Das hier hat mich schon im August von den Beinen geholt als ich saß, in Kiel.
Es hat mich gestern von den Beinen geholt als ich saß, in meinem Zimmer.
Er gegenüber.
Wir zusammen.
Die Mitbewohnerin schenkt mir eine Hose jener Art, die ich seit Monaten liebe. Die anderen lachen, freuen sich gemeinsam über den vorangegangenen Abend, jetzt, wo man Zeit findet, sich darüber auszutauschen. Der Wert dieser Wohnung ist unermesslich, wir sind glücklich, ich lege die Platte auf während sie fragen
»Ist er es?«.
Er war da.
Ob sie das auch kennen, einen Menschen, der den Tag herumreißt, herausreißt? Der anruft und sagt »Ich brauche dringend Kaffee« und »Wisch’ dir gefälligst die Nacht aus dem Gesicht, in fünf Minuten werde ich da sein!« Als er geht, läuft eine CD, bei der ich den regnenden Wolken ins Gesicht lache und frage, was sie denn wollen.
Träume von Freiheit, ich beneide und habe eine Ahnung, wie sich das anfühlt, hatte die Ahnung schon am Morgen um neun, als der Regen auf den Dachpfannen platzt und gegen die Dachfenster schlägt. Ohne zu wissen wo er schläft, schließe ich die Augen mit dem Geräusch im Ohr, das er jetzt hören muss.
Sie klingelt mich aus dem Schlaf, bestenfalls drei Minuten, die enden mit
»Wir schreien morgen.«
»Wir sind unsterblich!«
Ich würde gern, doch von dem Kreis, in dem ich das zum allerletzten Mal rief, sind nur Ruinen übrig.
Weißt du noch, damals?
Der Unvernunft – oh ja – Tribut: »Wir sind unsterblich!«
Von dir weiß ich’s, du wirst mich schlagen mit dem falschen Bild, das ich mir mache.
Du sollst dir kein Bild machen – »halt’s Maul!« und poche auf den Übermut.
Ruinen liegen also auch hinter mir.
Und jetzt?
Das Ende vom Anfang ist nicht der Anfang vom Ende.
Du weißt, wie wichtig du mir bist.
Dass Briefe wieder wichtig werden, merkt man, wenn man sie vor dem Versenden noch einmal Korrektur liest.
Wenn man im Jazz-Keller sitzt, zum erste Mal in den mittlerweile sieben Jahren, neben Einem, dem es so gehen muss wie dem Protagonisten deiner Texte, wenn dich der Jazz gedanklich in Großstädte trägt und dein Nebenan fragt, warum man sich ausgerechnet hier trifft,
wenn später der Nachtregen auf das Dachfenster trommelt über dem Bett,
die Musik das Gefühl von der einsamen Freiheit nicht mitnehmen konnte (wohin auch immer sie ging),
dir beim Lidschlag Personen im Dunkeln erscheinen,
dann sollte man Briefe an diese
noch einmal lesen
zum Schluss.
November 5th, 2007
Auf den Gipfeln der Verzweiflung ist immer noch was los
No Comments, Freunde, by niels.Manchmal bedarf es den Freunden, die man selten, dann doch gerne sieht. Dem väterlichen Rat, bei dem ich schreie, bestimmte Worte nicht ertragend. Er fragte: »Habe ich dich fertig gemacht?«
Ich denke »Das mache ich selbst«.
Dass ich nicht die einzig sturmreif geschossene Burg auf den Gipfeln der Verzweiflung bin, war mir nicht bewusst. Dass ich nicht einmal eine Burg bin, daran habe ich gar nicht gedacht. Dass ich wen anderes mit Sperrfeuer an die Grenzen getrieben und staunend gewartet habe, dass er sich in den Kugelhagel wirft – auf die Idee bin ich erst recht nicht gekommen. Sie hat sich hinter einem Berg aus Angst versteckt, den ich bloß The Heights of Despair nannte.
Ich stehe wie jemand, der nicht fassen kann. Nein, ich zittere nicht.
Ich ahne und weißes , wer fast hinterm Horizont seht
- du scheinst mir selbst entfernt noch beeindruckend groß -
und sage
Verzeih
November 4th, 2007
Alles wird irgendwann irgendwie gut
1 Comment, Freundschaft, Lifestyle, by niels.Deine Gedanken faszinieren mich, deine Ansichten und dein entspannter Umgang mit »dem da draußen«. Dein Optimismus, wenn du sagst, die Welt habe keine andere Wahl als gut zu werden.
Ich beneide dich manchmal um deine Wochenenden, jetzt auch um deinen Mittwoch. Stuck in Time singen Magdalena aus dem Radiogerät. Sich selbst zu bemitleiden ist einfacher als sich aufzuzwängen
- dieses Gefühl schwingt mit und beschreibt, wie ich mich fühle.
Auch dort, nicht nur hier.
Jeder deiner Satz klingt okay, nur wenn ihn jemand anders sagt, tut es weh.
– Foto: FOUND Magazine
Heute morgen im Wald habe ich noch geträumt, wir sitzen, spielen und singen gemeinsam jenes Lied, was du wenige Stunden darauf als »ganz schön schief« aus unserer zukünftigen Set-Liste werfen wirst.
Heute morgen im Wald hörte ich der Berliner Band zu, bei jedem Schritt dachte ich, wie schade es sei, würden wir uns verlieren. Ich habe mich in der Vorstellung versucht, und ich habe es nicht geschafft.
Ich werde deine Augen nie vergessen, die mich an etwas erinnerten, das ich noch nicht kennen kann. Ich habe eine leise Ahnung und muss sie für mich behalten, ich habe eine leise Ahnung und kann sie noch nicht formulieren.
Ist das wieder so ne Phase
oder bleibt das jetzt für immer so stehen?
Werd ich jemals noch in diesem Lieben
wieder aufstehen, mich anziehen und auf die Straße gehen?
– Lassie Singers – Ist das wieder so ne Phase
Wie Pappeln im Wind weichen wir einander aus, du mir, dem der Sturm im Rücken steht, und sagst: Intuition
Ich zeige meine Füße, deute auf den Zeh und versuche ein unschuldiges Lächeln, du schüttelst den Kopf und sagst: Siehst du
Was ich sehe, eine Ulme, was ich berühre, eine Brennnessel. Du sagst: Kein Wunder
Als ich erzähle, im Wippen, im Zeigen und im Berühren, antwortest du: Träum nicht zu viel
Was bleibt?
– Foto: Found Magazine
Ein Bild flackert, in dem man sich sieht. Wie man sich immer sehen will, schreibt man ins Notizbuch, das man später in der Bahn verliert.
Wir haben über Scheinprobleme gesprochen, wir haben sie durchdiskutiert, wir haben uns gegen sie entschieden. Wir haben über die Todesstrafe gesprochen, über Religion.
Wie oft musst du vor die Wand laufen bis der Himmel sich auftut? Seit es eine Stunde früher dunkel wird, schließen wir manchmal die Tür und machen uns unsere Gedanken, wir rufen uns an und erreichen uns nicht.
Wir schlittern, halten uns an Texten fest und Gitarren.
Wir schreien und nennen es Lieder.
Uns fehlen die Texte,
die Titel kennen wir schon.
– Foto: Caspar-Urban Weber
Es ist so einfach dich zu lieben,
ich brauch mir keine Mühe geben,
das ist, weil ich es bin
und du es bist
– Tom Liwa – Mati
Schau der junge Mann dort drüben, der jünger aussieht als er ist,
der lacht und Notizen macht mit seinem Stift.
Über was er lacht, werd ich nie wissen,
doch ich ahne es am Blick, dass er jemanden vermisst.
Und wenn ihn seine Mutter fragt, ob er jemanden denn liebt,
dann wird er sagen »je nachdem, wie du es siehst,
hörst du die Musik denn nicht,
die ein Lächeln in mein Schweigen bricht?«
Der Tod stellte seine Sense in die Ecke und stieg auf den Mähdrescher.
Denn es war Krieg!
Nichts erhellt den Raum, Kerzen anzünden haben wir vergessen, als wir die Lampen löschten. Weil uns alles zu hell war, weil man im Dunkel besser reden kann – das auch.
Hör mal, sagt sie. Und ich höre; was mich vor Monaten zermürbt hätte, finde ich heute gar nicht so schlimm. Ich sage ihr ein Liedzitat und dass sich mich noch lange hat.
Und weiß, wenn sich jetzt etwas ändert, dann zum Negativen. Tocotronic singen »Ich möchte irgendwas für dich sein«, ich stimme in den Chor mit ein.
Später rufe ich an, sie hört sich nicht gut an. Nein, sagt sie.
Nachdem sie aufgelegt hat, liege ich lange noch wach.
Und du fragst, warum ich Kampfsport betreibe?
Es ist ein Abschnitt eines langen Weges. Die Diskussion über das, was sie Feiern nennen, ist fruchtlos. Wird abgelehnt, gehasst und aus den Erfahrungen der letzten Wochen und Monate bestätigt: ist nichts.
Keinen Spaß konstatiert man, was nicht stimmt. Anders, wirft man ein, nicht so.
Man trifft aufeinander, zwei Gruppen, disjunkt. Menschen die man mag, schätzt, liebt, und mit denen man die Zeit nicht verbringen kann. Nicht dann.
So ignoriert man Fragen, wie man Spaß haben könne so ohne alles, um die Antwort wissend, die der andere nicht versteht. So ist man allein, fühlt sich einsam und weiß, es gibt wenige – aber es gibt sie – die erlauben
einander im
freien Fall
festzuhalten.
Ich bin optimistischer als noch im Jahr zuvor.
An meinen Augen könntest du sehen
dass die Stunden für mich nicht vergehen
Die Unendlichkeit dauert so lang
wenn man nachts nicht schlafen kann
– Die Moulinettes – Schlaflied
Und als ich sagte, daß ich geh
ich will dich nicht verlieren
und habe eingepackt
und zwischendurch lang und laut geheult
ich hab die Koffer zugemacht
Das muss irgendwann ein Ende haben, man kann nicht immer traurige Texte schreiben. Nicht nach Abenden wie diesem, links der Freund, dem man doch immer wieder über den Weg läuft jetzt, wo man nicht mehr nebeneinander wohnt. Und rechts: Du.
Wie immer, du findest Worte, an die ich nicht denke. Das ist’s wohl, werde ich sagen, Gedanken warum du der einzige bist, bei dem ich so fühle, werden mir in der Nacht den Schlaf rauben.
»Merkst du es???«
und jetzt in einer anderen Stadt
ich sitze neben mir und habe Angst
meine Freunde blieben bei dir
ich bin erschrocken und begeistert von dem Schmerz
ich hab die Koffer ausgepackt
– Go Plus – Hannover
Sie, nachdenklich, die Hand auf dem Knauf liegend.
Der AlteOh.
KorsakovNein.
Der AlteWillst du mich nicht herauslassen?
Sie öffnet im Gespräch versunken die Tür.
Der AlteDu willst mich wohl hinauswerfen!
Die NetteDu wärst bloß gegen die Tür gerannt, öffnete ich sie nicht. Du willst doch hinaus.
Der Altebeugt sich nach vorn, schwankend
Oh. Die Nette fixierend
KorsakovWie es hier jeder von dir erwartet, wie dich jeder hier kennt.
Der AlteDu siehst die Menschen an, und du weißt, was sie wollen. Du bist ein Naseweis! Du kannst riechen, was die Menschen wollen, du hast eine hübsche Nase. Du bist ein Naseweis!
KorsakovWas du willst, kann jeder hier riechen. zieht den Alten hoch, mühevoll
Der AlteEin Naseweis!
Ich habe mir Blasen gewartet, den Schaum vom Mund geschlagen, den du so magst und der nach Zucker schmeckt.
Ich sehe aus dem Fenster auf das andere Ufer, Radfahrer im Schlag der Musik treten, Familien in Tretboten stampfen, der untergegangenen Sonne entgegen
mit dem Gewissen, beim nächsten Regen
nicht zu ersaufen (der Tret-Arche wegen).
Nagel sagt – ich habe Nagel gesehen – all das sei überbewertet und nur wichtig, wie man sich fühlt zu viert im Auto, mit der Musik auf dem Weg zum nächsten Gig, alles erreichen zu können.
Die Nie-Ersaufenden kennen nicht dieses Gefühl, wickeln sich in ihre billigen Fälschungen von Burberry-Schals, treten ein wenig schneller und fester
der untergegangenen Sonne entgegen.
Sie spielen »I love you«, die Kommunardin dreht das Radio lauter. Keinen Ort, an dem ich lieber wäre, nicht bei den neuen Tonträgern zu Hause, nicht in deinem Bett.
Ich sehe deine Augen durchs Telefon lachen,
wie du weißt, dass ich lüge.
Auf »Entschuldigung« bekomme ich Mengenrabatt.
Der alte Mann, den jeder hier kennt, sagt wir haben Glück.
Den, der in seinen Büchern kokettiert, er wäre beinah immer hier, habe ich lange nicht gesehen.
Der alte Mann, den jeder hier kennt, und ich nicken uns zu;
Viel Glück sehe ich über den Rand des Pottes Kaffee.
Ich kann es brauchen
die Augen leuchten
und schlucke.
Ich sitze im Bus und lese mit,
nicht weil ich will, sondern weil ich muss.
Morgen steht vor der Tür, vor dem ich einen Monat zuvor noch Angst hatte, für den ich mir übermorgen Zeit nehme. Zu Hause, was kann schon passieren? Und diesen Preis – das weißt du – bin ich bereit zu zahlen: Dann tut’s eben weh, mit dir zu sein.
Mir wird in letzter Zeit immer schlecht
beim Busfahren.
Die Stadt wird wieder voller. Wie in sie fließt das Leben in mich zurück, reißt mich mit sich wie alte Hasen die Neuankömmlinge, die Marburg erst verdauen, kennenlernen müssen. Wahrscheinlich werden einige – wenn nicht viele – diese Stadt verachten, hassen, Freundschaften und Beziehungen beginnen die zerbrechen, merken, dass man sich nie aus dem Weg gehen kann, zu Hause sitzen, trinken, rauchen, weil man das in den Cafés dieser Stadt nicht mehr darf.
Es ist, würde ich erklären, fragte man mich, Gewöhnung auf ganz kleiner Flamme. Es dauere lang, betonte ich, wie langsam fallen, ein weiches Prallen. Man muss nur mit dem Gesicht nach unten liegen, ins Gras schauen, sich nicht umdrehen so lang man hier liegt, lebt. Wie man nicht nach hinten schauen darf.
Einer sagt, das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.
Ein anderer, dass wer nach hinten schaut und vorne rennt, die nächste Wand zu spät erkennt.
Nach einhundert Kilometern tut mir alles weh.
Leere Worte fallen aus dem Mund, die ich nicht aufheben werde. Stumpf laufe ich durch den Tag, unfähig zu reden und zu schreiben, Belanglosigkeiten reichen ihre Hand und sagen »Willkommen zuhaus’«.
Dass ich hier nicht mehr herwollte, weißt du. Weiß ich. Und gerade das macht mir so Wut.
Ich verfluche das Weltenmodell, alles scheint mir seltsam klar. Ich schwelge, schaue den Zeigern beim Wandern zu. Es regnet.
We hope you enjoyed your stay
it’s good to have you with us
even if it’s just for the day
– The Killers – Exitlude
Ich habe ihr gestern geschrieben, ich sei im Hassen besser als im Lieben.
Foto: Fotolog.com






