Bury My Heart at Wounded Knee

Ich bin hier viel zu selten und wie es scheint, bin ich der einzige, der nur zwei Stunden gearbeitet hat und sich jetzt Angenehmerem (diesem Text!) widmet; abgesehen von dem etwas älteren Mann, der in seinem Tweed-Jackett und einer zeitlosen Krawatte vor einem Computer sitzt und sich abwechselnd startende Raketen anschaut und Tetris spielt. Ich mag die Atmosphäre der Bayerischen Staatsbibliothek, die nur ein paar hundert Meter entfernt liegt von unserer Wohnung zwischen einer der großen Prachtstraßen und dem Englischen Garten.

See, nachts

Als ich vor einem Jahr in Berlin war, ging ich durch den Prenzlauer Berg die Kastanienallee hinauf, während die Kälte durch meine Winterjacke zog. Hier, im ersten Schnee des Jahres, ist das eine andere Kälte, ein anderer Wind, doch natürlich sind diese Prachtstraßen, auf denen die Erfolgreichen ihre Sportwagen zur Schau stellen, ein unangenehmer Ort: Der Wind zieht, man friert und es ist laut. Die dicken Wände und die vielen Türen, die man passieren muss auf seinem Weg zum Lesesaal widerstehen den Sportwagen, die sich draußen an der Ampel Beschleunigungsrennen liefern, widerstehen ebenso der Kälte, deren zugige Arme nur bis ins Foyer der Bibliothek reichen.

Und doch dringen Schreie von Raben durch die Scheiben, eine halbe Stunde nun schon. Vorhin haben sich ihre Körper noch abgehoben vom kaltdunklen Himmel der Nacht, jetzt schreit draußen eine schwarze eisige Masse. Die Raben rotten sich regelmäßig zusammen, wann immer ich hier bin, immer dann, wenn es dämmert.

See, nachts

Ich habe mich vorhin erinnert, wie es sein muss, unten am See. In der Bibliothek sitzend, die ich als Rechtfertigung hernehme, wann immer jemand fragt, wie viele Bücher ich eigentlich kaufe. Seit Jahren kenne ich die Aussicht, wenn die Warnlampen am Ufer die Schiffe vor Unwetter warnen. Das ist der Blick aus den Fenstern des Raums, in dem ich sitze, wenn ich nachts vom Alter träume. Doch ich will mich durchaus nicht beschweren; ich hab’ einen Freund, der lebt in Berlin.

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