Zwei Bilder

Durch das kleine Fenster in der Bordüre, die die Kassettendecks zur Wand hin abschließt, fällt – wenn die Sonne richtig steht – zu einem bestimmten Zeitpunkt am Tag ein sonderbar harmonisches Licht gleichsam warm und deutlich auf das Gemälde in der Ecke des Raums. Auf diesem Gemälde sieht man zunächst nur eine italienische Landschaft, einen angedeuteten See und einige Berge am Horizont; ein harmonisches Ensemble – zu harmonisch, wie die Kritiker schreiben. Einen Satz, den man lächerlich finden kann, wie »du bist einfach zu nett für eine Beziehung«, den immer die schönsten Mädchen als dümmste Ausrede benutzten in meiner Jugend. Einen Satz, den man wohl auch ernst nehmen muss, wenn einer ihn sagt, nämlich ausgerechnet das wunderschöne Mädchen, das man gerne mit an diesem See haben würde, wo immer der See einmal liegt.

Nicolaes Berchem - Italienische Abendlandschaft

Doch S. zieht das Stadtleben vor. Einer ihrer Gründe ist das Gesetzte, sind die Beziehungen, die man auf einem Dorf haben oder aufbauen muss, ist das Einpassen in die Struktur. Dass die Gesellschaft in bayerischen Dörfern vom Filz tatsächlich durchtränkt ist, kann man dieser Tage in allen Zeitungen nachlesen. Ich nehme das zwar zur Kenntnis, wundere mich aber selbst über meine Regungslosigkeit. Es ist ja nicht so, dass ich nicht vom Land komme, nur eben nicht vom bayerischen, wo man die Christsozialen und deren Seilschaften von Klein auf mitbekommt und sich an die Realität über Jahre hinweg gewöhnen konnte. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Vorsteher des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin, seinen Neffen und Kindern Türen geöffnet, vielleicht eine Ferienarbeit besorgt hat und Bekannten von Gelegenheiten erzählte, die sich ergaben und von denen er in seiner Funktion als Dorfvorsteher frühzeitig in Kenntnis gelang. Ich glaube, dass das alles recht normal ist und durchweg geduldet, wenn man die Staatskasse nicht dafür verwendet, überhöhte Löhne auf Familienkonten zu zahlen.

Doch scheint mir all das ein geringer Preis, eine Stadt zu verlassen, die zwei- und dreispurige Straßen durchziehen, die sich selbst Radlhauptstadt nennt und ein neues unterirdisches Parkhaus (für Autos) bauen möchte, die im Winter die Radwege am Stadtrand nicht mehr streut.

Pieter de Bloot - Bauernbelustigung

Nun bin ich mir sicher, dass auch Prien, Gmund, Tutzing, Inning und Herrsching im Winter die Radwege nicht streuen. Doch ist es so, dass ich einige schöne Momente erinnere, die alle gemein haben, nicht in Städten zu spielen. Sofort fällt mir ein Nachmittag ein, an dem ich auf einen See hinabsehe von einem grasbewachsenen Hügel und den Weg versperren weder Zäune noch „Den Rasen nicht betreten!“-Schilder wie vor unserem Haus. Und Liebste, du weißt, wie ihr im Dezember in den Wald zogt eine Tanne zu schlagen. Auch aus meiner Kindheit zeigt eine Erinnerung den guten alten Bernersennenhund vor den Hörnerschlitten gespannt, die Tanne obenauf und mein Vater und ich hintenan auf dem Weg zu unserem alten am Waldrand gelegenen Haus.

Lass uns den Wohnort einmal nach dem Bilderrahmen entscheiden.

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