Archiv der Kategorie: Literatur

Das entschwundene Land

Sie war meine erste Liebe, das Mädchen mit den roten Zöpfen, und erst sehr spät begriff ich, dass meine Liebe nicht ihr galt sondern der Autorin, die über sie schrieb. 

Ich wurde eingeschult in eine Zwergenschule, die vier Klassen hatte und zwei Klassenräume. Ich sehe heute noch ihren dunklen Keller vor mir, in dem die Gerätschaften lagen für den Garten hinter dem Gebäude, kann mich aber aus den vier Jahren, die ich an dieser Schule verbrachte, nur an einen einzigen Tag erinnern, den ich in diesem Garten verbrachte, am Teich. Lebendig sind noch die Stunden des Werkunterrichts, in denen wir Nistkästen bauten oder Staudämme im Bach; in diesen Stunden waren wir unabhängig des Wetters oft unterwegs in den Wäldern rund um das Dorf. Und lebendig ist die Erinnerung an die Frau des Schulmeisters, die meine Klavierlehrerin wurde.

Gewitter am Tegernsse

Wir Kinder hatten damals ein eigenes Baumhaus, entgegen des Mahnens der Eltern sind wir nie abgestürzt oder haben uns die Arme gebrochen; man entwickelt Bärenkräfte in brenzligen Situationen und wir kannten jeden Ast und wussten, welch einer trug. Wären wir nur zwanzig Zentimeter größer gewesen, wäre uns der Zugang zum Baumhaus durch die Büsche verwehrt geblieben. Das merkte ich Jahre später auf einem letzten Spaziergang, auf dem ich all diesen Stätten der Kindheit einen Besuch abstattete, «Auf Wiedersehen» zu sagen. Damals war die Hälfte des umliegenden Waldes bereits abgeholzt.

Ich habe Pippi Langstrumpf nicht mehr gelesen, als ich ein Jugendlicher war, ich habe Michel aus Lönneberga beinahe vergessen, als wir die Band gründeten und uns die Nächte vertrieben, Sterne beobachtend neben dem alten LKW-Wendeplatz. Doch mit neunzehn Jahren und zwei Freunden bin ich schließlich nach Småland gefahren auf den alten Hof in der Nähe von Vimmerby. Ich habe keine Fotos von damals und von der gesamten Woche weiß ich nur wenig, doch an diesen Tag erinnere ich mich deutlich: Ich sehe die roten Häuser noch vor mir, die Sonne und Büsche, in Zaum gehalten von weißen Zäunen aus Holz. Der alte Hof hatte als Vorbild gedient für Katthult und in ihm wohnten noch alle von damals, Michel selbst und Alfred, der Knecht. Alleine: ich wähnte sie dort nach so vielen Jahren.

Am Abend

Als Astrid Lindgren vor mehr als zehn Jahren starb, war ich so betroffen wie man sein kann, wenn eine fremde Person stirbt – als trauert man um wen, den man liebt. Allein: Eine Unbekannte war sie mir nicht, ich kannte sie durch die Geschichten. Und ich hatte erst gestern einen Kloß im Hals, den ersten wieder seit etlichen Jahren, als ich die Liebesgeschichte ihrer Eltern las, von Samuel August von Sevedstorp und von Hanna von Hult.

Wider des bedarfsgerechten Handelns

Wir leiteten in der Schule zusammen die AG Videoschnitt und haben Gleichaltrigen erklärt, wie man Filme macht. Er ist heute einer der Programmverantwortlichen eines großen Fernsehsenders, hat zwischendurch Journalismus studiert und das Fernsehen nie aus den Augen verloren, hat ein Faible im besten Sinne. Als wir uns vor zwanzig Jahren kennenlernten, erzählte er schon vom Fernsehen, ich plante immer schon in engeren Grenzen, fühle mich fremd, fragt man mich heute nach einem Termin im November.

Isarauen

Gestern nahm mich ein Freund zur Seite und erzählte, dass er Tage zuvor eine einsame Stunde verbrachte bei Stift und Papier. Mir fiel das schwarze Notizbuch ein, das ich nur selten noch bei mir trage, mit dem ich aber vor Jahren stundenlang am See saß, im einzigen Café im Schafwaschener Winkel. Viele veröffentlichte Texte stehen heute in Rohform auf den teilweise unleserlich beschriebenen Seiten, oft mit Bleistift geschrieben, um arbeiten zu können, umzusortieren und zu radieren. Hinten im Buch gibt es eine Falttasche, in der sich über die Jahre Postkarten gesammelt haben, Briefmarken und eine Liste mit Telefonnummern, weil ich schon immer in Wellen funktionierte und auch damals oszillierte zwischen völliger Ablehnung und völliger Hingabe zur Smartphone-Technologie. Ich habe mir gestern geschworen, das schwarze Buch wieder bei mir zu tragen und den Laptop dafür weniger oft.

Abenddämmerung

Das fiel mir eben ein, auf Höhe der Schule und des Cafés, in dem ich bisher nie saß. Es besitzt einen guten Blick auf den Hof und wenn die Eltern am späten Nachmittag ihre Kinder abholen, kann man beobachten, wie die Söhne und Töchter aus meist gutem Haus begeistert erzählen, in die Fahrradanhänger klettern oder nachdenklich schweigen, wenn der Vater seine Frage umständlich formuliert. Vielleicht ist dies ein Faible von mir, Menschen beobachten und darüber zu schreiben. Und vielleicht ist ein weiteres, wie ich beinahe zwanghaft Bücher nach ihrem Verlag durchblättre, um keine Lizenzausgaben des Bertelsmann Leserings im Schrank stehen zu haben.

Zu guter Letzt

Ich werde nicht wach wegen des Regens, ich werde wach wegen einer SMS morgens um sieben, die kündigt von frühem Besuch wegen etwas, das ich gestern vergaß. Es sind die Eltern kleiner Kinder, es ist unser Rhythmus, der kollidiert. Ein paar Stunden später – denn natürlich dauert es länger – lächle ich tapfer und bin tatsächlich so etwas wie dankbar.

A. erzählte mir gestern, nur in Unterhose gekleidet, sie hätte eine Fliege aus dem Wasser des Stadtparks gerettet. Und dann auf ihrem Bauch zerdrückt. Ich wende ein «Aber, …» während sie bereits antwortet «Doch.»

Während das wunderschöne Mädchen den Abend an einem Lagerfeuer verbringt, sortiere ich neue Bücher in das Regal. Ich lese mich fest in einem Gedichtband von Fried und gehe viel zu spät ins Bett.

Irgendwann in der Nacht muss es begonnen haben zu regnen.

 

Als Kind wusste ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?

— Erich Fried

Samstag. Eine Romanze.

Gestern war ein guter Tag. 

Aus unterschiedlichen Gründen war ich bereits eine Weile nicht mehr im Antiquariat, das seit jeher Teil meiner samstäglichen Runde ist, die auf dem kleinen Markt hinter dem Museum beginnt. Was Apfel- und Käsesorten angeht, bin ich noch kein versierter Gesprächspartner, aber man kommt dann eben über andere Dinge ins Reden und trägt Saftflaschen und Gemüsesorten nach Haus’, die einen eine Woche später wieder auf den Marktplatz treiben (nicht nur des Flaschenpfands wegen).

Mit dem Besuch des Antiquariats beschließe ich die obligatorische Runde, stöbere durch die Bücherregale und die wenigen Platten, die sie noch haben. Während ich den Großteil der Schallplatten bereits kenne – hier ist die Fluktuation erwartungsgemäß niedrig – drängen sich nach einer mehrwöchigen Pause zahlreiche interessante Bücher in den Regalen des Ladens, entsprechend schwer ist die Tasche an Tagen wie solchen.

Für's Wochenende

Bei all diesen Vorteilen der phantastischen Lage der Wohnung – die zahlreichen Museen vor der Tür, die Antiquariate und kleinen Geschäfte in den benachbarten Gassen und natürlich der Markt – wird mir mittlerweile der vielleicht einzige Nachteil bewusst: Die Abendrunde auf dem Rad ist selten kürzer als fünfzig Kilometer; einen Gutteil des Weges braucht man bis an den Stadtrand. Von dort ist es dann dafür nicht mehr weit bis zur Galopprennbahn oder einen der zahlreichen Seen, die man für sich alleine hat, wenn man spät genug ist.

Feringasee

Und gestern wartete zu Hause bereits der Besuch und ein kaltes Glas Wein, und es wartete frische Pasta mit frischen Tomaten vom Markt. (Ich finde Fotos von Speisen furchtbar langweilig, doch glauben Sie mir, Sie haben etwas verpasst.)

We have a Strategic Plan – It’s called Doing Things.

Es scrollen Meldungen vorbei, wer welches Spiel wie lange spielt und dass ich eingeladen sei zu dieser und jener Anwendung. Seit ich Facebook nicht mehr verstehe, verliert es seinen Reiz. Es ist rhetorisch: Wie macht ihr das mit eurer Zeit?

Braun WatchWenn ich zu Hause bin, habe ich keine Lust mehr auf Akustik, auf sich ändernde Bilder und nicht mehr auf blinkende Anzeigen digitaler billiger Uhren. Doch den hehren Anspruch, nicht phlegmatisch zu sein. Ich sitze wahrscheinlich zu lange vor dem Computer, länger als manch einer verstehen kann. Viel länger, als andere für ein Spiel bei Facebook verwenden.

Felix Krull liegt angefangen neben dem Bett, doch meistens schreibe ich eMails, auf einem Stapel von mehreren Büchern und dennoch lese ich erst die ungelesenen RSS-Feeds des Tages. Regelmäßig beginne ich die angefangenen Bücher von vorn, weil ich mich an die ersten einhundert Seiten nicht mehr erinnern kann; und manchmal fühle ich mich anachronistisch und alt.

Der Begeisterung eines Early Adopters: Vier Kilo schwer und maximal zwanzig Pixel. Zum Ausgleich antiquarische, alt riechende Bücher mit persönlicher Widmung von vor fast einhundert Jahren. Ein paar eMails vielleicht – ich muss das wissen – aber doch bitte keine Bauernhofsimulation!

Ich – Knight Rider

Schaute ich aus dem rechten Fenster, ich sähe all jene zahlreichen Autos, an denen wir vorüberfliegen. Kein Tag ohne Reise, hierhin, dorthin. Eine kurze Zwischenlandung in der Sonne, am See.

Chefin Nr. 1

Über das Reisen lerne ich Theodor Storm stets genauer kennen, er wird mir schwerer mit der Zeit. Habe ich den Pole Poppenspäer doch immer geliebt – genauer: liebe noch immer –, Immensee als traurige Geschichte mag ich zwar gern, aber das Ende (das Ende!) kann ich nicht leiden! Ich ertrage doch Hip-Hop ausschließlich, wenn ich nicht auf die Texte höre! Ich schaue doch darum schon lang nicht mehr fern! Für Pole Poppenspäler habe ich Storm geliebt.

Wenn ich rechts aus dem Fenster schaue, seh’ ich uns fliegen. Hier unten, wo Flachland langsam die Hügel gebiert, nach Norden, hinauf in die Landschaft, zu der ich – nimmt man’s genau – schon lang nicht mehr passe.

– t: Zitiert aus «Er hat die ganze Zeit gekichert»

Im Januar (Nie mehr zurück!)

Ich sitze an dem kleinen Schreibtisch unter dem Dach und schaue durch in der Schräge eingelassenen Fenster, die vor einer Woche komplett zugefroren waren, auf die umstehenden Häuser. Daneben stapeln sich ungelesene Zeitungen, deren Lektüre ich mir für den Zug und das Flugzeug bewahre. Ein Stapel Bücher schweigt mich vorwurfsvoll an, das einzig gelesene Buch davon räumte ich gestern zurück in den Schrank.

Der erste Termin nächsten Jahres

In wenigen Stunden sitze ich am Meer in einem Hotel auf den Felsen, dessen Fenster nach Westen blicken. Ich werde – das ist das Drama – nicht zum Schreiben kommen und nur selten zum Lesen, wie ich in den vergangenen Monaten nicht zum Schreiben und nur spärlich zum Lesen gekommen bin.

Ich habe mir ausgesucht, wie es ist.
Stattdessen werde ich reden.

Der Idiot

Man hat mir nie auf die Frage, was an mir gefällt, geantwortet:

Twitter

Ich habe heute dort wieder gekündigt.

Die Erkenntnis im Urlaub, Zusammenhänge lagen plötzlich wie offen vor mir. Seit ich Gedanken umgehend on air stellte, schrieb ich nicht nur weniger in diesem Blog, vor allem auch in das Notizbuch, dass ich mit mir herumzutragen pflege und aus dem ich gewöhnlich den ein oder anderen Gedanken für einen Text kondensiere und also weniger Texte an sich.

All jene Dinge sind mir wichtiger als Nachrichten im Microbloggingdienst, dessen Mitgliedschaft der jüngste Ausbruch meiner seismografischen Euphorie gewesen ist, auf die ich mich in Bezug auf die Relevanz einzelner Aspekte für mich verlassen kann.

Ich habe Briefe geschrieben und Texte mit Stift auf Papier. Man hat sie an Wände gehangen und lacht fröhlich, wenn man vorüber schreitet. So gebiert jeder Zweck sein Medium. Ich möchte wieder mehr schreiben. Daher gilt es diesen Baum (jenen einen!) zu fällen.

Brand heiß.

ArmeIrre

Ich besitze ein Zeitschriftenabonnement eines bekannten, monatlich erscheinenden Wirtschaftsmagazins. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit habe ich für die Bezahlung ebendieses auf eine Einzugsermächtigung verzichtet und lasse mir regelmäßig (jährlich) Rechnungen senden, die ich dann fristgerecht überweise.

Leider habe ich in den letzten Monaten unter anderem aus Zeitmangel diese Hefte ungeöffnet auf den bereits beeindruckend hohen Mussichnochlesen-Stapel gelegt.

Es kann doch niemand ahnen, dass der Adressaufkleber im Schutzumschlag der vorletzten Ausgabe die Rückseite der Rechnung ist.

Der Untergeher

Ich reiße das Buch auf, teils aus Vorfreude, teils aus dem Bedürfnis, wenigstens den letzten Teil dieser Reise schnell zu bewerkstelligen.
Ich reiße das Buch auf, klappe den Deckel auf uns lese:

Thomas Bernhard, geboren am 9. Febru-
ar 1931, starb am 12. Februar 1989.

Thomas Bernhard starb vor genau zwanzig Jahren. Möglich, dass es damals in Gmunden schneite wie hier. Möglicherweise schien auch die Sonne. Und möglich, dass er damals nicht glücklich war (oder dass er sich freute).

Heute vor zwanzig Jahren war ich irgendwo in der vierten Klasse und hatte noch lange keine Ahnung von dem, der da starb. Zwanzig Jahre später vermisse ich ihn.