Bleekenwarf

Seit zwei Tagen ist die S. zu Besuch. Die S. kenne ich seit mehreren Jahren, ich habe früher mit ihr zusammengelebt. Und immer wenn ich an die S. denke, erinnere ich eine Situation, die kurz nachdem wir uns kennenlernten passierte: Sie saß mir gegenüber, während die alte Vierzigwattbirne unter dem damals schon verstaubten Lampenschirm mühevoll versuchte, das Zimmer zu beleuchten, in dem unsere WG häufig zusammen aß und das meinem Zimmer gegenüberlag. An den Fachwerkbalken hatte vor Jahren jemand eine Lichterkette angebracht und an der Decke des Zimmers erinnerten noch einige handgemalte Bilder von Fischen und Seerosenblättern an eine WG-Party, die lange stattfand bevor ich einzog in dieses Haus und die irgendein Unterwasser-Motto besaß.

Habt einen schönen Tag!

In einer dunklen Ecke hing Brunhilde, die Pflanze, von der niemand mehr wusste, wie und wann sie zu ihrem Namen gekommen war. Überhaupt hatten viele Dinge Namen, wie Frau Hoffmann, die Katze, oder der Hefeteig in der Küche, der Hermann hieß, und der zwei Mal jede Woche geteilt und aus dessen kleinerer Hälfte ein Kuchen gebacken wurde. In diesem Raum unter dem Dach saßen wir also, als die S. mich plötzlich fragte, wann ich geboren sei. Ich nannte ihr das Datum, doch sie fiel mir noch im Monatsnamen ins Wort und sagte »Nein, ich meine die Uhrzeit«.

Rom

Die S. ist also hier und mit ihr eine Menge Erinnerungen von damals, als wir uns das Stockwerk in dem alten Haus teilten, das Bad und viele Abende mit T. und der J. in dem WG-Zimmer. Die S., die irgendwann einmal in meinem Bett schlief, als ich unterwegs war. Weil ich vergessen hatte, den Wecker auszuschalten, schrieb sie mir am nächsten Morgen eine SMS, sie hätte kurzerhand mein halbes Zimmer entkabelt. Aber nun, endlich, sei das Ding aus.

Schuld und Sühne

Mit der S. sind auch all die Vorsätze wieder da, irgendwann demnächst wieder die kleine Stadt zu besuchen, den Kontakt zu T. und der J. zu intensivieren – aufzuwecken wäre des bessere Wort – ja, generell an der Idee weiterzuarbeiten, die J. und den T. wieder in einem Haus zusammenzupacken, vorzugsweise hier unten an einem See und wieder zusammen zu leben, in einer Lebensgemeinschaft mit den Menschen, die mir so viel bedeuten, von denen ich vieles erfuhr.

Nonne

Gestern Abend saßen wir drüben im Zimmer, in dem sie schläft, an der Fensterfront und sprachen über Lebensformen und Wahrnehmung. Als ich in die Grimm-WG einzog – vor fünfeinhalb Jahren – arbeitete ich bereits seit ein paar Monaten in einer Arbeitsgruppe an der dortigen Universität. Ein Kollege stellte mir damals die Frage, wann ich denn nun endlich umziehen würde in eine richtige Wohnung, die Zeit der WGs sei doch nun, wo ich richtiges – er sagte: richtiges! – Geld verdiene, endlich vorbei. Doch das kam mir damals schon komisch vor, denn auch wenn ich mit dem wunderschönen Mädchen hier alleine wohne, träumen wir beide von einem Hof, auf dem auch andere leben. Manchmal sprechen wir darüber, wenn wir auf das Museum schauen, oft wenn es regnet, und stimmen überein, dass das doch was wäre: Ein Hof am Ufer eines der Seen, und die J. und den T. bei sich zu wissen. Sie lachen, immer wenn ich davon erzähle.

Engel

Doch, liebe J., lieber T., ich kann warten. Ich habe noch Zeit.

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