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Man sollte Biomasse machen

Wenn der Sommer kommt, weiß ich kaum einen Ort, draußen zu sitzen in einem Café, zum Beispiel vor meinem Fenster. Letztens kamen wir darauf zu sprechen, wie schwierig es sei, diesen zu finden, seit Gegenüber verkauft wurde.

Das Café gegenüber

Abende saßen wir unten, dort arbeiteten Menschen, die wir mochten und die kündigten, als der Neue die Arbeitsbedingungen verlas. Seitdem war ich noch zweimal dort und fühlte mich zweimal verloren.
Wenngleich: Sie haben nichts an der Einrichtung geändert.
Das ist bezeichnend. Auch: Wer Zielgruppe ist, welcher die meisten Leute angehören.

Nicht wahr? Dies ist deprimierend.
(Die Alternative übrigens, macht täglich um 19 Uhr zu.)

Moi non plus

Der Kaffee schmeckt dort besser als zu Haus.
Nicht nur deswegen zieht es mich regelmäßig nach Süden. Denn diese kleine Stadt ist voll von komischen Leuten. Wenn diese Wohnung nicht wäre und die Menschen, mit denen ich diese teile (und ein paar andere Freunde), ich nähme das Pendeln jederzeit gerne in Kauf und bemühte mich vielleicht, diese Zeit schneller zu Ende zu bringen als jetzt.

Aus Gründen, die ich sehr wohl kenne

Nach dem Veranstalten unserer Party ist nicht nur der vergammelte Alkohol (von uns hat sich seit vielen Monaten jeder vor dem Trinken dieser Flasche gescheut) und der Kaffee geplündert, auch fehlen ein Korkenzieher der Hochpreiskategorie und eine alte Pinzette, die in einer Badschublade versteckt lag. Ich bügle noch immer Wachsflecken aus meinem Teppich, Julia trauert einer Lampe nach und beinahe noch jeden Tag fingern wir Kronkorken aus den Ecken der Räume. Ich würde Leute gerne verstehen, aber ich schaffe das einfach nicht. Und erinnere eine Feier, nach der ein Telefon fehlte, und eine zweite, auf der ein Fahrrad verschwand. Ein Fahrrad!

Als wir das Haus in die Rüstung zur Party verpackten (vor nunmehr drei Wochen), schoben wir die Fahrräder ins Foyer des Nachbarhauses. Bis auf eines: Das alte Rad meiner Oma lehnten wir hoch der Gasse an eine Hauswand und vermerkten im Geiste, dass wir es abschließen müssten. Eben schob ich das Rad zurück in den Flur, versah die Notiz im Geiste mir der Bemerkung Nun nicht mehr nötig! Und erinnere eine Feier, auf der ein Fahrrad verschwand. Ein Fahrrad!

Es sind diese Momente und Momente an Kassen, Momente in den Oberstadtgassen und Gespräche in der Umkleidekabine des Sportstudios (die ich hier nicht wiedergeben möchte, mir aber die Herkunft zahlreicher Vorurteile offenbaren), es sind solche Momente, die mich verzweifeln lassen. Es gibt hier Menschen, die reagieren mit bewundernswerter Toleranz, ich schaffe nur stilles Verzweifeln und den Wunsch nach Garaus.
Dass Leute doof sind setze ich als bekannt voraus.

Die Zigarette für den Weg nach Haus

Ich bin – glaube ich -, was man gemeinhin als bedingt partyfähig bezeichnet. Was ich weiß, ist folgendes:

Mit Thomas Bernhard sozialisiert (auf ihn, allerdings nicht allein, berufe ich mich oft) eilt mir ein gewisser gesellschaftlicher Pessimismus voraus. Gesellschaft ist mir lieb, wenn sie in ruhigen Gesprächen auf gemütlichen Sitzgelegenheiten stattfindet, das letzte mal auf einem Flur mit einem Bier in der Hand stand ich auf einer Party wegen des Mädchens, bei dem ich heute wochenends schlafe. Doch sie war damals nicht dort.

Letzten Samstag war sie es, unter den Leuten in der Gesellschaft, die sich in meinem Zimmer, weiters im ganzen Haus eingefunden hatte. Ich hatte mich als König verkleidet und an der kurzen Stirnseite des Zimmers auf dem eigens installierten Thron Platz genommen, von dem aus ich die Tür in gutem Überblick behielt. So nahm der Abend seinen Lauf, Gäste kamen und gingen, einige von weiter fort, viele mir Unbekannte, die jemanden kannten, der jemanden kannte; eine typische WG-Party. Viele waren sehr nett und wenn ich nicht im Thronsaal saß, mäanderte ich durch die geschmückten Zimmer des Hauses und hatte erfreuliche Treffen.

Um halb vier Uhr morgens wäre ich gerne nach Hause gegangen. Der Tagesrhythmus forderte seinen Tribut und wer zu der Zeit im Thronsaal weilte, konnte nur ein gutmütiger König ertragen, der ich um diese Uhrzeit nicht war. Das ist, was ich meine (dort oben).
Gesellschaft findet häufig auߟerhalb meiner Betriebszeiten statt.

Am Schönsten ist es doch immer mit ihr und wenigen anderen am Fluss dieser Stadt (oder in gemütlichen Sesseln).

I asked for your name, you asked for the time

Wer auf Weihnachtsmärkten Glühwein trinkt, stört sich nicht an dieser billigen Art von Musik, sage ich. Du warst schon immer der Tolerantere von uns beiden und hast für vieles Verständnis. Wir sind ein perfektes Paar sage ich nicht bloß, weil es ist, was ich hoffe.

Wearing Boxhandschuhe

Ich habe, erzähle ich zu Dir gedreht, einmal in meinem Leben Glühwein probiert. Noch habe ich nicht entschieden, was mir weniger schmeckt, doch geht es mir ähnlich wie mit Apfelwein (wenngleich: vielleicht war der selbstvergorene meines Vaters kein guter Kandidat). Ich habe, und das meine ich ernst, mich nie wohl gefühlt in einer Gruppe Menschen wie diesen.

Ich bin glücklich in diesem Café dort unten am Fluss oder in jenem am See. Sogar in Berlin (sogar dort!) gibt es diesen Ort, den ich etwas vermisse (entgegen diesem Moloch von Stadt).

Du sagst über den Weihnachtsmarkt in deiner Stadt, das wäre ein Ziel für Terroristen.
Allein: Was will man dort denn erreichen?
Und: Bedenke, der Glühwein!

Barfuß in die/der Oberstadt

Es geht das Gerücht, dass ein Großteil der Cafés und Bistros im alten Teil dieser kleinen Stadt einem Clan gehören, der verschiedene Söhne mit der Leitung der einzelnen Gastronomiebetriebe betraut hat. Ich weiß niemanden, der einen Stammbaum jener Familie kennt, dessen Blätter sich mit den Besitzern der Cafés decken. Aber es gibt deutlich sichtbare Anzeichen, dass die Inneneinrichtungen, die Möbel und Stile gleicher Herkunft sind. Außerdem trifft man in diesen Cafés die stets gleichen Menschen.

Vor kurzem wurde das alte Café hier gegenüber verkauft, das in den späten Siebzigerjahren von ehemaligen Studenten eröffnet wurde (jedenfalls erzählt man sich das). Nach dreißig Jahren hat nun der letzte seine Arbeit dort beendet und das Café dem Clan übereignet. Dessen erste Handlung bestand im Umbau des Ausschanks und des kompletten Wechselns der Service-Belegschaft, die teilweise seit Jahren ihr Studium dadurch finanzierte. Die neue – das haben wir gestern erfahren – ist lästig und nicht besonders geschickt; und passt damit zu dem Stil der zahlreichen anderen Cafés jener Familie. Auch die Speisekarte wurde erneuert, in zur CI passenden Worten erfährt nun der Gast (unter anderem):

Ein Kneipenbummel in Marburg, das bedeutet dann doch weniger Schicksenalarm in hochgestylten Franchisegastronomiebetrieben, sondern eher eine Atmo typisch geisteswissenschaftlicher Studiengänge mitsamt den passenden politisch korrekten Eingeschriebenen.

Noch mangelt es nicht an Alternativen.

Der kleine Blumenladen

Beide Gläser sind lange trocken und alles was bleibt, sind die Abdrücke unserer Lippen an ihren Rändern. Der Korken der Flasche ist hinter das Stövchen gerollt, man kann ihn vom Sofa aus nicht mehr sehen.
Das ist, warum er heut noch dort liegt.

Koma

Wenn du gefahren bist, werde ich immer lethargisch.
Ich bin dem überdrüssig, was mich lähmt. Ich arbeite an Fluchtplänen in der Zeit, in der ich atmen kann. Manchmal starre ich stundenlang ins Aquarium und möchte sagen »ich weiß, wie ihr fühlt«.
Und sie – wie der Rest dieser Welt:

»Komm schon. Luft ist überbewertet.«

(Die Photographien gibt es endlich als RSS-Feed.)

Von der Wahrhaftigkeit

Jene waren bereits da, die solche Feste verklären – die Stadt hat Maschinen geschickt.
Die Verluste in unserer Gasse halten sich in Grenzen, ich glaube, es fiel nur ein Fahrrad; die Scherben zahlreicher Flaschen zeugen von den geschlagenen Schlachten.

Die Maß- und Stillosigkeit solcher Festivitäten und deren Besucher ist Thema eines treffenden F.A.Z.-Blog-Artikels von Herrn Alphonso. Die Theorie, dass Volksfeste ähnlich Intelligenztests seien und beeindruckend treffergenau wie jene mit dem Begriff Bauernfänger wunderbar paraphrasierten, den Nachthimmel erhellenden, Suchscheinwerfer vor Diskotheken, ruft oft vehementen Widerspruch hervor.
Je häufiger ich die kaputtgetretenen Räder, die Splitter in den Nebengassen und die vom Alkohol sturmreif geschossenen Körper der Passanten sehe, desto lauter möchte ich schreien: Schaut doch hin!

Kästner schrieb vor Jahren:

Sie tranken rüstig Glas auf Glas
und hatten Köpfe bloß aus Spaß
und nur zum Hütetragen.
Sie waren laut und waren wohl
aus einem Guß, doch innen hohl,
und hatten nichts zu sagen

— Erich Kästner – Klassenzusammenkunft

Ich erinnere die korporierten, in die Stadt Urinierenden, die zeitgleich riefen: »Studenten, Studenten! Wir zahlen eure Renten!«
Ein Prosit der Verazität!

Dort bei den Stromschnellen

Ich mag die einsamen Stunden im Büro, wenn alle bereits gegangen sind.

Auf dem Weg nach links

Während ich auf die Reaktion der Maschinen warte, hänge ich den Gedanken nach, untermale sie mit Musik, die durch die offene Tür die Flure entlanghallt. Irgendwo ist noch Leben weiß ich, weit weg, unten in der Stadt. Wolken stürmen vorbei und suchen das Weite, doch ich muss nachher hinunter, gegen den Sturm in das Auge des Orkans.

Ich mag ihn nicht, jenen bierschwangeren Wind, der Leichen durch die Gassen treibt. Dieses Wochenende wird es viele davon geben und zum ersten Mal seit Jahren versagen meine Pläne zur Flucht. Also werde ich die Fenster vernageln und die Türen verschütten, werde die Musik laut drehen um das Pfeifen nicht zu hören.

Die Trümmer betrachte ich am Montag.

Vom Weglaufen

«Sag mal« sagst du und ich denke

Weg laufen

Ich würde weglaufen. Die meisten Wege die ich lief waren tausendmal schöner. Leute sagen mir heute, ich hätte vor zwei Jahren ganz anders gesprochen. Ich frage schnippisch zurück Ist das Kritik? Es gibt keinen Königsweg von hier bis zum Ausgang (glaube ich – vielleicht hätte ich vor zwei Jahren auch etwas anderes gesagt). Aber ich glaube zu wissen, eins gilt für alle:
Niemals aufhören zu laufen.

Sie fragen, warum ich mich quäle, nur weil ich dieses Jahr auf Schokolade verzichte.
Ich glaube, sie haben gar nichts begriffen; nennen sie das leiden, sähe ich sie gern einmal leben.