb Jahren hier einzog, nahm mich der Vermieter zur Seite. Er erklärte mir, in welchem Haus ich nun lebe und bat, ich solle bitte keine dichten Fenster erwarten. Ich war bereits Oberstadt-erfahren und hatte Wohnungen gesehen, die man nur in dieser kleinen Stadt findet.

Bruder Grimm

Wenn ich in vier Monaten hier ausziehe, wird die Eigenart der Fenster eine Kleinigkeit sein, die ich vermisse. Man hört den Wind über das Dachfenster streichen und Sekunden später erreicht ein kalter Windhauch den Rücken der Hand. In der Nähe des Fensters spürt man kalte Luft, die seit Urzeiten in diesem Haus wohnende Heizung wirft sich mit Gewalt ihr entgegen und drängt sie zurück. Ich erinnere mich gestolpert zu sein beim ersten Besuch in diesem Zimmer, weil der Boden sich zur Wand hin erhebt. Dieses Zimmer ist Pflichttermin für jeden beim ersten Besuch unserer WG: Man kann aus den Fenstern gerade hinab auf die Fußgängerzone blicken, weil das Haus sich nach vorne verneigt.

Die Geschichte des Hauses ragt weit über meine eigene hinaus; vor gut zweihundert Jahren hat man den Brüdern Grimm begegnen können auf den Treppen seiner Etagen. «Ich weiß» antwortete ich auf die Frage meines Vermieters, in welches Haus ich einziehen würde. Er seufzte und fügte hintan: «Es ist außerdem das Haus meiner eigenen Kindheit.»

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