Tosende Stille

Mama,

ich erinnere mich an den Anruf vor etwas mehr als zwei Jahren, an Dein „Ich habe Krebs“ und wie still es danach war in der Leitung. Ich habe die Detonation gespürt, die Deinen Unterleib zerfetzt hat, ohne sie zu hören. Ich erinnere mich noch gut an den Anruf.

Ich erinnere mich, dass Du mich batest, mit Dir in die Klinik zu fahren am Tag vor der großen Operation. Dass ich auf der Veranda stand und einen Punkt in den Feldern fixierte, als Deine noch benommene Stimme am anderen Ende sagte, Dir ginge es gut.

„Mir geht es gut“ ist ein Satz, an den ich mich gewöhnte, weil ich ihn tausendfach hörte. Du hast ihn mir immer gesagt, weil ich Dein Sohn bin. Ich kann mich an viele Bausteine erinnern, die ein Mosaik ergaben mit jenem Satz als scharfer Kante zwischen den grellen Flächen. Oft musste man gutgläubig sein, Dir diesen Satz zu glauben. Ich habe ihn geglaubt, weil ich Dein Sohn bin.

Als ich Dir erzählte, ich wünschte mir nur halb so viel Kraft zu haben wie Du, hast gesagt, dass ich sie hätte.
Ich soll so viel Kraft haben wie Du, die immer wieder aufgestanden ist, auch wenn niemand mehr glaubte, Du könntest überhaupt noch sitzen? Soviel Kraft wie Du, die immer wieder aufgestanden ist, auch wenn die Kraft dafür fehlte? Die vor einem Monat noch sagte, sie hätte sich mehr Zeit gewünscht – trotz allem?
Trotz all dem?

Ich erinnere mich an das Gespräch mit der Ärztin vor sechs Wochen und an ihre Einschätzung, uns blieben bestenfalls noch vier Wochen. Ich erinnere mich auch an Dein grimmiges „Der werde ich’s zeigen!“.
Was haben wir darüber gelacht am vorvergangenen Wochenende.

Kaum einer weiß von Deinem Lebewohl, dass Du mich anriefst am letzten Mittwoch; die, die es wissen, können nicht glauben, wie Du das geschafft hast. Dein Name stand auf meinem Telefon und ich hörte es rascheln am anderen Ende der Leitung und dann eine Stille. Ich habe Deinen Namen gerufen in der Hoffnung, Du würdest ihn hören. Nein, ich habe nicht Deinen Namen gerufen;
ich habe „Mama“ gerufen.

Ich glaube, Du hast das gehört.
Vielleicht auch das Danke danach, in der tosenden Stille.

gone

Ein Gedanke zu „Tosende Stille

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