Childhood Horror

Ich kann mich genau an die Situation unter dem Tisch im Kindergarten erinnern, als ich den ersten Tag mit Brille dorthin musste und mich ebenda versteckt hielt. Seltsamerweise kann ich mich an keine Reaktion erinnern, woraus ich schließe, dass ich entweder unter dem Schutz der Erzieherinnen stand, oder die Sehhilfe nur halb so schlimm aussah, wie ich glaubte. Zu diesem Zeitpunkt schien mir die Realität nichts anhaben zu können, aber bereits wenige Wochen später musste ich mit diesem ersten Weltbild aufräumen: Ich war eingeladen auf einem Kindergeburtstag. Durch den Gesellschaftshass, den ich damals schon in Grundzügen gehabt zu haben scheine, war die Vorfreude wenig größer als gering. Unter Null fiel sie – oder besser sie wich einem Schockzustand – als nach dem Klingeln der Vater des Jugen die Tür öffnete.
Ich stand mit großen Augen vor ihm, unfähig etwas zu sagen. Nach dem Moment des Entsetzens – die Fokussierung seines Ohres hatte ich noch immer nicht aufgegeben – kam eine Art Nervenzusammenbruch, was zur Folge hatte, das meine Mutter, die mich damals gefahren hat (Gott sei Dank ist sie bis zur Tür mitgekommen), und ich unter Tränen das Geschenk abgegeben und postwendend nach Hause gefahren sind. An diesem Nachmittag hatte ich meine erste Begegnung mit einem Ring im männlichen Ohr, an die ich mich erinnern kann. Und auch hier kann ich mich an keine anschließenden negativen Reaktionen im Kindergarten erinnern. Ich habe auch nicht etwa ein Trauma davongetragen, meine Abneigung gegen Körperschmuck aller Art hat sich aber vermutlich schon damals manifestiert.
Ich hatte seitdem nur wenige so einschneidende Erlebnisse. Die Situation damals war die Begegnung mit etwas Unbekanntem, etwas Nie-Für-Möglich-Gehaltenem. 20 Jahre später hält man fast alles für möglich und kaum etwas schockiert einen wie Ohrringe 1983.

Ich werde am Montag und Dienstag umziehen und sicherlich kaum Zeit haben, hier längere Texte zu hinterlassen. Seht es mir nach. Ich muss mir außerdem angewöhnen, Einfälle und Gedanken, die mich unterwegs beschäftigen, festzuhalten. Wie oft sitze ich hier und grüble, was mich den Tag über beschäftigt hat – und mir fällt nichts ein.

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