Totes Humankapital ohne Rendite

In letzter Zeit ist mir häufiger aufgefallen, wie mittelmäßig viele Leute sind. Damit meine nicht, dass sie mental auf einer fragwürdigen intellektuellen Stufe stehen oder von der Veranlagung her nicht in der Lage sind, Dinge zu verstehen; ich rede davon, dass ihnen Details nicht wichtig sind, die überall auftauchen: In ihren täglichen Handlungen, ihrer Rede, ihrem Verhalten, in den Produkten, die sie erzeugen. Ich rede von einer Eigenschaft, die damals im Bewerbungsgespräch bei einer der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften als Stärke präsentiert wurde: Pragmatismus. Mach nicht zuviel (es reicht, wenn der Kunde nicht mault)!

Ein Beispiel erlebte ich im Rahmen der Europawahl vor wenigen Wochen. Ich zog Italien dem deutschen Wetter vor und habe Briefwahlunterlagen bestellt. Diese bestanden aus zwei Formularen und zwei farbigen Umschlägen. Die Formulare passten nicht in den Umschlag.

Wahlumschlag

Das zweite Beispiel (und einige andere) betreffen die Schreibweise meines Namens. Ich weiß, dass mein Name mit einfachem »i« verbreiteter ist als der mit »ie«. Doch wenn ich eMails von anderen Bereichsleitern bekomme, mit denen ich in der Vergangenheit bereits per eMail kommunizierte, oder wenn ich ein Paket mit Fahrradteilen von ebay empfange – und ebay hat dem Versender natürlich meine Anschrift korrekt mitgeteilt! – dann verstehe ich nicht, wie man den Namen falsch schreiben kann.
Ich unterschreibe meine eMails mit ihm.
Er steht korrekt im ebay-System.

Es geht nicht darum, dass jemand meinen Namen falsch schreibt, weil er die Schreibweise nicht kennen kann. Es geht darum, wie wenig wichtig ist, was ich vorher in eMails geschrieben habe, wie wenig aufmerksam sie lesen, wie egal ihnen das ist, wie wenig Anspruch sie haben.

Adressaufkleber

Das hat mit dem Pragmatismus zu tun, mit dem Hinschmieren und -rotzen von Output. Genau das wird überall vermittelt: Schüler haben ein Jahr weniger Zeit für ihr Abitur, es muss mehr Stoff behandelt werden in gleicher Zeit, weil man sonst nicht genug zum Unternehmensertrag beitragen kann und das ist, was ein guter Freund bereits vor Jahren in seinem Xing-Profil schrieb:

Totes Humankapital ohne Rendite

Mittelmaß bringt uns nicht voran. Mittelmaß ist wie das Mittlere Management im eigenen Saft: Absitzen der Zeit, nicht verhungern am langen Arm eines Arbeitgebers, für den Mittelmaß das ist, was wir überall sehen: Der Status Quo und genug, um Geld zu verdienen.

Pragmatismus und Mittelmaß sind Grabsteine des eigenen Anspruchs.

11 Gedanken zu „Totes Humankapital ohne Rendite

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Wie oft mein Nachname ein „h“ zuviel verpasst bekommt, wie oft das „von“ weggelassen wird… auch ich rege mich nicht über die Sache an sich auf, sondern über die Gleichgültigkeit dahinter. Und als Lehrerin kann ich Dir auch das schöne Zitat eines Abiturienten vor ein Wochen anbieten, den ich darauf angesprochen haben, sich doch bitte schon allein des Eindrucks auf den Prüfungsvorsitzenden wegen unglaublich gut vorzubereiten, souverän zu wirken und bittebitte keine Tippfehler auf den PPT-Folien zu präsentieren. Das Ende vom Lied waren 16 Folien, auf jeder einzelnen stand „Ghandi“ – das Thema des Vortrags!! -, der Vortrag war grottig, der Vorsitzende allerdings gestresst-angefressen gab dann eine wesentlich bessere Note. Im Gespräch danach sagte der Schüler: „Man hat mir schon in Klasse 5 gesagt, dass ich viel besser sein könnte, aber wozu denn, es geht doch auch so.“

  2. Ja, mich macht das auf lange Sicht wirklich fertig. Ich versuche, mich gegen solche Menschen zu schützen: So lange man privat ist, kann man sich gut entziehen. Im Beruflichen jedoch kann man nur selbst flüchten. Nur wohin? Nach allem, was ich sehe, sind die meisten Wege ungangbar.

    Tocotronic sang einmal ein treffendes Lied – Überzahl:

    Manche Menschen sind, man muß es leider sagen
    Prinzipiell ja eher schwierig zu ertragen
    Doch was soll der Kampf und was soll die Qual
    Sie sind ja sowieso in der Überzahl

  3. „Die Formulare passten nicht in die Umschlag [sic]. Das zweite Beispiel (und einige andere) betreffen die Schreibweise meines Namens. Ich weiß, dass die [sic] mein Name mit einfachem »i« verbreiteter ist als der mit »ie«.“

    Prinzipiell große Zustimmung zum Post. Aber in einen Text über die verbreitete Mittelmäßigkeit in drei direkt aufeinanderfolgenden Sätzen gleich zwei Rechtschreibfehler zu übersehen, ist halt genau der Punkt.

    Mittelmaß ist nicht Unwillen oder Inkompetenz, sondern Pragmatismus und falsche Anreize. Arbeit- und Auftraggeber belohnen keine vermeintlich unnötige Mehrarbeit. Besser schnell und „ok“ als langsam und „perfekt“. Man lernt nach und nach, dass der „eigene Anspruch“ in der vorgegebenen Zeit meist nicht erfüllbar ist. Mehr Zeit in ein Projekt zu investieren, verzögert das nächste und kann entsprechende Auswirkungen aufs eigene Bankkonto haben. Das ist bei Angestellten inzwischen genauso wie bei Freiberuflern. Mittelmaß bringt „uns“ vielleicht nicht voran, aber es bezahlt die Miete und verringert das Risiko mit 54 nen Herzinfarkt zu bekommen.

    Über die Sache mit den Briefwahlumschlägen habe ich mich übrigens auch gewundert/ geärgert.

  4. Natürlich musste mir das an dieser Stelle passieren, danke für den Hinweis. Ich habe die Rechtschreibfehler inzwischen verbessert.

    Ansonsten mag Mittelmaß ein Schutz vor Herzinfarkt sein. Aber die Zeitungen würden heute den Tod eines vierundfünfzigjährigen Mittelmaßverwalters sicher nicht thematisieren, wie sie das machen im Fall eines Menschen, der einige Dinge wirklich vorangebracht hat.

    Ich glaube jedoch nicht, dass Anspruchsvolle immer so enden.

  5. Wie nun mal die Dinge liegen
    Und auch wenn es uns missfällt
    Menschen sind nur Eintagsfliegen
    Vor den Fenstern dieser Welt.

    Es ist hart und frustrierend, wenn kaum Aufmerksamkeit da ist. Mich ärgert das schon bei Menschen in der Ubahn. Und bei Kollegen? Ach komm, jeder macht sein Ding. Geh mal zwei Monate in Elternzeit und wundere dich über die Verwunderung der anderen, wenn du wieder zurück kommst: denn sie haben sich dran gewöhnt, dass du weg warst, jeder ist ersetzbar, das Leben geht weiter, das System funktioniert (Luhmann). Das zu kapieren und sich darüber nicht zu grämen ist die eigentliche Leistung des Erwachsenseins. No complain, no explain! Empfiehlt der englische Adel, was soviel heißt wie „Beschwere dich nicht, erkläre dich nicht“. Mein Vorname wird häufig auch falsch geschrieben. Mit J wie Joker.

    1. Es geht ja nicht um Ersetzbarkeit. Natürlich ist ein Angestellter ersetzbar, da er nur ein kleines Rädchen im Unternehmen ist. Schwieriger wird’s bei jenen, die wirklich etwas bewegen.
      Aber geht es denn um Ersetzbarkeit? Weiß ich nicht.
      Ich finde – und das hat Holgi hier geschrieben – dass es um die Gleichgültigkeit geht, mit der man Dinge verrichtet. Wenn man in einem bestimmten Umfeld nicht mehr Kraft investieren möchte, lohnt vielleicht die Überlegung, das Umfeld zu wechseln.

  6. Hallo Niels,

    schade, dass Du meinen Kommentar gelöscht und nicht mal per Mail begründet hast, warum das geschehen ist.
    Backling zu Deiner Blog-Verlinkung in G+: https://plus.google.com/117361312099248253853/posts/hgnkQ4itfSm

    Katja: Das ist ja meist das oberschlimme: meist kann man mit Investition von zehn Prozent mehr Arbeitszeit die Lösungsqualität um einvielfaches davon verbessern, sodass die Effizienz gesteigert wird; sowohl die der Entwicklung der Lösung als auch die bei der „Anwendung“ der Lösung.
    Meist wird dadurch eine schnelle Lösung mit einer effizienten verwechselt.

    Niels: „lohnt vielleicht die Überlegung, das Umfeld zu wechseln.“. Das wird ab einem bestimmten Alter und – selbst heutzutage weiterhin – ab einer bestimmten Anzahl schwierig. Meist hat man auch nicht genug Einblick in die Firma, um beurteilen zu können, ob die Mitarbeiter durchschnittlich weniger gleichgültig sind.
    OK. Du bist offensichtlich noch jung… Wie geschrieben: Sieh zu, das Du selbst nie Anlass für Kollegen, Kunden oder Mitarbeiter Anlass wirst, gleichgültig zu werden!

    1. Hallo Henning,

      entschuldige, aber ich habe keinen Kommentar von Dir gesehen. Es kann sein, dass den mein Spam-Plugin direkt gefressen hat – warum auch immer. In den Logs habe ich allerdings auch nichts gesehen.
      Auf G+ sehe ich Deinen Kommentar, wenn Du magst, übertrage ich ihn hierher.

      Und ja: Ich bin noch ,,jung“. Bzw: Nein. Alterskollegen verneinen das teilweise schon, aber ich fühle mich immerhin noch so. Und für Gehen und etwas Ändern ist es nie zu spät. Nur nehmen die externen Verpflichtungen zu: Der Eine hat ein Haus zu bezahlen, der andere die Leasingraten für sein neues Coupé. Fragt sich, ob es das wert ist.

      1. Hallo Niels,

        wenn das Plugin es gefressen hat, unterstelle ich Dir natürlich kein aktives Löschen mehr.
        Ich habe neulich mal einen nicht ganz ernst gemeinten Test auf das geistige Alter gemacht. Demnach ist meinest 32 Jahre. Das ist ziemlich genau das, was ich empfinde aber dann doch nur 2/3 meines körperlichen Alters.

        Worauf ich mit meinem G+-Beitrag hinaus will: Beklage den Missstand, sprich ihn an! Insbesondere bei denen, die sich im beklagten Zustand befinden. Halte ihnen den Spiegel vor! Aber stell Dich nicht über sie! Du selbst könntest mal werden wie sie, Du wirst für den ein oder anderen der Anlass werden, so zu werden und nicht wenige werden mal so wie Du jetzt gewesen sein.

        So wie Du dein Verhalten im Posting beschreibt, ist es scheinheilig.Du beklagte etwas, möchtest aber vermeiden, „dich dreckig zu machen“ und damit Gefahr zu laufen, nicht mehr (ganz) „zurück“ zu kommen. Scheinheilig. Abgehoben. Scheinheilig!

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