Arthur Lee, Belmondu, Du und ich

In regelmäßigen Abständen muss ich Teile meines bisher gewonnenen Weltbildes revidieren. Zwar wäre schlimm, wenn man mit der sich stetig veränderten Umwelt nie im Konflikt läge oder mit dem zehn Jahre jüngeren Ich noch immer einer Meinung wäre. Trotzdem stürzen regelmäßig Weltbilder zusammen, die einem einst der Fels in der Brandung schienen und mal eben Zeitspannen im Umfang eines halben Lebens mit in die Tiefe reißen.

Wer hat sie noch nicht verloren, die Helden aus der Kindheit, die aus dem eigenen Freundeskreis stammten? Spätestens beim ersten Schulwechsel wurden Freundschaften strapaziert, das Absolvieren der Abiturprüfung sprengte die losen Bande; Bis man das realisiert, hat man das erste Studium abgebrochen. Klassentreffen meidet man, schon beim Abiball waren die Abneigungen deutlich, Seltsamkeit und Eigenheit wird einem nachgesagt, Jahre später nimmt man dies als Lob und fragt sich, ob die propagierte Stetigkeit nicht schlimmer, fataler ist, ein Schwarzes Loch.
In der eigenen Bewegung die der anderen realistisch einschätzen, ist ein schwieriges Unterfangen – jene, die einem Voraussagen und Vorhalten sind zu oft selbst stehengeblieben ohne es zu merken.
Denkt man zwei Jahre zurück, sollte man sich über manche getroffene Entscheidung die Haare raufen, den Alter Ego hassen, verabscheuen müssen. Erkennen, dass jeder Freund das Gegenteil ist, ein Andersdenkener, ein dem Gegner zuspielender, kritisierbarer Gefährte, an dem es sich zu schärfen gilt, zu reiben, den man hassen muss um ihn zu lieben. Die innigsten Freunde stürzen sich gegenseitig in Krisen, treiben sich ins Fatale und doch voran, verlangen sich Übermenschliches ab.

Ich glaube, du bist doch ein Fernsehmensch. Mitnichten, mein Lieber. Ich bin entsetzt. Aber noch einmal werde ich mich von dir nicht in eine Panik stürzen lassen. Denn wer von uns beiden der Fernsehmensch ist, steht außer Frage. Das Problem, das ich so lange nicht wahr haben wollte, ist eines jener Natur, das man gern unter den Tisch fallen lässt, wenn der Gegenüber ein Jugendfreund ist; Wenn ein Bild fällt, dass man sich in der Kindheit Jahr um Jahr aufgebaut hat. Du nanntest mich einen Misanthropen, ich kann mit deinem Hobby nichts anfangen. Dein Hobby heißt Mensch – im weitesten Sinne. Natürlich hast du mehr Freunde als ich. Oder das, was du Freunde nennst. Du wetterst gegen die Linke und brichst Mercedessterne ab, wenn du betrunken bist. Und betrunken bist du oft, du arbeitest in einer Kneipe und siehst dich als Rächer der Arbeiterschaft. Als ich dir erzählte, man solle sich den hässlichsten Ort zum Studieren aussuchen war dein lakonischer Kommentar: “Eine Kneipe finde ich in jeder Stadt.” Ich mag jetzt nicht von früher reden, die Zeiten sind vorbei. Immerhin haben wir beide Streit mit dem Freundeskreis, beruhigend zu wissen, dass auch ich älter geworden bin.

“Du und ich, wir gehen immer weiter weg aufeinander zu von den anderen fort./Umso weiter wir gehen umso schneller sind wir da und wasimmer das ist, es ist mehr als ein Versteck.”

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