Wir müssen reden. Ich habe jemanden kennengelernt. [Update]

Als ich damals an der Universität gearbeitet und einen Großteil meiner Zeit in Forschungsprojekten verbracht habe, kam ich auch hin und wieder mit Arbeitsgruppen aus unterschiedlichen Instituten meines jetzigen Arbeitgebers in Kontakt. Ich wusste damals nicht, wie Institute der Fraunhofer-Gesellschaft funktionieren, ich habe nur als Resultat gesehen, dass wir als Universität nicht nur den Projektbeteiligten aus Unternehmen stets nachlaufen mussten (öffentlich geförderte Forschungsvorhaben besitzen in Firmen manchmal eine sehr geringe Priorität), sondern zeitweise auch den Fraunhofer-Kollegen. Warum das so war, habe ich damals nicht verstanden. Immerhin werben Fraunhofer-Institute doch auch damit, Forschungseinrichtungen zu sein.

Was ich selbst immer furchtbar fand und noch immer finde, ist die oft erfolglose Suche nach Informationen über eine Unternehmen im Vorfeld einer Bewerbung. Das war damals so, als Ernst & Young meine Gehaltsvorstellung wissen wollte und ich nicht herausgefunden habe, was man als Berufseinsteiger in der Branche verdient (es sind so knapp 50.000 Euro/Jahr). Wenn jemand mit dem Gedanken spielt, sich bei Fraunhofer zu bewerben und nicht genau weiß, was auf ihn zukommt: Ich kann nicht für jedes Institut sprechen, ich kann nur für die Insel der Glückseligkeit reden, auf der ich etwas länger als vier Jahre beschäftigt gewesen sein werde. Etwa ein Jahr nachdem ich bei AISEC angefangen habe, hat mich die Computerwoche gefragt, warum mir der Job, den ich dort mache, Spaß macht. Ich habe damals ein bisschen davon erzählt.
Falls jemand über die Suchbegriffe »Bewerbung« und »Fraunhofer« auf diese Seite kommt, kann ich vielleicht in diesem Text die ein oder andere Frage beantworten. Es würde mich freuen.

Drei Jahre nach dem Interview hat sich meine Sicht darauf nicht grundlegend verändert. Damals war es so, dass ich mir nach meiner Zeit an der Uni nicht vorstellen konnte, weiter in Academia zu arbeiten. Ich war dann kurz bei Ernst & Young, habe aber nach wenigen Wochen gemerkt, dass wir uns auseinander gelebt haben (manchmal geht so etwas schnell). Dann habe ich kurzfristig bei Fraunhofer AISEC hier in München angefangen. Aber ist es nicht so, dass Fraunhofer-Institute nicht Forschungseinrichtungen sind?

Nie wieder Forschung!

Nun.

Als Institut nehmen wir an sehr vielen öffentlich geförderten nationalen und internationalen Forschungsvorhaben teil. Diese Projekte sind wichtig, da bei Fraunhofer einige meiner Kollegen eine Promotion anstreben. Für die Durchführung von Forschungsarbeiten werden (zumindest in unserem Bereich IT-Security) Forschungsprojekte benötigt. Im Gegensatz zur Universität, an der ich etliche Zeit hatte, die ich in Forschungsprojekte investieren konnte, ist diese Zeit bei Fraunhofer knapper.

Viel Zeit verbringt man mit der Durchführung von Industrieprojekten. Diese sind für Fraunhofer insofern interessanter, als dass »Industriegeld« das bessere Geld ist, da Institute gewisse Kennzahlen erfüllen müssen: Etwa 30% der Institutseinnahmen müssen aus Industrieprojekten kommen. Dabei stehen IT(-Security)-Institute vor der Herausforderung, dass niemand für IT-Sicherheit bezahlen möchte, denn der Nutzen ist erst einmal nicht direkt messbar (diese Problematik wurde im aktuellen Choasradio auch kurz angeschnitten). Auf die Akquise und die Durchführung von Industrieprojekten wird also sehr viel Wert gelegt. Den Inhalt dieser Projekte machen jedoch – im Hinblick auf angestrebte Dissertationen – selten spannende Fragen aus, sondern in unserem Bereich Code-Audits, Schwachstellensuche, die Erarbeitung von Konzepten und das Verfassen von Gutachten.

Giving a talk in Berlin

Das alles hat für eine gewisse Zeit seinen Reiz, bringt aber die Dissertation nicht voran. Daher sind sowohl die Vorgesetzten als auch die betroffenen Kollegen interessiert daran, einen Teil der Arbeitszeit explizit für Forschungsprojekte frei zu halten. Manchmal gelingt das, in Phasen, in denen viele Industrieprojekte oder Deadlines anstehen oder in denen ein oder mehrere Kollegen das Institut verlassen, gelingt das eher nicht. In diesen müssen Universitäten dann uns Fraunhofer-Mitarbeitern hinterherrennen, da Forschungsprojekte (nicht persönlich sondern aus Institutssicht) nicht mehr so wichtig sind. Diese Position zwischen den Stühlen hat noch eine weitere perfide Auswirkung: Entwicklungen in den Instituten haben manchmal nicht die Innovationshöhe, die Entwicklungen von Uni-Mitarbeitern haben, die sich Vollzeit einem Thema widmen können. Das sind zwei der Gründe, warum Fraunhofer bei Universitäten einen eher durchwachsenen Ruf genießt (jedenfalls in meiner Wahrnehmung).

Von der anderen Seite gesehen ist Fraunhofer deutlich näher an der Forschung als viele Unternehmen. Gleichzeitig existiert eine gewisse Routine bei der Durchführung von Projekten zu bestimmten Themen. Auch wenn der Großteil der Mitarbeiter, die in Industrieprojekten eingesetzt werden, nur eine gewisse Zeit in Fraunhofer-Instituten arbeitet, gibt es gerade auf Ebene der Gruppen- und Bereichsleiter langjährige Mitarbeiter, die DOs und DONTs kennen sollten. Die Rekrutierung von Fraunhofer-Kollegen durch Unternehmen ist normal. Gleich anderen Unternehmensberatungen (eine Rolle, die Fraunhofer in gewisser Weise spielt) kommt man als Mitarbeiter mit sehr vielen Unternehmen in Kontakt, deren Türen für den persönlichen nächsten Schritt offen stehen, wenn man gut ist. Ich habe sehr oft ehemalige Fraunhofer-Mitarbeiter in großen Unternehmen getroffen, über die schließlich auch Projekte beauftragt werden.

Braun Uhr

Ich selbst habe die mehr als vier Jahre an unserem Institut genossen, allein schon wegen der Kollegen und unserer Institutsleitung. Ich bin froh, das ausprobiert zu haben; viele Projekte fand ich sehr positiv, weil die Auftraggeber offen waren und unterstützend: Das war selten ein Gegeneinander, viel häufiger zog man gemeinsam an einem Strang. Doch während der vier Jahre wurde mir auch klar, dass ein Job in dieser Branche paranoid machen kann oder wahnsinnig. Wahnsinnig in der Form, dass man immer wieder Details findet, die einen fragen lassen, warum sich die Welt überhaupt bitte noch dreht.  Paranoid, weil es im Kollegenkreis den ein oder anderen gibt, der alles Neue ablehnt und Angst hat vor allem. So möchte ich niemals werden.

Im oben erwähnten Chaosradio sagte Frank, dass das Bedürfnis, irgendetwas mit Orchideen oder Holz zu machen, nirgends so verbreitet ist, wie im Bereich der IT-Security. Diesen Schluss und daraus die Konsequenzen habe ich nun gezogen.

Auf einer Konferenz in Berlin

Nichts mit Orchideen werde ich machen und nichts mit Holz, aber auch nichts mehr mit IT-Sicherheit.
In Academia werde ich bleiben.

Nachtrag am Sonntag: Dieser Beitrag spiegelt hoffentlich meine generelle Tendenz bezüglich Fraunhofer als Arbeitgeber wider: Den Arbeitsvertrag würde ich genau wie vor vier Jahren wieder unterschreiben. Neben den oben erwähnten Spannungsfeldern bietet Fraunhofer das, was man gemeinhin anderen Unternehmensberatungen nachsagt: Einblick in viele unterschiedliche Firmen und eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte. Natürlich setzt man irgendwann selbst seinen Schwerpunkt auf etwas, das einen interessiert. Manche Kollegen kümmern sich seit Jahren um die Sicherheit von Smartphones, andere schreiben Betriebssysteme oder bauen Hardware. So lange Industrieprojekte in diesen Bereichen anstehen, kann man sich selbst die Nische suchen, in der man sich austoben möchte. Wenn es jedoch keine Projekte im eigenen Schwerpunkt gibt, muss man natürlich in anderen Projekten und Bereichen aushelfen: das erweitert das eigene Wissen sehr, weil man auch mit Fragestellungen in Kontakt kommt, um die man sich sonst aus freien Stücken wahrscheinlich nie kümmern würde. In genau dieser Situation befand ich mich in den letzten Jahren. Nun möchte ich wieder zurück zum Cloud Computing und zu verteilten Systemen. Allein das ist der Grund, warum meine Zeit bei Fraunhofer endet.

Ein Gedanke zu „Wir müssen reden. Ich habe jemanden kennengelernt. [Update]

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