Oxford hat uns standesgemäß empfangen. Während es den ganze Zeit über regnen wird, essen wir in einem Speisesaal, der Harry-Potter-Filmen Vorbild gewesen sein kann. Später in einem Pub, das wir zufällig in einer engen Seitengasse finden, trinke ich Ginger Beer, eine völlig alkoholfreie Mischung aus Ginger Ale und ja, was eigentlich?
Mit diesem Glas klingt ein Tag aus, der viel zu früh in der kleinen Stadt begann, in der ich gerade wohne.
Ich reiße das Fenster auf in die Gasse dieses Studentenkomplexes, der zum Oriel College gehört, in dem die Konferenz und wir untergebracht sind. Ich dusche englisch und liege wenig später im Bett, auf die Nacht freuend und die Zeitverschiebung zu meiner Gunst.
Ich beiße in das Brötchen, das ich vor mehr als zwölf Stunden am Frankfurter Hauptbahnhof erstand.
Und beginne zu lesen.
(Ich trage keine Kamera bei mir. Aber Oxford kennt man aus Filmen.)
Jed the Humanoid is a song on the 2000 album The Sophtware Slump released by the Modesto, California indie-rock band Grandaddy. The song is an elegy for an android who drinks himself to death, and is taken to be central to the nature versus technology parable of the band’s sophomore album. A music reviewer for the The Guardian, Dorian Lynskey, called it “the saddest robot song ever written.”

t/p: Wikipedia
Meine aktuelle Mitbewohnerin sagt, der Sommer käme noch einmal zurück.
Ich sage, das stimmt und dass ich seit langem auf diesem Standpunkt beharre. Wir drücken uns Daumen, dass wir die letzten Sonnenstrahlen fangen, egal wo wir sind.
Man braucht mich nicht wachzutrommeln dieser Tage, wälze ich mich doch unruhig im Bett in der vielten Nacht in Folge.

Meine ehemalige Mitbewohnerin sagt, der Sommer sei vorbei.
Ich sage, dass das nicht sein kann weil das nicht sein darf. Das nämlich bedeute, wir haben den Sommer nicht zusammen verbracht. Phasenweise, stimmt. Das ist unser erster Sommer. Ist, nicht war.
Ich werde wachgetrommelt von mehr als zwei Millionen Tropfen auf meinem Dachfenster, wie ich zwei Millionen Schafe zähle abends um einzuschlafen.
Von wegen der Sommer sei vorbei!
Es regnet nicht einmal mehr!
Ich kämpfe mich gerade durch die Korrekturfahne eines fälligen Halbjahresberichts. Kämpfen darf hierbei wörtlich genommen werden, der Ausdruck und die Orthographie in der deutschen Schriftsprache ist bei vielen Informatikern bestenfalls rudimentär ausgeprägt.
So holpert man von einem Hurenkind zum nächsten Schusterjungen – der Textsatz hat sich längst der inhaltlichen Form angepasst – und überlegt, ob man seine Dissertation nicht doch auf Deutsch schreibt, wovon der eine Arbeitskollege abrät, da das eigene Deutsch blümerant und ausschweifend sei und damit für wissenschaftliche Veröffentlichungen kaum geeignet.
Gern.

Du schickst im Betreff »Waltzing around insane« und im Anhang dies Foto.
Ich frage, ob du diesen Blogeintrag kennst. Er entstand im September, fast zwölf Monate alt. Dann habe ich dich kennengelernt und den letzten Satz revidiert.
Das Inlay seines letzten Album ist leer.
Du misst die Tage in Urlauben, ich in Sekunden.
Ich klinge traurig
doch tanze unsinnig umher.
Es sind ja bloß zweieinhalb Millionen Sekunden.
Ich saß schon lange nicht mehr hier mit dem Vorsatz, mit dem ich gerade hier sitze – und oft sitze ich hier. Vor mir stapelt sich die ZEIT von letztem Donnerstag und zwei Bücher, in denen ich gerade abwechselnd lese.

Doch: Ich habe Arbeit mitgebracht, die ich hier erledigen möchte. Schon große Teile meiner Diplomarbeit sind in den Cafés dieser Stadt entstanden, eine Angewohnheit, die ich irgendwann fallen ließ, ich weiß nicht warum.
Auch wenn ich viele der Web-2.0-Attitüden nicht besonders schätze, mag ich die Vorstellung, in Cafés zu arbeiten bzw. nicht auf einen Arbeitsraum festgelegt zu sein, sehr gern; auch wenn ich in Holm Friebes »Wir nennen es Arbeit« steckenblieb, auch wenn ich mittlerweile den Kopf über die üblichen A-List-Blogger schüttle.
Ich schätze dieses Café.
f: FOUND Magazine
Es ist schon Viertel nach Vier;
Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.

Manchmal wünsche ich mir den Winter zurück. Gestern noch habe ich mir den Sommer gewünscht, jetzt wo der da ist, hört es kaum zu regnen auf. Wären die Wolken doch endlich fort….
Alles ist besser
als du dort
und ich hier.
Draußen prasselt der Regen, du bist so weit weg
und innen klingt dieses Lied.

Erich Kästner (1929)
Sachliche Romanze
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen, sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden,
wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie noch immer dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Ginge es nach ihm, müsste ich schreiben wie ein Berserker.
Blumfeld sangen mal etwas von dunklen Wolken, die man noch 38 Tage aushalten muss just in diesem Moment. Morgen beginne ich den Weg nach Marburg, was ich mein zu Hause nenne. 37.

Für sie zählen nur die 28, die andere für mich wertlose Nenngröße. Aber ich freue mich für sie, zehn weniger, mehr als ein Drittel.
Wir sind zurückkatapultiert in die Steinzeit der Kommunikation (durch einen falschen Tastendruck!). Mir wird schwindlig beim Gedanken an das, was jetzt kommt. 38.
Just in diesem Moment.
Diese Überlebenskünstler, ich frage manchmal, wie sie das machen.
Die beim Theater.
Ich hätte wirklich nicht geglaubt, dass mich ein elektronisches Gerät noch einmal so begeistert. Vielleicht bin ich für andere wieder in eine Richtung gerückt, in die ich nicht wollte, deren Habitus meinem Beruf aber anhängt.

Ach, und wenn schon.

Drei Störfälle in französischen Atomanlagen innerhalb der letzten drei Wochen, gestern wurden laut dem Stromkonzern EDF einhundert Mitarbeiter der Atomanlage Tricastin leicht kontaminiert.
Menschenverachtend stuft die französische Atomaufsichtsbehörde den Störfall auf Stufe Null ein, damit auf der niedrigstmöglichen Stufe der bis sieben reichenden Störfallskala. Eine Gefahr für die Bevölkerung habe zu keinem Zeitpunkt bestanden…
Mut machen die Störfälle in Frankreich nicht; sie könnten hier die Informationspolitik beeinflussen, um die Bedürfnisse der Atomlobby durchzuknüppeln.
Biblis (u.a.) ist von der gleichen Bauart und ungefähr gleich alt.
Dieses Wetter da draußen hat dennoch sein Gutes.

Man empfindet das eigene Büro nicht mehr als so karg wie noch gestern, weil die Tischleuchten den Schreibtisch in ein warmes Gelb hüllen. Draußen vor der Tür summen vertraut die Computer und hier hat man zum Lesen einen Stapel Papier.
Ich bin viel unterwegs zur Zeit; zwischen Spanien, dem Chiemsee und England pendle ich im Büro vorbei. Es gab Zeiten, in denen ich unglücklicher war. Sie liegen nicht lange zurück.
»Arbeit ist eine Grundbestimmung menschlichen Lebens.«
(Erzbistum Freiburg)
Der Kaffee schmeckt, leider nicht gut.
Die Rosinen des Brötchens kleben zwischen den Zähnen.
Über die Dächer dieser Stadt pfeift ein Wind, vor dem dich die Mauer hinter deinem Rücken schützt.
Irgendwo drüben klingelt die Kirche, bald geht es zum Morgengebet, die ungewöhnlich schwache Sonne gibt ihr bestes, um dich mit dem Tag zu versöhnen.

Man sieht die Dinge anders von oben, haben wir gestern erklärt. Man hat uns zugestimmt und gesagt, dass sei trotzdem schwierig.
Und irgendwann habe ich einen dummen Satz gesagt, über den ich mich später ärgerte. Irgendwann danach bin ich dann gegangen und habe allein gegen mich im Schach verloren. So stülpen wenige Viertelstunden den Mantel der Melancholie über einen sonst guten Tag. Dazu gab es einen Beutel Tee, den man mir aus Hannover schickte vor Wochen.
Der Kaffee ist leer, Wolken verhängen die Sonne.
Die Rosinen des Brötchens kleben zwischen den Zähnen.
Über die Dächer dieser Stadt pfeift ein Wind.
Auf der Treppe ein Pfeil. Ihm folgend die emaillierter Petrischale, ein Unterteller als Deckel. Es riecht und sieht aus wie Spinat. Bewegende Knoten suhlen sich tarngrün durch den Schlamm.

Nächstes Mal, Katze, isst du bitte auf!

»Landflucht« sage ich, sei das, was ich mache. Und du: »Eher Stadtflucht.« Ich widerspreche, immerhin ist Spanien keine zehn Tage her. Für weiter reichte das Kerosin damals nicht, und ich wäre sprichwörtlich über das Ziel hinausgeschossen.
Du weißt, wie wichtig das für mich war. Es ist schön, uns zu treffen, wo man sich vor sieben Monaten traf. Die Umstände sind andere, sie deuteten sich damals nur an. Und noch vor einem Jahr wäre ich fast gestorben.
»Wieder ein Titel für meine Biographie« sage ich und zeige auf den alten Baum an der Ecke. Im Hintergrund schaut ein Fisch in den Himmel.
»Einmal Madrid« höre ich mich laut denken »oder doch vielleicht Barcelona.« »Oder – ach was – das hier ist doch ganz gut.«
Mit aller Melancholie.
Nur selten habe ich eine prägnantere Kurzbiographie von mir gefunden als jene, die mir Theater GegenStand in den letzten Tagen schrieb.

»Bist du schon wach?« – »Man kann dieses christliche Terror-Geläut dort draußen ja kaum überhören!«
Stünde ein Muezzin auf dem Dach meines Nachbarn – es wäre nicht weniger unangenehm aber dennoch gerecht.
Heute Abend kämpfen zwei Götzen und unten blöken Besoffene, schwenken ihre Wimpel im Takt und freuen sich, was man in der letzten Zeit gewonnen hat. Und hacken die Zähne ins Fleisch toter Tiere und sabbern und saufen und gröhlen und spei’n.
Sonntag morgen, die Bimmel klingelt zum Fußballgebet – dass heute abend nach Wien kein Stein mehr auf einem anderen steht!
public viewing [funeral] – öffentliche Aufbahrung {f}