Sei Bewegt

Früher war nicht alles besser. Berlin zum Beispiel war gestern so gut wie niemals zuvor, nicht einmal, als ich monatelang gependelt bin. Wir haben uns vor das Café St. Oberholz gesetzt, was ich seit Jahren nicht schaffte, eine überteuerte Quiche gegessen und tranken Club Mate. Wir waren die einzigen ohne MacBooks (ohne Laptops generell), die einzigen, die sich miteinander unterhielten und dem überforderten Barmann beim Einholen der Markisen halfen. Es war nicht dieses Gefühl, das man abends in Italien oder München spürt, wenn man an den Straßen sitzt und die Flanierenden beobachtet; es war anders und schön auf seine eigene Weise. Sowieso, wir verstanden uns gut.

George

Was ich gestern erzählte, fällt mir jetzt auf meinem Sitz in diesem Zug wieder ein: Als das Pendeln aufhörte vor etlichen Jahren und eine andere Zeit begann, da vermisste ich nichts als das Zugfahren, die regelmäßigen vier Stunden, die ich für mich hatte mit meiner Musik und meinen Gedanken. »Ob ich tauschen möchte« fragst du. Die Antwort fällt mir leicht, früher war nicht alles besser.

Zirkuszelt

  

Du erzählst von deinem ersten Sommer in Berlin, ich von einer Zeit in Marburg, in der du bereits gegangen warst. So saßen wir den Abend vor dem St. Oberholz, tranken zwei Mate. Irgendwann sagtest du, du müsstest jetzt gehen. Und ich – natürlich – brachte dich zum Zug, fuhr ein Stück deines Weges in Richtung meines Hotels. 

Wanda Zirkus

Und auch wenn sie in Berlin jetzt italienische Rennräder fahren weil man das eben jetzt macht, dann habe ich in diesem Zug nunmehr sechs Stunden für mich, für die Musik und für die Gedanken. Und wenn man gute Kopfhörer besitzt und alte Platten hört – Delbo zum Beispiel oder Angelika Express – genau dann ist es heute besser als damals.

t: Delbo

 

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