Ein Bild flackert, in dem man sich sieht. Wie man sich immer sehen will, schreibt man ins Notizbuch, das man später in der Bahn verliert.

Wir haben über Scheinprobleme gesprochen, wir haben sie durchdiskutiert, wir haben uns gegen sie entschieden. Wir haben über die Todesstrafe gesprochen, über Religion.
Wie oft musst du vor die Wand laufen bis der Himmel sich auftut? Seit es eine Stunde früher dunkel wird, schließen wir manchmal die Tür und machen uns unsere Gedanken, wir rufen uns an und erreichen uns nicht.
Wir schlittern, halten uns an Texten fest und Gitarren.
Wir schreien und nennen es Lieder.
Uns fehlen die Texte,
die Titel kennen wir schon.
– Foto: Caspar-Urban Weber
Es ist so einfach dich zu lieben,
ich brauch mir keine Mühe geben,
das ist, weil ich es bin
und du es bist
– Tom Liwa – Mati
Schau der junge Mann dort drüben, der jünger aussieht als er ist,
der lacht und Notizen macht mit seinem Stift.
Über was er lacht, werd ich nie wissen,
doch ich ahne es am Blick, dass er jemanden vermisst.
Und wenn ihn seine Mutter fragt, ob er jemanden denn liebt,
dann wird er sagen »je nachdem, wie du es siehst,
hörst du die Musik denn nicht,
die ein Lächeln in mein Schweigen bricht?«
Der Tod stellte seine Sense in die Ecke und stieg auf den Mähdrescher.
Denn es war Krieg!
– german-bash.org
Nichts erhellt den Raum, Kerzen anzünden haben wir vergessen, als wir die Lampen löschten. Weil uns alles zu hell war, weil man im Dunkel besser reden kann – das auch.
Hör mal, sagt sie. Und ich höre; was mich vor Monaten zermürbt hätte, finde ich heute gar nicht so schlimm. Ich sage ihr ein Liedzitat und dass sich mich noch lange hat.
Und weiß, wenn sich jetzt etwas ändert, dann zum Negativen. Tocotronic singen »Ich möchte irgendwas für dich sein«, ich stimme in den Chor mit ein.
Später rufe ich an, sie hört sich nicht gut an. Nein, sagt sie.
Nachdem sie aufgelegt hat, liege ich lange noch wach.
Und du fragst, warum ich Kampfsport betreibe?
Es ist ein Abschnitt eines langen Weges. Die Diskussion über das, was sie Feiern nennen, ist fruchtlos. Wird abgelehnt, gehasst und aus den Erfahrungen der letzten Wochen und Monate bestätigt: ist nichts.

Keinen Spaß konstatiert man, was nicht stimmt. Anders, wirft man ein, nicht so.
Man trifft aufeinander, zwei Gruppen, disjunkt. Menschen die man mag, schätzt, liebt, und mit denen man die Zeit nicht verbringen kann. Nicht dann.
So ignoriert man Fragen, wie man Spaß haben könne so ohne alles, um die Antwort wissend, die der andere nicht versteht. So ist man allein, fühlt sich einsam und weiß, es gibt wenige – aber es gibt sie – die erlauben
einander im
freien Fall
festzuhalten.
Ich bin optimistischer als noch im Jahr zuvor.
An meinen Augen könntest du sehen
dass die Stunden für mich nicht vergehen
Die Unendlichkeit dauert so lang
wenn man nachts nicht schlafen kann
– Die Moulinettes – Schlaflied
Und als ich sagte, daß ich geh
ich will dich nicht verlieren
und habe eingepackt
und zwischendurch lang und laut geheult
ich hab die Koffer zugemacht
Das muss irgendwann ein Ende haben, man kann nicht immer traurige Texte schreiben. Nicht nach Abenden wie diesem, links der Freund, dem man doch immer wieder über den Weg läuft jetzt, wo man nicht mehr nebeneinander wohnt. Und rechts: Du.
Wie immer, du findest Worte, an die ich nicht denke. Das ist’s wohl, werde ich sagen, Gedanken warum du der einzige bist, bei dem ich so fühle, werden mir in der Nacht den Schlaf rauben.
»Merkst du es???«
und jetzt in einer anderen Stadt
ich sitze neben mir und habe Angst
meine Freunde blieben bei dir
ich bin erschrocken und begeistert von dem Schmerz
ich hab die Koffer ausgepackt
– Go Plus – Hannover
Sie, nachdenklich, die Hand auf dem Knauf liegend.
Der AlteOh.
KorsakovNein.
Der AlteWillst du mich nicht herauslassen?
Sie öffnet im Gespräch versunken die Tür.
Der AlteDu willst mich wohl hinauswerfen!
Die NetteDu wärst bloß gegen die Tür gerannt, öffnete ich sie nicht. Du willst doch hinaus.
Der Altebeugt sich nach vorn, schwankend
Oh. Die Nette fixierend
KorsakovWie es hier jeder von dir erwartet, wie dich jeder hier kennt.
Der AlteDu siehst die Menschen an, und du weißt, was sie wollen. Du bist ein Naseweis! Du kannst riechen, was die Menschen wollen, du hast eine hübsche Nase. Du bist ein Naseweis!
KorsakovWas du willst, kann jeder hier riechen. zieht den Alten hoch, mühevoll
Der AlteEin Naseweis!
Ich habe mir Blasen gewartet, den Schaum vom Mund geschlagen, den du so magst und der nach Zucker schmeckt.
Ich sehe aus dem Fenster auf das andere Ufer, Radfahrer im Schlag der Musik treten, Familien in Tretboten stampfen, der untergegangenen Sonne entgegen
mit dem Gewissen, beim nächsten Regen
nicht zu ersaufen (der Tret-Arche wegen).
Nagel sagt – ich habe Nagel gesehen – all das sei überbewertet und nur wichtig, wie man sich fühlt zu viert im Auto, mit der Musik auf dem Weg zum nächsten Gig, alles erreichen zu können.
Die Nie-Ersaufenden kennen nicht dieses Gefühl, wickeln sich in ihre billigen Fälschungen von Burberry-Schals, treten ein wenig schneller und fester
der untergegangenen Sonne entgegen.
Sie spielen »I love you«, die Kommunardin dreht das Radio lauter. Keinen Ort, an dem ich lieber wäre, nicht bei den neuen Tonträgern zu Hause, nicht in deinem Bett.
Ich sehe deine Augen durchs Telefon lachen,
wie du weißt, dass ich lüge.

Auf »Entschuldigung« bekomme ich Mengenrabatt.
Der alte Mann, den jeder hier kennt, sagt wir haben Glück.
Den, der in seinen Büchern kokettiert, er wäre beinah immer hier, habe ich lange nicht gesehen.
Der alte Mann, den jeder hier kennt, und ich nicken uns zu;
Viel Glück sehe ich über den Rand des Pottes Kaffee.
Ich kann es brauchen
die Augen leuchten
und schlucke.
Ich sitze im Bus und lese mit,
nicht weil ich will, sondern weil ich muss.
Morgen steht vor der Tür, vor dem ich einen Monat zuvor noch Angst hatte, für den ich mir übermorgen Zeit nehme. Zu Hause, was kann schon passieren? Und diesen Preis – das weißt du – bin ich bereit zu zahlen: Dann tut’s eben weh, mit dir zu sein.
Mir wird in letzter Zeit immer schlecht
beim Busfahren.
Die Stadt wird wieder voller. Wie in sie fließt das Leben in mich zurück, reißt mich mit sich wie alte Hasen die Neuankömmlinge, die Marburg erst verdauen, kennenlernen müssen. Wahrscheinlich werden einige – wenn nicht viele – diese Stadt verachten, hassen, Freundschaften und Beziehungen beginnen die zerbrechen, merken, dass man sich nie aus dem Weg gehen kann, zu Hause sitzen, trinken, rauchen, weil man das in den Cafés dieser Stadt nicht mehr darf.
Es ist, würde ich erklären, fragte man mich, Gewöhnung auf ganz kleiner Flamme. Es dauere lang, betonte ich, wie langsam fallen, ein weiches Prallen. Man muss nur mit dem Gesicht nach unten liegen, ins Gras schauen, sich nicht umdrehen so lang man hier liegt, lebt. Wie man nicht nach hinten schauen darf.
Einer sagt, das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.
Ein anderer, dass wer nach hinten schaut und vorne rennt, die nächste Wand zu spät erkennt.
Nach einhundert Kilometern tut mir alles weh.

Leere Worte fallen aus dem Mund, die ich nicht aufheben werde. Stumpf laufe ich durch den Tag, unfähig zu reden und zu schreiben, Belanglosigkeiten reichen ihre Hand und sagen »Willkommen zuhaus’«.
Dass ich hier nicht mehr herwollte, weißt du. Weiß ich. Und gerade das macht mir so Wut.
Ich verfluche das Weltenmodell, alles scheint mir seltsam klar. Ich schwelge, schaue den Zeigern beim Wandern zu. Es regnet.
We hope you enjoyed your stay
it’s good to have you with us
even if it’s just for the day
– The Killers – Exitlude
Ich habe ihr gestern geschrieben, ich sei im Hassen besser als im Lieben.
Foto: Fotolog.com
An Tagen wie diesen sind wir fast wie Giganten. Wir trauen uns zu, alles zu verändern, den Stein der Weisen gefunden und mit Löffeln gefressen zu haben.

Das Gefühl steht irgendwann in der Tür dieses Cafés, in das wir gingen, um den Tag ausklingen zu lassen und vor dem allabendlichen Konferenz-Dinner zu flüchten. Das Mittagessen hat seine Spuren hinterlassen, noch einmal fallen wir nicht darauf herein, sagen wir uns, wissend lächelnd, dass wir den Masterplan zur Rettung der Welt in der Tasche herumtragen.
Irgendwo fahren die Freunde herum; In diesen Tagen fahren sie alle nach Norden. Hoch hinaus, sagen wir uns, wissend lächelnd, dass uns der Masterplan den Weg nach oben schon zeigen wird.
Hinten am Horizont reckt sich ein kupfergrünes Dach in den stahlgrauen Himmel. Das Gefühl steht irgendwann in der Tür dieses Zimmers, von dem man den Bahnhof gut überblickt:
Die Welt rettet man bestimmt nicht von hier -
die Fetzen des Plans weht der verregnete Wind auf die Gleise.
Der Ruhrpott macht seinem Namen alle Ehre,
das Wetter vereint sich mit der Landschaft.
»Und darum gibt es hier in jedem Dorf, in jeder Stadt einen Verein. Was bleibt außer Fußball und Selbstmord?« Der grimmig dreinschauende Rot-Weiß-Fan nickt und nimmt einen großen Schluck, der schmutzige Zug schneidet die stickige Luft.
Später wird ein Aufzug nach Rauch und nach Schweiß riechen, stinken.
Später wird ein Mensch nach Rauch und nach Schweiß riechen, stinken.
Während ein Zug die Luft schneidet,
die zu schwer ist zum Atmen.
Mit dem gebrochenen Deutsch, an das du dich über die letzten Jahre gewöhnt hast, fragt sie dich lächelnd, ob du nicht mehr gegenüber wohnen würdest. Du versuchst ebenso zu lächeln, während du wahrheitsgemäß antwortest, hoffend, dass sie nicht weiter bohrt.
Natürlich hast du – wie immer – Pech.

Du erzählst also, es sei wegen des masochistischen Nachbarn, den du nachts manchmal weinen gehört hättest. Und die Stimme jedes Mädchens, das du irgendwann kennengelernt hast, tauchte irgendwann nebenan auf.
Du erzählst also, dass du wegen der unerträglichen Nachbarschaft das Weite gesucht hast, flüchtend vor der dich stets einholenden Vergangenheit, wegen alter Erinnerungen, die dich schließlich nachts wach liegen ließen; gleich so, wie es vielen unserer Großväter ging.
Du erzählst also, alles wegen eines Mädchens.
Sie gibt das Wechselgeld und den Kaffee heraus,
wie früher.
Wie immer.
– Bild: Found Magazine
We have collected some stones and some wood
and will build a house up here
Seine Beerdigung war am Freitag in dieser norwegischen Stadt. Abends widmet der Freund ihm sein Konzert, ihr umarmt euch länger als nötig. Es zeigt, dass die Dinge dort anders liegen als hier.
Obwohl du ihn nicht kanntest, mochtest du ihn. Seit Freitag laufen seine Alben auf heavy rotation, er schafft wieder, was vielen anderen nicht gelingt.
Nicht das einzige, was bleibt.
Then we will invite you home
and offer you some wine
– St. Thomas – Waltzing around insane
Plötzlich fällt dir wie Schuppen von den Augen, warum du zugfahren so liebst:
Der einzige Ort der Welt, an dem der Platz neben dir für jemanden reserviert zu sein scheint.
Ich frage mich, immer wenn ich deinen Namen lese und ein Foto von dir sehe, wo du gerade bist, was du wohl gerade so machst.

Die Platte im Schrank verdanke ich dir, mit der ich begann, mich für elektronische Musik zu interessieren. Dass ich den Namen anschließend nie wieder gehört habe, liegt vielleicht am Landstrich, den man französischsprachige Schweiz nennt: Dort liegen Dinge begraben, die man später nie wieder sieht.
Und dieser Name – natürlich hattest du es leichter, als du sagtest, du kämest von dort – weckt eine Erinnerung, nicht die schlechteste, die lange zurückliegt.
In deinem gebrochenen Deutsch hast du dich verabschiedet
und ich sagte französisch: Bis bald.
Neunzig Minuten Fußmarsch durch die schlafende Stadt. »Und dies will eine Hauptstadt sein« denkst du, abbiegend von der beleuchteten Hauptverkehrsstraße in eine der letzten kleinen Gassen, an deren Ende sich der Hauptbahnhof und (für dich wichtiger) die Bus-Terminale befinden. Sie hat gesagt, man brauche zwei Stunden, also bist du zeitig aufgebrochen, weil du sowieso nicht schlafen konntest nach einer Woche auf dem Studentenwohnheimboden. Du hast ihr im Halbschlaf auf Wiedersehen auf die Wange gehaucht, im Hinausgehen wurde ist klar, wie schön und wichtig es war, hier zu sein.
Nicht wegen der Stadt.

Aus den Randbezirken durch das – wie man sagt – gefährlichste Viertel der Stadt, Industrieplatzromantik in den schmutzigen Straßen, monoton blinkende Parkhausleuchten, schließlich ein nervender Tourist, der seit einer halben Stunde an seinem Koffer herumklappert.
Du bist über die Tage tatsächlich Naturmensch geworden: Als du von Bergen zum ersten Mal hörtest, hattest du die Reise dorthin längst schon geplant.
Alle Menschen samma zwider,
i mechts in die Goschn haun.
Mir san alle Menschen zwider,
in die Goschn mecht ichs haun.
– Kurt Sowinetz – Alle Menschen samma zwider
Man wendet sich entschuldigend an mich, die Wochen vorher war es besser und man könne sich auch nicht erklären, warum ausgerechnet…

Meistens lege ich an dieser Stelle meine Hand auf den Mund des Gegners, die Worte abschneidend und bedächtig nickend »Ich weiß, es ist nicht das erste mal« und schaue in den Himmel; Eine Station entfernt vom Olympiastützpunkt, ein paar wenige von der großen Skisprungschanze, die ich mit keinem Blick würdige. Mich ziehts in die Stadt und in die Natur, auf die Felsen und an den Hafen.
Touristen aalen sich in der wärmenden Sonne, Ausflugsdampfer mit lachenden Kindergesichtern nehmen Kurs auf die kleine Insel voller Hasen.
Man muss hier beginnen zu
lügen
oder sich
umzubringen.
Es ist wie in schlechten Filmen, diese Busse müssen niemals tanken – weder von Göttingen nach Hamburg, noch von dort nach Kopenhagen und auch dieser hier, kurz vor Göteburg hat bisher nicht nachgetankt und ich bin sicher, dass dies auch in den nächsten vier Stunden bis Oslo nicht passiert – oder sie tanken, während ich gerade schlafe; und das ist oft.

Seit mehr als vierzehn Stunden dämmere ich zwischen Texten und Musik, diese Fahrt kommt mir vor wie das letzte Sigur Rós Album auf heavy rotation.
Fotografieren lohnt sich nicht, die Landschaft gibt sich mühe, doch fehlt, wie ich fühle: Die Musik im Ohr und der Geruch dieses doch recht neuen Reisebusses in der Nase.
Nicht mit Abstand,
wohl aber kann ich hier der Jüngste sein.