Archiv der Kategorie: Rezensionen

L’Enfer du Nord

Paris-Robaix. L’Enfer du Nord oder auch La Reine des Classiques, je nachdem. Man muss sein Fahrrad ganz schön hassen, es über diese mehr als 250 Kilometer zu jagen, 50 Kilometer davon grob gepflastert. Oder die L’Eroica: Das Herz blutet, wenn sich die Wahnsinnigen auf alten Colnago- oder Gios-Rahmen die Schotterpisten hinabstürzen – nicht nur wenn man weiß, was sie kosten. 

Lenker

Wir hatten einen Abend lang eine Diskussion über Erwartung und Enttäuschung. Irgendwann vor etlichen Jahren sagte T. zu mir, ich müsse lernen, nichts zu erwarten und P. fragte mich letztens, wie das funktioniert. Ich weiß die Antwort bis heute nicht auf diese Frage, ich weiß nur, dass es sich lohnt.

Vielleicht trage ich sogar das maillot blanc in dieser Disziplin: Ich gebe auf, meine Radtouren zu planen und beschränke mich auf die Entscheidung Nord oder Süd, vielleicht hin und wieder den Ort. Den Rest überlasse ich dem Fahrradcomputer, den ich nicht verstehe, der mich über wilde Schotterpisten treibt oder auf Pfaden durch den Wald. Seit mein Radhändler, dessen bester Kunde ich bin, mir die Hand auf die Schulter legte und sagte, man können diesem Rahmen vertrauen, folge ich der Entscheidung dieses Gerätes in den meisten Fällen entspannt.

Heute stand ich dann irgendwann vor einem Schloss, irgendwo im Norden von München, in einem menschenleeren Park. Auch wenn ich nicht dort war, wohin ich eigentlich wollte, war das ein schöner Moment.

Schloss

Manchmal nach solchen Passagen lege ich meinem Rad die Hand auf den Rahmen und versichere ihm, es könne mir vertrauen. Uneingeschränkt.

Heinz Strunk – Fleisch ist mein Gemüse

Als ich Russendisko kaufte, lag auch Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse auf dem Buchstapel, den ich zur Kasse trug. Auch hier erzählte man sich und mir von der überragenden Qualität des Buchs.

Ja. So etwas lese ich gern, es hat diesmal nur wenig mehr als vierundzwanzig Stunden gedauert, bis das Buch gelesen war. Manch russischer Autor kann sich eine Scheibe abschneiden, vielleicht muss ein Buch aus längeren als dreiseitigen Geschichten bestehen, um lesenswert zu sein, Sprachwitz enthalten und einen sympathischen Loser als Hauptcharakter, mit dem man sich identifizieren kann.
Ein Patentrezept gibt es sicher nicht, doch scheint die angesprochene Kombination in Strunks Buch zu funktionieren.
Wer Kaminer für leichte Bettkost hält, wird mit Heinz Strunk wesentlich glücklicher.

Wladimir Kaminer – Russendisko

Sein erstes Buch und jenes, was ihn in Deutschland bekannt machte, ist Russendisko. Aber warum? Nachdem ich von einigen Seiten hörte, Kaminer sei lesenswert, habe ich genau das getan.
Warum ist Kaminer lesenwert? Die Antwort findet man nicht in diesem Buch, dass eine gebundene Aneinanderreihung belangloser und langweiliger Geschichten ist. Dumpfe, vermeintlich witzige Sätze beschreiben dümmlich wirre Situationen. Auf Seite 166f heißt es zum Beispiel

“Ich habe Knochenkrebs, die deutschen Ärzte wollen mir ein Bein abhacken. Halten sie das auch für notwendig, oder gibt es vielleicht eine Alternative?”
“Es gibt immer eine Alternative” erwiderte der Radiodoktor. “Essen sie Blei!”
“Was esse ich?”
“Sie sollen Blei essen. Viel Blei” wiederholte der Doktor und legte müde den Hörer auf. Noch ein Menschenleben gerettet.

Die auf dem Rücken abgedruckte Kritik der Süddeutschen Zeitung

Ruft noch jemand nach dem großen Berlin-Roman?
Bis der kommt, mag man sich mit Kaminer vergnügen und dessen Expeditionen durchs Dickicht der Stadt.

trifft zu: Ich rufe nach dem Berlin-Roman und würde mich wirklich gern mit Kaminer vergnügen. Aber nicht einmal die Süddeutsche hat eingeräumt, dass dies überhaupt möglich ist.

Kaminer ist langweilig. Ich kann verstehen, dass jemand nur Missgunst übrig hat, der den ersten Schritt in die Popliteratur mit diesem Buch versuchte.

Nochnoi Dozor

Der Trailer war vielversprechend: Zwei gleichmächtige Armeen kämpfen gegeneinander, bis der Herrscher des Lichts einen Waffenstillstand mit dem Oberhaupt des Bösen vereinbart. Assoziationen mit einer bekannten Fantasy-Trilogie ließen beeindruckende Schlachten und eine interessant verwinkelte Story erwarten, Formenwandler, Vampire und dergleichen spinnen an einer sehenswerten Illusion. Dass auch Nochnoi Dozor als Trilogie ausgelegt ist, erscheint als noch unbeachtenswertes Detail.
Wie üblich wird der Waffenstillstand gebrochen, das Gleichgewicht von Gut und Böse kommt durcheinander und wie nicht anders zu erwarten vom ersten Teil einer Trilogie bleibt das Ende offen.

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Der Film allerdings ist langweilig. Die Szene der Schlacht und des Waffenstillstands ist nahezu komplett bekannt aus dem Trailer, der Rest der Geschichte fadenscheinig, an den Haaren herbeigezogen, unzusammenhängend und affig, oft langatmig und -weilig. Höhepunkte werden gekonnt ausgespart, Erzählkunst ist faktisch nicht vorhanden, weshalb dieser Streifen in Russland mehr Geld eingespielt haben soll als jeder Teil der schon erwähnten Trilogie von J. R. R. Tolkien, kann nur mit übermäßigem Vodka-Konsum erklärt werden. Zusätzlich wird der bekannte Vater-Sohn-Konflikt einer weiteren Trilogie Sechsfilmreihe entlehnt, und niemand wäre böse, wenn Nochnoi Dozor wenigens einmal eigenständig agieren würde: eine aus einer einzigen Folge bestehende Trilogie.
Manche erwähnen die authentisch abgebildeten Lebensumstände russischer Familien als Realitätsbonbon, wenn ein Film ebenda spielt, ist die Umsetzung am Set jedoch kein Bonus, sondern das Weglassen wäre zu beanstanden. Was viel über heutige Großkinokultur aussagt.

Schade. Wer einen interessanten Film samt Werwölfen, Vampiren, attraktiver Story und Atmosphäre sehen möchte, dem sei Underworld ans Herz gelegt.
Vielleicht mit anderen Erwartungen amüsant, den Hauptdarsteller mit einer Neonröhre als Schwert gegen das Böse kämpfen zu lassen (Bild rechts).

Gestern war es, war es gestern?

Peryton - Gestern war esEine Ära ging zu Ende, als ich am Samstag die CD aus dem Briefkasten angelte: Eine Ära des Wartens.
Ursprünglich hatte Georg Hemprich alias Peryton die Veröffentlichung bereits im letzten Jahr angekündigt, diese aber aus zahlreichen Gründen immer wieder verschieben müssen. Im Verlauf der Zeit hat sich das Konzept der CD (und der Name, ursprünglich: “Wind von Süd”) grundlegend geändert, mit dem ersten Entwurf hat das finale Produkt nichts mehr gemein. Die Studioaufnahmen zogen sich über ein Jahr, das Abmischen der Platte über einen ähnlich langen Zeitraum, jedes Lied wurde mehrfach eingespielt und gemischt. Trotzdem findet der Perfektionist Hemprich Fehler, die er in einer eventuell folgenden zweiten Auflage ändern möchte. Diese Unstimmigkeiten sind der Tatsache geschuldet, dass alles in Eigenregie und abseits eines Labels aufgenommen und veröffentlicht wurde.

Gesprochene Zwischensequenzen unterbrechen die Liedfolge ständig und formen ein kantiges Werk, dass sich dem Nebenbei-Hören verweigert. Auch in den Chansons selbst steht der Text deutlich hörbar im Vordergrund, es werden Brücken geschlagen zwischen scheinbar unterschiedlichsten Stücken, charakteristisch für das musikalische Projekt:

ich schreibe chansons in deutscher sprache. liebeslieder, immer wieder. chansons voll sehnsucht. weil wir in einer zerbrochenen zeit leben, wachsen in mir zerbrochene liebeslieder, die dennoch kraftvolle lieder gegen das zerbrechen sind: chansons voll der kraft, die aus der sehnsucht wächst – und aus der erinnerung, der erfahrung.

Tracklist
01 zwischen uns die jahre
02 gestern war es (part I)
03 um liebe weinend
04 gestern war es (part II)
05 harte tage
06 gestern war es (part III)
07 wie kannst du sagen
08 gestern war es (part IV)
09 trash behind your house
10 gestern war es (part V)
11 ne tirez pas!
12 heut wein ich
13 gestern war es (part VI)
14 es ist noch nicht gelungen
15 the bridge

Wer ahnt, auf was es Hemprich abgesehen hat, wird unruhig im Sessel vor der Stereoanlage rutschen, der zum unangenehmen Hocker mutiert. Romantik-Pop ist anders, das erklärte Ziel Unbequemlichkeit.

Neben allerlei offensichtlicher, nie ins Plumpe driftender Gesellschaftskritik werden zur Interpretation zwingende Hinweise gelegt. Dass sich auf der CD Liebeslieder finden, scheint konsequent und nur auf den ersten Blick schizophren. Abseits sehnsüchtiger Nachrufe bleibt nicht viel zwischen Entsetzen und Betroffenheit. So werden neben mit Violinklängen tapezierte Stätten des Liebesunglücks Bürgertum und Klerus für vogelfrei erklärt, ohne dem Nihilismus und “No Future” zuzuspielen. Peryton fordert nicht weniger als die Revolution und am Ende fragt man sich, wem hier die Liebe erklärt wird.

Man muss damit nicht konform gehen, durch Vermeidung des Imperativs bleibt die CD dennoch hörbar. Das letzte Stück steht für seinen Namen, schlägt die Brücke zurück zum (und zwischen dem) Anfang, entlässt gleichzeitig den Hörer nach 45 Minuten:
Wohin?

es fällt mir schwer, immer wieder schwer, anderen meine musik, meine musikalische arbeit in meinen worten zu beschreiben. am besten, ihr macht euch euer eigenes bild: schaut und hört dort

I go out on Friday night and I come home on Saturday morning

Nouvelle VagueNouvelle Vague – ein Begriff, der neben einer französischen Kino-Richtung und einer kompletten Filmtheorie seit kurzem eine weitere Bedeutung hat: Klassiker neu interpretiert. Von Sängerinnen, denen die Originale unbekannt sind. Im Stil des Bossanova.

1. Love Will Tear Us Apart (Joy Division)
2. Just Can’t Get Enough (Depeche Mode)
3. In A Manner Of Speaking (Tuxedomoon)
4. Guns Of Brixton (The Clash)
5. This Is Not A Love Song (Public Image)
6. Too Drunk To Fuck (Dead Kennedys)
7. Marian (Sisters Of Mercy)
8. Making Plans For Nigel (XTC)
9. A Forest (The Cure)
10. I Melt With You (Modern English)
11. Teenage Kicks (The Undertones)
12. Psyche (Killing Joke)
13. Friday Night, Saturday Morning (The Specials)

Tatsächlich ist das Ergebnis hörenswert, Lieder, die man locker in die Pariser Seine-Cafés des Jahres 1965 einordnen könnte (Plattenkritik von laut.de).
Ich bin derzeit nicht in der Lage, mich auf einen Favoriten festzulegen, jedes irgendwie bekannte und doch neue Lied hat etwas Spannendes, das sich hoffentlich lange nicht auflösen wird. Im Gegensatz zu dem aktuellen Coldplay-Geschrammel und den seltsam überschätzten Moneybrother-Alben bietet sich diese Platte als Freund an, der einen an die Hand und in die Cafés nimmt, in denen man den Sommer verbringen, Menschen beobachten und nie wieder aufstehen möchte.
Der morgendliche Milchkaffee und das Croissant haben seitdem auch zu Hause eine neue Qualität, die ich dem DJ des Poetry Slams am Freitag zu verdanken habe. Und dass mir gestern die Pizza explodierte und ich heute einige Zeit im Ofen verbringen werde, klingt mit dem passenden Soundtrack auch viel besser.
Die Temperaturen und das französische Gefühl in meiner Gasse sind passend und tun ihr übriges.