Archiv der Kategorie: Lifestyle

Der ganz alte Mann und sein Hund

Aus dem Nebel winkt mir ein älterer Mann zum Anhalten. Er trägt dunkle Kleidung, sein Körper zeichnet sich vor dem schneebedeckten Hang des Kanals deutlich ab, meine Lampe zeigt an ihm vorbei in Richtung der im Nebel verschwindenden Straße. »Hund?«, ich entschuldige mich gestikulierend, meine Kopfhörer unter dem Fahrradhelm herausnehmend. Den dritten Satz verstehe ich endlich; er sucht seinen Hund, seit einer Stunde vielleicht, bei fünf Grad unter Null hier draußen zwischen dem Fluss und diesem Kanal.

Ladengeschäft

Den Hund sehe ich zehn Minuten später unsicher wartend an der alten Holztreppe hinauf auf die Brücke. Ich erinnere einen Freund, der sich immer wunderte, wie gut ich mit Hunden umgehen könne, die wir unterwegs trafen (dabei war es eher so, dass die Hunde selten wussten, wie ihnen geschah, bevor ich schmusend an ihrem Hals hing). Er hätte mich heute Abend sehen sollen, heute Nacht, dort draußen, dort unten am Fluss. Und später den Mann, seine Tränen und seinen Hund glücklich im Arm.

Ein ganz alter Mann und sein Hund. Ich mag diese Arten von Pärchen.

Good Night, and good luck.

Die Nachbarin zu unserer Linken hat mir davon erzählt. Ich weiß nicht mehr, ob wir uns im Treppenhaus begegnet sind oder sie mir durch die noch von der Türkette verschlossenen Tür entgegengeraunt hat: »Diese Frau ist letztens bei einem Unfall ums Leben gekommen.«

Don't trust people that don't trust anyone

Bestätigt hat das eine aus dem Nachbarhaus, die irgendwann bei uns klingelte, um ihre Wäsche, die noch auf unserem Wäscheständer hing, abzuholen. »Das war kein Unfall«, flüsterte sie, »diese Frau wurde ermordet.«

Jede Nacht.

t: Edward R. Murrow
b: Stuff no one told me

 

Told you so

Er so: »Tolle Hose!«
Ich so: »Das hat noch nie jemand zu mir gesagt, schon gar nicht auf einer Herrentoilette vor einem Pissoir.«
Er so: »Weißt Du, ich dachte mir, wir sehen uns eh nicht wieder. Dann kann ich es Dir auch sagen.« 

Mädchen auf Eis

Das neue Jahr fühlt sich gut an, was zurückliegt ist noch kompakt. Ich habe meine Vorsätze niemandem erzählt; ich habe heute morgen eine Stunde nachgedacht, im Keller, bei 9 Grad Celsius. Da war niemand der ablenkt, niemand der stört. Und natürlich gibt es auch Vorsätze, die ich schon lang vor mir hertrage oder im Kopf habe mit dem Attribut Man müsste endlich einmal.

Rollentraining im Keller

Der Jahreswechsel kommt wie gerufen. Hinter 2014 hat man lange schon einen Punkt setzen können, es war in Summe zu viel, zu durcheinander. Zu ungeordnet, zu wenig organisiert. Ich habe mich mir nicht entfremdet, ich war nur irritiert. Zeit, das zu ändern. Das Ende war schön.
In einem Jahr sehen wir uns wieder hier mit einer Bilanz. (Wenn ich es vergesse erinner’ mich dran!)

Breitcordcouchfahrer

Wahrscheinlich sollten die schneebedeckten Landschaften an uns vorbeifliegen, aber hier tröpfeln wir durch die weite Landschaft, sehen zugefrorene Autos am Bahnübergang warten und erahnen das Mädchen, das hinter dem Lenkrad ihre Hände reibt, um sie zu wärmen. Wir sind unterwegs nach Norden, nach Hamburg. Ich reise der Inspiration hinterher; wenn ich eine Hoffnung habe, sie zu finden, dann ist es in den nächsten vier Tagen dort oben auf dem Kongress.
Ich warte seit einer Stunde auf jemanden, der mir Bahnkaffee bringt.

An der Regattaanlage

Mit zwei weinenden Augen bin ich gefahren, so zerrissen war ich in den vergangen Jahren noch nie. Erstens wegen der anderen zu Hause, zweitens weil ich die 500-Kilometer-Challenge von Rapha nicht mitfahren kann: 500 Kilometer in den sechs Tagen zwischen dem Heiligen Abend und Silvester, 500 Kilometer draußen auf dem Rennrad im Schnee.
Sie nannte mich Breitcordcouchfahrer, weil ich zwar ein Rennrad kaufte mit dem Ziel, das auch bei Regen zu fahren, dann fiel mir jedoch auf, wie schön ich das Rad finde und dass man ihm den Regen und den Schlamm nicht unbedingt zumuten muss. Ein anderer nannte mich auf einer früheren Fahrt Papagei, weil die gelben Überschuhe mich aussehen ließen wie ein Hähnchen.

De Rosa AL+

Ich war vorgestern unterwegs. Es war kalt und ich habe mir die Ãœberschuhe gespart.
Nie haben meine Füße dermaßen lange gebraucht, um aufzutauen und um aufzuhören zu schmerzen. 

Der Bucklige ist niemals satt

Dieses kleine Café in der ehemaligen Buchhandlung, die den Kampf gegen den Onlinehandel verloren hat, geizt nicht an Industriecharme: Keine Verkleidung versteckt die Rohre unter der Decke, eine komplette Reclam-Sammlung dient als Raumteiler und trennt eine Ecke mit Bücherregalen von vier wenig filigran gearbeiteten Holztischen, an denen Studenten vor Laptops und Papierstapeln sitzen. Ich lehne mit dem Rücken an einer der großen bodentiefen Scheiben, die den Raum zu zwei Seiten begrenzen und den Blick freigeben auf die vorbeilaufende Straße; ich habe die Füße auf einem Heizkörper und Patti Smith singt einen Song von Nirvana.

Prophecy

Ich habe ein Gefühl wie vor fast einem Jahr in der Lounge auf dem Chaos-Kongress. Nicht so laut vielleicht und etwas heller. Aber ich sitze hier und ich warte auf H. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich glücklicher bin, wenn ich schreibe. Vielleicht also schreibe ich doch – was ich stets bestritt – aus therapeutischen Gründen.

Diejenigen welchen

Wir treffen uns gleich auf dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt ein paar hundert Meter entfernt. Wir, das sind diejenigen aus unserer Arbeitsgruppe, die noch nicht genervt voneinander sind und denen es nichts ausmacht, sich noch einmal abends zu sehen.

Der Weihnachtsmarkt hat bis zwanzig Uhr geöffnet und wir haben Besuch.

Weißer Rauch

Wir, das sind diejenigen, die in Laufweite des Weihnachtsmarkts wohnen, die abends Besuch von Freunden haben jenseits der Grenzen. Die leiden und die sich nichts anmerken lassen.

Neues Jahr, neues Glück.

Coffee to stay

Ich habe den Kindle in die Ecke gelegt. Seit Tagen kommen wieder stapelweise Bücher bei mir an, bevor ich ein eBook kaufe, zahle ich zehn Euro mehr für die gebundene Ausgabe oder – wenn es nicht anders geht – die zwei Euro für das Taschenbuch. Und so reise ich doch wieder mit einer dedizierten Tasche für Bücher, die ganzen Vorteile von Hintergrundbeleuchtung und Gewicht der Bibliothek hinter mir lassend, denn das ist nicht, worum es geht.

Kindle Nook Sony Reader I say Hardwick this sure is an impressive library a cartoon by Jeffery Koterba

Es geht um das Gefühl, es geht um die Haptik. Einen Plastikkasten in der Hand zu halten und auf einen Bildschirm zu starren bleibt etwas anderes als die Maserung und der Geruch des teilweise Jahrzehnte alten Papiers, die sich von Buch zu Buch unterscheiden. Wie ich Notizen auch noch immer handschriftlich mache, weil ich mir einbilde, einmal durch den Stift auf das Papier gesetzt habe ich sie länger präsent im Gedächtnis als in einem lokalen Wiki auf meinem Computer. Auch hier bin und bleibe ich analog.

Schloss Trautmansdorff

Ich habe aufgehört, Coffee to go zu trinken. Vielleicht, weil ich die Zeit im Café brauche, meine Notizen zu sortieren, weil ich einen Freiraum brauche zum Lesen, in den ich mich bewusst begeben muss, weil ich die Bücher digital nicht mehr dabei habe. Sicher, weil die Abfallerzeugung durch die Kaffeebecher dumm ist. Wie vieles zur Zeit.

b: Jeffrey Koterba

Der traurige Monat

Ich hatte heute Nacht einen Traum, in dem wir alle auf einer Bühne standen, meine Arbeitskollegen und ich. Ich weiß nicht, welches Stück wir gaben und ich erinnere nicht, wer Hauptdarsteller war. Ich weiß allein ich war es nicht. Und ich erinnere mich, auf meinen Auftritt zu warten der sich dann verlor zwischen der Kantine und den Fluren des Hauses.

Ich dachte mir nichts dabei, als er von der Diagnose seiner Mutter erzählte. Ich dachte nichts dabei, als meine Mutter von meiner Großmutter sprach und ich dachte nichts, als ich sah, wie der Hund kollabierte hier auf der Wiese vorm Haus. Letztens, als die Sonne noch schien.

Vielleicht sollte ich aufmerksamer sein und auf die Regieanweisungen hören. Oder auf den Souffleur, wenn er empfiehlt, das Theaterstück endlich zu wechseln.

Das war ein schlimmer September.

Herr Sonnenmann

Hier am Küchentisch beim Frühstück
starb sie Donnerstag halb zehn,
kurz zuvor noch hat sie müde
wilden Schwänen nachgeseh’n

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich hier richtig bin. Vielmehr bin ich mir sicher, hier nicht mehr richtig zu sein. Das ist ein plötzliches Erkennen, aber keine plötzliche Entwicklung, sondern steht am Ende langer Jahre, die ich weiter Norden in der Stadt gelebt habe, in der Wau Holland begraben liegt, die Marx-Lesekreise unterhält und in der wir gegen die Konservativen und Burschenschaften kämpften, durch verschiedenen Wohnformen, Lebensweisen und in unserer WG. Nach dreieinhalb Jahren in München begreife ich dies Sonntag morgens bei der Lektüre eines Buchs, das mich zurückversetzt in diese Zeit, an Abende in unserem Esszimmer oder am Waldrand, aus dem nachts Freunde auf unser Haus zurannten und an meiner Tür Sturm klopften. 

Hier wohnte Heinrich Heine

Das Studium und die Arbeit hat uns damals noch die Zeit gelassen, die wir brauchten, um Dinge zu erleben, an die ich mich Jahre später erinnere, die hängen blieben und die mit Personen verbunden sind, die ich heute viel zu selten sehe, mit denen ich viel zu selten spreche.

Doch am schönsten war es immer
kam die Enkelin zu ihr,
oh wie war die Luft vor Lachen!
oh wie duftete es hier!
Jeder Quirl wurde lebendig
unter ihrer Kinderhand,
meinen wilden Kachelofen
hat sie Sonnenmann genannt 

Wir halten uns dort oben im Industriegebiet für eine Elite, ohne dass uns das klar ist. Wir sprechen darüber nicht offen, uns stellen sich die Nackenhaare auf, wenn man uns so bezeichnet, weil wir es selbst nicht glauben oder vielmehr: glauben, das nicht zu wollen. Allein wir sind es. R.s erste Worte, als er mir irgendwann ein Werkzeug vorbei brachte, war ein verzweifelter Fluch, den ich damals lachend abtat. Natürlich hatte er recht.

Wir sind Teil dessen geworden, das wir noch zu kritisieren glauben. Wir sind die zahnlosen Tiger, aber wir sind doch die Guten! Nein, das sind wir lange nicht, wir können kaum noch unterscheiden, wer der Gute und wer der Schlechte ist. Ich weiß die Geschichte von einem, der, als er herausfand, dass das Gummi aus der Fabrik seines Arbeitgebers für Schlagstöcke verwendet wird, aufstand, die Fabrik verließ und nie wieder zurückgekehrt ist. Doch uns geht es nur um uns allein: um unsere Verbindlichkeiten, die Dreizimmerwohnung im Herzen der Stadt und den nächsten Urlaub am Meer.

Trotzdem, trotzdem nicht!

Wir sind glattgespülte Kiesel, wir bewegen uns miteinander in die gleiche Richtung. Vielleicht ist das diese Ahnung, die mich seit Monaten zweifeln lässt. Es überrascht mich niemand hier unten – abgesehen von einem – und das Schlimmste ist, ich überrasche mich auch nicht selbst.

Doch Herr Sonnenmann, mein Fenster,
all das Lachen in mir drin
werden bleiben in den Träumen
ihrer kleinen Enkelin 

t: Gerhard Schöne – Die Küche

Es ist – gelinde gesagt – gerade monströs

Ich weiß gerade nicht genau, wo die Zeit bleibt. Vielleicht versickert sie zwischen Studien, die mir uninteressant erscheinen, vielleicht bleibt sie zwischen all den Ideen auf der Strecke, die mir angehenswert vorkommen und nach zwei Tagen ihren Drive verlieren. So habe ich eine Shortlist von Dingen, die darauf warten, abgearbeitet zu werden: Bloggen steht irgendwo an deren Ende und es gibt ja nicht allein dieses Blog zu bespielen.

Ein Mann im Schatten unsrer Museen

Vielleicht sollte ich einmal aufräumen wie dieser dort drüben im Schatten der Museen. Vielleicht sollte ich meine Dinge regeln und vergraben was mich bremst. Vielleicht habe ich in einigen Monaten wieder mehr Zeit – es gibt Leute, die warnen mich nicht zu verschätzen – aber dann muss ich Weichen stellen (das muss ich schon vorher), sortieren, den Dreck von der Gabel kratzen und fahren.