Hier innen frieren die Scheiben. Ich besitze nichts, womit ich das festhalten kann – ich besitze nichts, womit ich dich festhalten kann. So bleibt nur das Vertrauen.
Die Zeit, sagst du, rennt; seit gestern fühle ich mich jünger. Doch wenn dieser Plan, den wir teilen, wirklich wird, stelle ich hohe Ansprüche an mich selbst (und uns), Sorge tragend, vor mir zu versagen. Trotzdem bin ich sicher: So bleibt das Vertrauen.
Und wenn wir morgen zur Zusammenkunft laden, wenn die Freunde bei Käse und Wein (und guter Musik!) einander anlachen und reden, dann werde ich lieben was ich heute noch hasste; dann werden wir dankend einander zunicken können und sagen ,,wie immer war’s toll”,
so bleibt das.
Marokko liegt hinter uns; wie man sich zuredet, haben wir das ordentlich absolviert. Ausgerüstet mit einem Reiseführer, in dem stand, man solle sich vor rohem und mit örtlichem Wasser gewaschenen Gemüse in Acht nehmen … die Krankenhäuser in Marokko sind auf ihre Art und Weise beeindruckend. Gut, dass ich dort nicht lag und wir abends den Flieger nehmen konnten. Die Speisen sind, so man sie überlebt, was mich heute in die Sportgeschäfte der kleinen Stadt trieb. Der Spiegel lacht noch (seit gestern) und obwohl ich jetzt an den Geräten sein wollte, schreibe ich diesen Text.
(Aber meinem Magen geht es noch nicht wirklich gut!)
Ich dachte, ich sei zu alt für Vorsätze. Ich bin tatsächlich zu alt, um sie öffentlich zu zelebrieren.
Doch die Liste ist tatsächlich länger als Sport.
Ich sitze an dem kleinen Schreibtisch unter dem Dach und schaue durch in der Schräge eingelassenen Fenster, die vor einer Woche komplett zugefroren waren, auf die umstehenden Häuser. Daneben stapeln sich ungelesene Zeitungen, deren Lektüre ich mir für den Zug und das Flugzeug bewahre. Ein Stapel Bücher schweigt mich vorwurfsvoll an, das einzig gelesene Buch davon räumte ich gestern zurück in den Schrank.

In wenigen Stunden sitze ich am Meer in einem Hotel auf den Felsen, dessen Fenster nach Westen blicken. Ich werde – das ist das Drama – nicht zum Schreiben kommen und nur selten zum Lesen, wie ich in den vergangenen Monaten nicht zum Schreiben und nur spärlich zum Lesen gekommen bin.
Ich habe mir ausgesucht, wie es ist.
Stattdessen werde ich reden.

Das passierte zu einer Zeit, als der Streit zwischen dem Finanzamt dieser Stadt und dem Café Trauma gerade eskalierte und die Konsequenz daraus noch fern lag. In einer Zeit, in der man in niedrigen Räumen tanzte, das billige Bier noch nicht schlecht und die Musik angenehm laut war. Olli war Donnerstags immer da und man musste seinen Rollstuhl und ihn die Treppen hinauftragen und wieder hinab, die Stimmung war damals besser als in den behindertengerechten neuen Räumen, die man dem Café seitens der Stadt später zuwies.
In jener Zeit stürzte ich mich in die Menge und blieb, wo man mich fing, stehen, als er mir auf die Schulter tippte und wir ein paar Worte wechselten. Hinterher erfuhr ich, dass er ehemals in einer Hardcore-Band spielte, was ich ihm heute, Einblick wegen fehlgeleiteter Freunde habend, hoch anrechne.
Ich erzählte lange, ich hätte mich monatelang nicht gewaschen, wo sein Finger meine Schulter berührte. Das war gelogen wie das Früher war alles besser weiter oben.
Aber es hatte mehr Charme.
Wer auf Weihnachtsmärkten Glühwein trinkt, stört sich nicht an dieser billigen Art von Musik, sage ich. Du warst schon immer der Tolerantere von uns beiden und hast für vieles Verständnis. Wir sind ein perfektes Paar sage ich nicht bloß, weil es ist, was ich hoffe.

Ich habe, erzähle ich zu Dir gedreht, einmal in meinem Leben Glühwein probiert. Noch habe ich nicht entschieden, was mir weniger schmeckt, doch geht es mir ähnlich wie mit Apfelwein (wenngleich: vielleicht war der selbstvergorene meines Vaters kein guter Kandidat). Ich habe, und das meine ich ernst, mich nie wohl gefühlt in einer Gruppe Menschen wie diesen.
Ich bin glücklich in diesem Café dort unten am Fluss oder in jenem am See. Sogar in Berlin (sogar dort!) gibt es diesen Ort, den ich etwas vermisse (entgegen diesem Moloch von Stadt).
Du sagst über den Weihnachtsmarkt in deiner Stadt, das wäre ein Ziel für Terroristen.
Allein: Was will man dort denn erreichen?
Und: Bedenke, der Glühwein!
Betritt man den Laden des sizilianischen Schusters, dem ich meine Schuhe bisher anvertraute, fällt der Blick sofort auf eine ältere DeLonghi Erspressomaschine, die Platz gefunden hat auf einem mit Lederschuhen überladenen Tresen. An der Wand zeugen unzählige Fotos von der Bekanntschaft mit zahlreichen Berühmten und Unbekannten; Unter anderem hängt das in diesen Kreisen vielleicht unvermeidbare und vergilbte Portrait des Padre Pio hinter der Kasse.
Verschwindet er in seiner Werkstatt, um letzte Arbeiten am abzuholenden Schuhwerk auszuführen (er hält seine Prognose für die benötigte Zeit auf die Minute ein!), bleibt Gelegenheit, diese Bilder ausgiebig zu studieren. Die beim Eintreten dem Rücken zugewandte Wand unterscheidet sich von der ihr gegenüberliegenden nur durch die weit über Kopfhöhe angebrachte beeindruckend große Karte Siziliens, deren Städte und Straßen man unten stehend nicht entziffern kann.

Irgendwann schweift der Blick über die deckenhohen Regale an den verbleibenden Wänden dieses kleinen Raumes, die dem Tresen mit guten Beispiel vorangehen und die ihnen zur Aufbewahrung überantworteten Schuhe mit lieber Not verwahren. An einem dieser Regale hängt eine abgegriffene Visitenkarte, die außer dem Vor- und Nachnahmen des geschäftigen Schusters auch seinen Mittelnamen trägt: Medici.
Der Arzt konnte sich nicht entscheiden, an was ich litt, und schickte mich ohne Rezept und mit dem guten Rat fort, in den folgenden Tagen für mich zu bleiben und bei Verschlimmerung nach dem Wochenende wiederzukommen. In jener Zeit starb in unserem Arbeitszimmer ein Fisch und in der WG meiner Freundin die Katze. Und gestern ein Mensch, den ich kannte.
Der November war kein guter Monat für Lebewesen, wir liegen gekauert und blecken unsere Wunden.
Hier kannst du mich finden, wenn du mich brauchst.
Es geht das Gerücht, dass ein Großteil der Cafés und Bistros im alten Teil dieser kleinen Stadt einem Clan gehören, der verschiedene Söhne mit der Leitung der einzelnen Gastronomiebetriebe betraut hat. Ich weiß niemanden, der einen Stammbaum jener Familie kennt, dessen Blätter sich mit den Besitzern der Cafés decken. Aber es gibt deutlich sichtbare Anzeichen, dass die Inneneinrichtungen, die Möbel und Stile gleicher Herkunft sind. Außerdem trifft man in diesen Cafés die stets gleichen Menschen.
Vor kurzem wurde das alte Café hier gegenüber verkauft, das in den späten Siebzigerjahren von ehemaligen Studenten eröffnet wurde (jedenfalls erzählt man sich das). Nach dreißig Jahren hat nun der letzte seine Arbeit dort beendet und das Café dem Clan übereignet. Dessen erste Handlung bestand im Umbau des Ausschanks und des kompletten Wechselns der Service-Belegschaft, die teilweise seit Jahren ihr Studium dadurch finanzierte. Die neue – das haben wir gestern erfahren – ist lästig und nicht besonders geschickt; und passt damit zu dem Stil der zahlreichen anderen Cafés jener Familie. Auch die Speisekarte wurde erneuert, in zur CI passenden Worten erfährt nun der Gast (unter anderem):
Ein Kneipenbummel in Marburg, das bedeutet dann doch weniger Schicksenalarm in hochgestylten Franchisegastronomiebetrieben, sondern eher eine Atmo typisch geisteswissenschaftlicher Studiengänge mitsamt den passenden politisch korrekten Eingeschriebenen.
Noch mangelt es nicht an Alternativen.
Sehr geehrte Frau S.,
Sie fragen sich bestimmt, warum ich Ihnen einen Brief schreibe; wir kennen uns indes gar nicht. Keine Sorge, ich bin weder eine Bekanntschaft, an die Sie sich nicht erinnern, noch haben wir uns je getroffen. An Ihre Adresse und den Grund meines Schreibens gelangte ich vollständig aus Zufall.
Vor einer Woche befanden wir – meine Freundin und ich – uns zum Urlaub in der Stadt, in der Sie vielleicht noch immer wohnen. Am vorvergangenen Wochenende fand im Foyer des kleinen Kursaals im Haus des Gastes ein vom örtlichen Lions Club veranstalteter Bücherflohmarkt statt. Eher zufällig entdeckte meine Freundin diese Veranstaltung – da wir in der Nähe waren und einige Zeit hatten, stöberten wir durch die aufgebauten Regale und Kisten.
Die Ausbeute war recht umfangreich und mir fehlt leider die Erinnerung, aus welchem jener Bücher Ihr Bonusheft herausgerutscht ist (ich glaube, es war ein Buch von Dostojewski, möglicherweise „Der Spieler“).
Natürlich weiß ich nicht, ob Sie noch unter der auf dem Bonusheft vermerkten Adresse erreichbar sind. Wäre mir die Idee sofort gekommen, hätte ich einen Umweg über Ihre Straße nehmen und Ihr Bonusheft persönlich zurückgeben können – da ich frühestens in ein paar Monaten wieder in der Stadt sein werde, sende ich Ihnen also Ihr Bonusheft auf diesem Wege zu.
Ich hoffe, Sie haben es in den letzten Jahren nicht vermisst oder gebraucht.
Mit herzlichen Grüßen aus dem hessischen Marburg
bleibe ich Ihr
Niels Fallenbeck
P.S. Zu Ihrem Geburtstag nachträglich Alles Gute!
Man hat mir nie auf die Frage, was an mir gefällt, geantwortet:
Twitter
Ich habe heute dort wieder gekündigt.
Die Erkenntnis im Urlaub, Zusammenhänge lagen plötzlich wie offen vor mir. Seit ich Gedanken umgehend on air stellte, schrieb ich nicht nur weniger in diesem Blog, vor allem auch in das Notizbuch, dass ich mit mir herumzutragen pflege und aus dem ich gewöhnlich den ein oder anderen Gedanken für einen Text kondensiere und also weniger Texte an sich.
All jene Dinge sind mir wichtiger als Nachrichten im Microbloggingdienst, dessen Mitgliedschaft der jüngste Ausbruch meiner seismografischen Euphorie gewesen ist, auf die ich mich in Bezug auf die Relevanz einzelner Aspekte für mich verlassen kann.
Ich habe Briefe geschrieben und Texte mit Stift auf Papier. Man hat sie an Wände gehangen und lacht fröhlich, wenn man vorüber schreitet. So gebiert jeder Zweck sein Medium. Ich möchte wieder mehr schreiben. Daher gilt es diesen Baum (jenen einen!) zu fällen.
Willkommen sein ist mehr als Sattsein.
Pest, I. Akt
Du bist immer – wie heute – lieb und herzlich willkommen geheißen.
Dein F., 16/1/47
Draußen hat es den ganzen Vormittag leicht geregnet, es ist fabelhaftes Wetter, um sich beim Tee in eines jener Bücher zu vertiefen, die wir tags zuvor für einen beachtenswert geringen Geldbetrag erstanden. Hinten zeichnen sich die Bergspitzen gegen den grauen Himmel, einzelne Schneefelder bleiben erkennbar. Gestern standen wir nach anstrengendem Aufstieg dort und blinzelten gegen die Sonne ins vom See gezeichnete Tal.
Es wird heute kaum noch aufklaren, später werden wir dennoch unten sein am Wasser; noch trennt uns davon der Tee auf dem Stövchen. Noch ist das Gefühl, hier zu sein, unüberwindbar.
Ich dringe ein in diese kleine Stadt, vom Bahnhof her, die auf den ersten Blick nichts zu bieten hat als ebendiesen.
Ich erwische den frühen Zug am Morgen und komme bis her, durchmesse den Markt und finde ein gemütliches Café neben einem Blumenladen mit auslandender Dekoration. Ich werde begrüßt, wie man Fremde begrüßt; die Bedienung ist professionell freundlich, eine Rentnergruppe am Tisch nebenan mustert mich zeitweilen schweigend. Es sind vier Alte vor ihrem Kaffee oder Bier.
Ich höre die gleichen Kommentare, die man überall hört. Schon fühle ich mich unwohl, entschließe mich für den nächsten Zug, der mich weiter in den Süden bringt, in die große Stadt.
Ich sehne mich nach einer Sitzreihe im Zug und das allgegenwärtige, doch beruhigende Rattern der Räder. Ich sehne mich nach dem Versinken im Grillparzer, den ich morgens über die Dörfer begann. Ein Buch über Wien, das mich immer an Bernhard erinnert, die Vorfreude schürt auf das eigentliche Ziel dieser Reise.
Hinab, in das Café Juliana.
In die Berge.
Zum See.
Sie haben den Wartebereich umgebaut. Wieder saß ich zwischen Anzügen, diesmal ausnahmsweise nicht beruflich. Schon jetzt beginnt sich die Sicht auf die Dinge zu ändern, wenngleich ich erst gestern den Computer in einer Kiste verstaute: Ich lasse eMails ungelesen auf dem BlackBerry und habe Twitter deaktiviert.
Ich kaufte seit Jahren die erste Fahrkarte am Schalter und weiß erst seit zehn Minuten, wann der Zug von hier fährt; in der Stadt, in die ich reise, kenne ich mich nicht aus. Weil Eco mich nervt, habe ich die Reisebibliothek durch mehrere Reclam-Bände ergänzt und wegen eines Versehens trage ich in den nächsten Tagen zwanzig Paketaufkleber mit mir umher.
Die Reise beginnt im Speisewagen eines alten Intercity-Zuges Richtung Tübingen. Einer, den ich gestern traf, erzählte von ihr als einer der schönsten Städte des Landes. Und sagte «du weißt, dass du die falschen Antworten bekommst, wenn du die Falschen befragst».
Der blaue Himmel macht es leicht, diese Stadt zu verlassen. Es ist klirrend kalt, ein paar Botengänge trennen mich von dem Zug in den Süden – ein paar letzte Erledigungen, um mich auf die Reise vorzubereiten.

Ich habe mich für den alten Lederkoffer entschieden, der vor Jahrzehnten ein Vermögen gekostet hat. Er ist halbvoll mit Schuhen, die andere Hälfte füllt Winterkleidung, obwohl es wieder wärmer werden soll, und Bücher.
Der Hof, der in später unserem Leben eine wichtige Rolle spielen wird, liegt in den Bergen am See. Ungefähr in dieser Gegend, in die ich jetzt fahre.
Ich fahre einige Zeit fort, ich werde ein paar Tage nicht hier sein. Ich räume den Computer zusammen und werde ihn für zwei Wochen versenden, ich habe kein Ersatzgerät und verlasse die kleine Stadt.
Man wird mich unterwegs treffen im Süden. Ich werde dort sein, wo der Winter kälter ist und länger.

Ich werde Mut einpacken, eine Badehose und die Kamera. Vielleicht komme ich zurück mit Photographien von wundersamen, zu seltenen Menschen; Vielleicht aber mit nichts als rauschendem Weiß.
Das Café schien von außen interessant. Obwohl das Café, das ich liebe, einem Lounge gewichen war. Doch das allein macht in dieser Stadt lang nicht verdächtig. Außerdem war ich froh, um diese Uhrzeit noch etwas zu finden, was nicht ungemütlich aussah und nette zwei Stunden versprach. Alles unterstrich diesen Charakter: Links des alten Trolleys, mit dem ich gereist bin, illuminierte und wärmte ein moderner Gas-Kamin diesen Raum, die Musik war angenehm laut; angenehm, weil ich alleine sein mochte und auf jemanden warten, der jetzt noch nicht kam.

Drüben am Fenster rauchten zwei Männer und irgendwie war das egal. Ich versuchte an etwas zu arbeiten, was demnächst wichtig sein wird und mich zu entspannen, ich trank Kakao. «Charles» rief ich und war überhört, hier sieht und hört man aneinander vorbei. Von Zeit zu Zeit wirft jemand ein Auge und fragt ob alles in Ordnung sei.
«So ein Frühstück ist selten» sagte ich noch, mehr zu mir selbst, «Danke» und «Gute Fahrt».
Man muss schon Kafka gelesen haben, um diese deutsche Bürokratie mit einer gewissen Gelassenheit zu ertragen.
Ich kehrte gerade zurück von einem Spaziergang, den ich mit Kafka in der einen und einem alten Freund an der anderen Hand erledigt hatte. Hier oben unter dem Dach herrscht für gewöhnlich eine gemütliche Temperatur, aber irgendwann vor dem Tag der Deutschen Einheit ist eine Pumpe ausgefallen und hat das Haus in eine fahle Kühle gelegt. Der alte Freund hat darauf verzichtet, nach oben zu kommen und einen Tee einzunehmen, so blieb mir die Ruhe am Nachmittag, die von einfach verglasten Fenstern gegen die Lärmenden unten auf der Gasse verteidigt wird.

Man kann diese Stadt sehr gut orthogonal zu den Straßen durchqueren, die jene benutzen. So kommt man zu einem alten Café, in das sich selten Touristen verirren. Selbst Barbour-Jacken trägt man hier selten, man kennt sich und nickt sich wohlwollend zu. Es ist eines dieser Cafés, in das man gern allein geht, man begegnet sich dort wie selbstverständlich. So saßen wir nur wenige Stunden zuvor an einem der hinteren Tische und haben – wie man sagt – den Sonntag genossen.
Den Tee trank ich schließlich (hier oben) allein, die letzte Tasse hinterlässt noch ihren Atem in der Kühle des Raums, die sich die Kerzen langsam geschlagen gibt. Frau Hoffmann – die Katze – zuckt schlafend im Bett, sie werde ich gleich zur Seite schieben und irgendwann heute Nacht in die Gasse entlassen. Die Woche kann kommen.
(Foto: Peryton – Marburg, 16. August 2009)

Wenn ein Fluss kein Wasser führt
muss einer, der rüber will, nicht schwimmen
Ich erinnere staubige Straßen, die Palmen säumten und Männer mit alten Gesichtern. Der Müßiggang hat Einzug gehalten und fremden Bussen winkt man gern, wenn man ein Kind ist. Eine verwitterte Katze sucht Essen im Müll, schaut ängstlich und scheu und kommt man zu nah, nimmt sie Reißaus.
All das solltest du sehen, auch wenn du sagst, du kenntest das schon. Du bist woanders gewesen und hast andere Menschen erlebt. Hinterher sei man entspannter und du könntest verstehen, wenn ich anders wiedergekommen bin.
Es ist die Entwicklung, die ich seit beinah zwei Jahren merke. Ich sehne mich nach etwas, das ich nicht kannte – verabscheuen tu ich nichts neues – unter dem Strich ein Gewinn.
Es ist alles so lächerlich, ich habe die Anzeigendrohung gelesen, die ein Michel an seine Hauswand geschlagen hat. Ich habe eine böse Befürchtung; vielleicht sind nicht Menschen en gros mein Problem, sondern bloß diese. Drum versteh ich mich gut mit Du weißt wen ich meine und mit den Wenigen, die anders sind.
Ich glaube, ich möchte irgendwohin.
Komm mit mir woanders hin
ich weiß noch einen Weg
den kann man nicht alleine gehen
– Element of Crime – Bitte bleib bei mir
Hier allerdings, in dieser Hotel-Lobby kommt bei ausgewählten Webseiten lediglich die bekannte Not Found Fehlermeldung:

Man fühlt sich wie in den alten Filmen, deren Titel ich beim besten Willen nicht erinner und deren Hauptdarsteller ich niemals kannte.
Ich sitze in einer Hotellobby in Afrika. Um mich herum sind Araber geschäftig, die Einen bringen die Koffer der neu Angereisten auf deren Zimmer, während Geschäftsmänner und Händler über ihre Zigaretten und gefüllten Aschenbecher hinweg gestikulieren und reden. Ein mittlerweile ungewohntes Bild, denk ich zurück an daheim.
Weißt du, welche Bilder in mir hochkommen, schlösse ich jetzt die Augen? Die Bilder aus alten Filmen, die ich eben erwähnte. Was mich dann in die Realität zurückholt – und nur mit dem Laptop auf den Knien und WLAN in der Hotellobby wäre mir das nicht weiter aufgefallen – ist jener neben mir, der in seinen Kopfhörer brüllt und in die Webcam winkt. Ich ritze imaginäre Scharten in meine Hand, wenn sich Deutsche beschweren. Für heute ist diese Hand voll.